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„Tatort“ mit Ulrich Tukur : Prinzip heiße Luft

  • -Aktualisiert am

Verwickelt in ein mörderisches Spiel: Felix Murot (Ulrich Tukur) wird von der Vergangenheit eingeholt. Bild: HR/Bettina Müller

Der „Tatort“ mit Ulrich Tukur macht auf „Frankfurter Schule“ und ergeht sich in pseudo-philosophischem Palaver. Ein Murot-Fall mit Schwächeanfall, Dämmerzustand garantiert.

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          Die Fälle von Kommissar Murot (Ulrich Tukur) waren von Beginn an intellektuell verspielt. Polizeifilme für Fortgeschrittene, was nicht jedem gefallen kann, aber manchen über die Maßen. Ob in Zeitschleifen oder Zitatgewittern, in der Taunus-Sommerfrische oder in der Selbstbegegnung, Murots Ermittlungen dachten das Genre und Aspekte der Filmhistorie stets mit, spielten Verstecken mit Bedeutungen und glänzten mit besonderen Bildern und verzwickten Ausflügen in Dekonstruktionen.

          „Tatorte“ für Fans und Fernsehpreise also. Dieses Mal aber geht die Sache überhaupt nicht auf, trotz ausgewiesener Qualitäten der Beteiligten hinter der Kamera (Drehbuch Martin Rauhaus, Regie Rainer Kaufmann, Bildgestaltung Klaus Eichhammer). „Murot und das Prinzip Hoffnung“ ist so langatmig wie langweilig wie prätentiös. Obwohl ständig auf die „Frankfurter Schule“ Bezug genommen wird, spricht kein Mensch von Dialektik. Ernst Bloch ist der singuläre Bezugspunkt des fiktiven „Instituts für Sozialwissenschaften“, dessen Hörsaal nun in den Garten einer Kronberger Luxusvilla verlegt wird, freilich nur in einer halbpsychedelischen Rückblende des sinnfreien Gelabers. Als sei das nicht genug, muss Murot noch als alter Lateiner angeben. Wenn er nicht mit der hochmütigen Ernst-Jünger-Adeptin Franziska von Mierendorff (Angela Winkler) Bücher entstaubt und als Regalanreicher Lebenszeit vergeudet. Murots patente Partnerin Magda Wächter (Barbara Philipp), die Stimme der Vernunft und Praxis, versteht bald gar nichts mehr. Mit Realschulabschluss und dem Verdacht der Bildung aus der Bild, vermutet sie, lässt sich die aktuelle Mordserie in Frankfurt, die bereits vier völlig unterschiedliche Opfer forderte, kaum lösen. Allerdings auch nicht mit einer philosophischen Dissertation, sofern sie nicht im Fach „Krudes Zeug“ erfolgte.

          Vier Semester Fruchtlosigkeit

          Verwirrung, aber ohne Mehrwert. Alles dreht sich um Murots Studentenjahre (wie es damals noch hieß). Erst, so sagt er, wollte er als junger Mann „was“ verstehen. Nicht „die Welt“ oder Ähnliches, sondern bloß „was“. Aber auch das klappte nicht recht, obwohl er der bevorzugte Starstudent des Starschülers der Professoren der „Frankfurter Schule“ an der Uni war. Vier Semester Fruchtlosigkeit später wollte er schließlich „was“ tun und ging zur Polizeihochschule. Sein Professor, Jochen Muthesius, verzieh ihm das nicht. In dem erschossenen Obdachlosen unter der Flößerbrücke erkennt Murot sogleich den ehemals Verehrten.

          Er ist das dritte Opfer eines vielleicht irren Täters, der mit einer alten Wehrmachtspistole tötet. Zunächst einen türkischen Gemüsehändler, dann einen chinesischen IT-Spezialisten. Dann den Philosophie-Professor, der trotz Villa und beachtlichem Depot das Leben auf der Straße der Emeritus-Existenz vorzog. Schließlich eine junge Frau, die aus einem Blumenladen kommt. Jeder der Morde ist eine Botschaft für Murot. Ein Spiel. Vor jedem Mord bekam er ein Paket an seine Frankfurter Privatadresse. Wer war’s? Murot lässt sich auf das Spiel ein, überrumpelt ein Reportageteam des Hessischen Rundfunks und fordert den Mörder zum Duell der großen Geister. Magda Wächter versteht weiter Bahnhof.

          Der Comedian Paul Muthesius (Lars Eidinger), die Therapeutin Inga Muthesius (Karoline Eichhorn) und die Glaubensjüngerin Laura Muthesius (Friederike Ott) sind des Professors seltsame Kinder und Erben. Das verdächtige Personal ergänzt Jürgen von Mierendorff (Christian Friedel), rechtsradikaler Friseur aus Offenbach und brandgefährlich, wenn man den Ermittlungen Glauben schenken kann. Er ist ein Jugendfreund der Muthesius-Kinder. Wächters Aufmerksamkeit scheint zu leiden. Insbesondere nach Lars Eidingers bedeutungsschwangerer Bühnenmonologshow, bei der eine gelangweilte Bedienung und ein Kartenleger für Rätselanreicherung sorgen.

          In diesem „Tatort“ herrscht das Prinzip Palaver. Oder das Prinzip heiße Luft. Wer eingangs das im Titel angesprochene Prinzip Hoffnung fahren lässt, ist am besten bedient. Damit Zuschauer sich bei diesem Philosophie-Parodie-„Tatort“ zurechtfinden, spielt ein Schwung Holzkegel in unterschiedlichen Konstellationen dann und wann Familienaufstellung, was nicht unbedingt der Verlebendigung dient. Gemordet wird um des ideengeschichtlich begründeten Exempels willen – und wegen des schnöden Mammons. Nicht Murots philosophische Rückführung, sondern Wächters Pragmatismus verhindert am Ende Schlimmeres.

          Der Tatort: Murot und das Prinzip Hoffnung, an diesem Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten

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