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„Tatort“ aus Kiel : Hört auf zu feixen!

Am Tatort: Mila Sahin (Almila Bagriacik) und Klaus Borowski (Axel Milberg) inmitten der weißen Männer Bild: NDR

Was passiert, wenn frustrierte Männer in den falschen Internetforen Zuflucht suchen? Der „Tatort“ aus Kiel „Borowski und die Angst der weißen Männer“ zeigt zum Internationalen Frauentag, wohin fanatischer Frauenhass führen kann.

          2 Min.

          Ein Date aus der Hölle: Während die beiden jungen Leute, die sich gerade kennengelernt haben, in der düsteren Wohnung des Mannes die Gläser heben, um anzustoßen, kommt die Polizei und nimmt den Gastgeber mit. Vorher stellt sie die Flüssigkeit im Glas der jungen Frau sicher und klappt den Laptop des Mannes auf, in dem noch ein Video weiterläuft. Gut hörbar für die Polizisten und die Besucherin gibt dort ein öliger Referent sexistische Ratschläge für den Umgang mit Frauen. Vicky (Mathilde Bundschuh) jedenfalls macht sich davon, kaum dass die Polizei noch ihre Personalien aufnehmen kann. Und selbst als sich die beiden wenig später im Parkhaus begegnen, wo Mario (Joseph Bundschuh) an der Kasse arbeitet, stimmen seine Beteuerungen, alles sei ein Irrtum und die Polizei habe ihn wieder freilassen müssen, nicht um: Nein, noch einmal treffen will sie ihn nicht.

          Tilman Spreckelsen

          Redakteur im Feuilleton.

          Wer den Kiel-„Tatort: Borowski und die Angst der weißen Männer“ bis hierhin, also über ein knappes Drittel seiner Laufzeit, verfolgt hat, weiß natürlich, dass Vicky gut beraten ist, das Weite zu suchen. Denn der schüchterne Mario ist nicht nur ein eifriger Konsument der kruden Videos jenes Hank Massmann (Arnd Klawitter), der seine männlichen Zuschauer dazu auffordert, sich „so’n dominantes Raubtier“ zum Vorbild zu nehmen, er treibt sich auch in ähnlich gelagerten Internet-Foren unter sogenannten „Incels“ herum, unfreiwillig zölibatär lebenden Männern, die Trost in Sprüchen finden wie „Du nimmst, was dir biologisch zusteht“. Vor allem aber hört Mario Stimmen in seinem Kopf: das kranke Raunen von Massmann und Konsorten einerseits, das Lachen von Frauen andererseits, das – davon ist er überzeugt – verächtlich auf ihn gemünzt ist.

          Die Warnung vor dem Frauenhass frustrierter Männer

          Ihr Chef, der Kieler Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg), solle ihr bei der Vernehmung von Mario fünf Minuten geben, dann werde der Mordverdächtige „die Kontrolle verlieren“, bittet seine Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik). Am Ende braucht sie noch weniger, bis Mario sie grob sexistisch beschimpft und in seine Zelle gebracht wird, die er in blinder Wut zu demolieren versucht. Daran, dass er brandgefährlich ist, lassen Drehbuch (Peter Probst) und Regie (Nicole Weegmann) dieses „Tatorts“ keinen Zweifel, und auch nicht daran, wovor der Film, ausdrücklich „anlässlich des Internationalen Frauentages am 8. März“ gesendet, eigentlich warnt: vor dem Frauenhass frustrierter Männer, der sich, angeheizt in Foren, Seminaren und analog zusammenkommenden Gruppen, irgendwann aggressiv entlädt.

          Es ist der „alte weiße Mann“ Borowski, dessen Intuition nach dem Fund einer Frauenleiche in der Nähe einer Diskothek rasch in diese Richtung weist, der das Zeichen erkennt, mit dem sich die fanatischen Frauenhasser verständigen, und sich schließlich an Massmann heftet. Mila Sahin, die nach ein paar „Tatort“-Folgen an Borowskis Seite nun alle Hoffnungen erfüllt, die bereits in der allerersten Begegnung der beiden beim spontanen Tanz zum Autoradio keimten, ermittelt eigenständig und gleichfalls intuitionsgetrieben, dabei aber mit der fortgesetzten Erfahrung von Sexismus versehen, was der Film in Gestalt eines Sahin offenbar von früher bekannten Staatsschützers, der sie so hartnäckig wie abwertend „Liebste“ nennt, überdeutlich macht.

          Überhaupt sind leise Töne rar. Ausgerechnet in der Begegnung von Mario (mit dem allzu sprechenden Nachnamen Lohse) und Vicky klingen sie manchmal an. Ob sie ihn besuchen wolle, fragt er sie, und sie fragt zurück, ob man denn nicht erst mal zusammen ins Kino wolle. „Ich bin ein guter Koch“, sagt er, und sie findet, dass das „natürlich schwierig ist im Kino, mit dem Zwiebelschneiden“. Was man eben redet, wenn man sich verabreden möchte und nicht recht weiß wie. Mit dem Randalierer und Schläger, mit dem hasserfüllten Frauenfeind bringt man diesen Mario nur schwer zusammen. Dass man das schließlich doch kann, ist ein Verdienst dieses Films.

          Borowski und die Angst der weißen Männer, Sonntag, 20.15 Uhr, im Ersten.

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