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„Tatort: National feminin“ : Die Guten siegen immer

Dreisam: die Ermittler Anaïs Schmitz (Florence Kasumba), Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Nick Schmitz (Daniel Donskoy) Bild: NDR/Frizzi Kurkhaus

Eine tote Video-Bloggerin und jede Menge ideologischer Sprengstoff: In der „Tatort“-Folge „National feminin“ ermitteln Charlotte Lindholm und Anaïs Schmitz im Milieu der neuen Rechten. Das wirft auch persönliche Fragen auf.

          2 Min.

          „Dieser Fall ist extrem heikel“, geben die Kommissarinnen Charlotte Lindholm (Maria Furtwängler) und Anaïs Schmitz (Florence Kasumba) ihrem Team mit auf den Weg. Und tatsächlich hat der Drehbuchautor Florian Oeller politischen Sprengstoff in den Göttinger „Tatort: National feminin“ gelegt. Das Mordopfer im Wald, über dessen Leiche sich Anaïs Schmitz’ Ehemann, der Rechtsmediziner Nick Schmitz (Daniel Donskoy), beugt, war eine Youtuberin der neuen Rechten, die auf ihrem titelgebenden Video-Blog rassistischen Retro-Feminismus predigte: die traditionelle Rollenaufteilung zwischen den Geschlechtern als Heilmittel gegen „Genderwahn“, eine Politik der Ausgrenzung als Schutzstrategie gegen die von „Messereinwanderung“ gefährdete „europäische Frau“.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Als die von Emilia Schüle gespielte Studentin Marie, ein mit Unmenschlichkeit spielendes Blumenkind, mit durchschnittener Kehle daliegt, drängen sich den Kommissarinnen drei Optionen auf: Sie könnten es mit einem Mord aus frauenfeindlichen Motiven zu tun haben, einem politischen Verbrechen, oder einem Mörder aus dem Umfeld des Opfers. Ermittlerinnen und Zuschauer wissen: Kein Migrant hat die junge Frau auf dem Gewissen. Das glauben nur die rechten Hetzer im Netz, deren Hassposts die Mordkommission unter Druck setzen.

          Träumt radikal rechts und national feminin: die Video-Bloggerin Marie (Emilia Schüle)

          So weit, so eindeutig. Doch diese „Tatort“-Episode zeigt sich bemüht, Zwischentöne zu setzen und komplizierte Figuren in den Kreis der Verdächtigen zu stellen. Das gelingt mal mehr, mal weniger überzeugend. Die Professorin Sophie Behrens etwa, Maries Idol, ist für jeden sichtbar nach dem Modell der AfD-Politikerin Alice Weidel geschaffen. Provokativ wandelt sie, die mit einer Frau verheiratet ist und Bundesverfassungsrichterin werden könnte, auf dem schmalen Grat zwischen extrem konservativ und rechtsextrem, feinsinnig verkörpert von Jenny Schily, einer Spezialistin für radikale Figuren.

          Die Gesichter der drei Mitstreiter Maries von der „Jungen Bewegung“, unter ihnen eine Schwangere, sind hart von Hass – bis bei der werdenen Mutter sich Schmerz über den Verlust vermeintlicher Gewissheiten in Tränen Bahn bricht. Dann sind da noch als ein in der Rolle des „alten weißen Mannes“ sich wiederfindender Altlinker mit Sohn in der Antifa, ein Youtuber aus dem linken Spektrum und ein stalkender Kapuzenpulliträger, der jeder der genannten Männer sein könnte – oder ein anderer. Videos der Youtuber als Filme im Film zeigen ihr Weltbild und das Netz als Meinungsmaschine. Für die vierte Gewalt in der Demokratie bleibt nur eine in seiner Negativität überraschend eindeutiger Nebenpart: als sensationsgierige Pressemeute.

          Wie viel Mitgefühl ist möglich für jemanden, dessen Überzeugungen man verachtet? Wann lohnt es, zu diskutieren, wo muss die Toleranz enden? Wo wird Minderheitenschutz zum Paternalismus (oder Maternalismus)? Solche Fragen reißt der von Franziska Buch spannungsreich inszenierte „Tatort“ an, schafft Raum für kraftvolle Konfrontationen zwischen Anaïs Schmitz und einem Rassisten, verlagert die Konflikte aber dann doch allzu sehr ins Persönliche. Dorthin, wo maliziös lächelnde Frauen („die lustigen Weiber von Göttingen“) einander ihre unterschiedlichen Lebensentwürfe einschenken wie vergifteten Wein. Wo Väter und Söhne und Frauen und Männer nur eines wollen: geliebt werden.

          Die Dreiecksgeschichte zwischen dem Ehepaar Schmitz und Charlotte Lindholm wirkt weiterhin überflüssig, entwickelt doch weder die eine noch die andere Paarung so etwas wie Chemie. Und wenn ein Verdächtiger bei einer Verfolgungsjagd zu Tode kommt, ohne dass daraus irgendetwas für die beteiligten Polizisten folgte, wirkt das schon seltsam. Am Ende siegen die Guten wie immer – nicht ganz, weil das Böse Fakten verneint. Aber ein Streifzug durch vermintes Debattengelände ist immerhin gelungen, ohne dass den Kommissarinnen alles um die Ohren geflogen wäre. Sie haben einen Modus gefunden, in dem sie weiterarbeiten können.

          Tatort: National feminin, Sonntag, 26. April, um 20.15 Uhr im Ersten

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