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Der „Tatort“ wird fünfzig : Teufelspakt im Fadenkreuz

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In der ersten Folge sitzen also die Münchner Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) gelangweilt bei den wieder einmal bis zur Dysfunktionalität zerstrittenen Dortmunder Kollegen Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) herum, in der nächsten Episode ist es genau umgekehrt. Was im Fußball fast schon eine Nationalmannschaft wäre, Bayern plus Dortmund, ist hier eher eine Last: Außer ein wenig Fopperei – Faber nennt die vorschriftspeniblen Gäste „Kasperl und Seppel“ – gewinnt das ansonsten so konzise Buch von Bernd Lange dieser vermutlich vorgegebenen Konstellation nichts ab. Die im Dienst ergrauten Gemütlichkeitspudel aus München lassen sich kaum integrieren in den horizontalen Kaputtnik-Erzählbogen aus Dortmund; dort immerhin geht es weiter, bietet der Ausstieg Tezels doch Gelegenheit zu einer Abrechnung mit dem (filmisch durchaus dankbaren) Modus Faber.

Dominik Graf hat seine stimmungsvoll düstere, immer auswegloser werdende Episode weder auf „Der Pate“ noch auf „Sopranos“ getrimmt. Was die Betonung des unglamourös schmutzigen Alltags der organisierten Kriminalität angeht, kann man allenfalls an „Gomorrha“ denken, aber es geht hier wenig um mächtige Hintermänner. Stattdessen beobachten wir gemeinsam mit den Kommissaren den Kontrollverlust des sanftmütigen, der „Familie“ ausgelieferten Italieners Luca (Beniamino Brogi) über das eigene Leben. Luca betreibt gemeinsam mit seiner deutschen Frau Juliane (Antje Traue) eine Pizzeria in Dortmund, die als Umschlagplatz für Kokainlieferungen der ’ndrangheta dient.

Eines Tages wird ihm befohlen, in seine eigene Familie, zu der noch die lebenslustige Tochter Sofia (Emma Preisendanz) gehört, einen jungen, arroganten, bewaffneten Mann (prächtig abstoßend: Emiliano de Martino) aufzunehmen. Wie sich dieser Pippo, eine Mephisto-Figur, allmählich der lädierten Seele Lucas bemächtigt, ist beklemmend anzusehen. Wie ein Virus breitet sich dann das Zerstörerische in dieser Familie aus, und die Kommissare machen keine gute Figur. Sie haben sogar entscheidenden Anteil an einer sich abzeichnenden und dann mit gnadenloser Konsequenz eintretenden Katastrophe. Kopflosigkeit auf allen Ebenen. Graf spielt mit gedeckten Farben, gern auch mit Gegenlicht und rückt den Figuren so obszön nah, dass man sie manchmal mehr zu riechen als zu sehen meint.

Der zweite Part in der bewusst dynamischeren Regie von Pia Strietmann verbreitert die Perspektive, macht, einen Schritt zurücktretend, aus dem fatalen Kammerspiel ein episches Drama. Der Handlungsort verlagert sich nach München, wo wir Luca und Pippo, deutlich abgerissen und vollends zu Handlangern degradiert, wiederbegegnen. Im Zentrum aber steht jetzt die von Emma Preisendanz beeindruckend gebrochen gespielte Sofia, die sich an eine falsche Hoffnung klammert, bis sie realisiert, was die Zuschauer längst wissen: dass ihr alles genommen wurde. Weil da auch die Polizei machtlos ist, haben Strietmann und Lange ein Einsehen. Sie genehmigen der Heldin einen Zug ins Mythische: Als Erinnye wartet sie mit einer Todesverachtung auf, die selbst der Mafia kurz Eindruck macht. Verlorene, die gegen Verlorene kämpfen. Wie sich diese Verwicklung der Teufelspakte voller Schuld-, Sühne- und Racheverstrickungen ultimativ zuspitzt, ist unbedingt sehens- und dank der gelungenen Musikauswahl auch hörenswert. So darf es gerne bis 2070 weitergehen.

Die beiden Teile des Tatort: In der Familie laufen an diesem und am nächsten Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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