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„Tatort“ aus Hessen : Wer begeht ein so grausames Verbrechen?

  • -Aktualisiert am

„Tatort“-Arbeit: Die Ermittler Constanze Lauritzen (Christina Große), Anna Janneke (Margarita Broich) und Paul Brix (Wolfram Koch) sind ziemlich fassungslos. Bild: HR/Degeto

Die ARD zeigt uns einen Schocker-„Tatort“. In dem suchen die Kommissare aus Frankfurt „Das Monster von Kassel“: Ein Mörder hat den Leichnam seines Opfers zerstückelt und verteilt. Die Ermittler ahnen, wer der Täter ist. Doch kriegen sie ihn?

          Den obligatorischen Regenschirm hätten sich die Frankfurter Hauptkommissare beim Dienstausflug nach Kassel sparen können. In „Hessisch Sibirien“ regnet es nicht, wie vermutet, sondern es ist brütend heiß und schwül. Das Thermometer nähert sich der 40-Grad-Marke. Der Wetterbericht verheißt ein festsitzendes Aufmerksamkeitshoch über der nordhessischen Metropole. Ein offenbar psychopathischer Mörder hat Körperteile zwar in Frankfurt verteilt, aber seine Spuren führen in den Norden. Gelegenheit, lokale Vorurteile zu revidieren, insbesondere für Paul Brix (Wolfram Koch). Im neunten Fall des Frankfurter „Tatort“-Teams mehr mit Staunen als mit Kombinieren beschäftigt, muss Brix feststellen, dass die Stadt nicht so provinziell ist, wie man am Main und dem Rest der Republik annimmt. „Es will mer net in de Kopp enei, wie kann nor e Mörder net von Frankfort sei“, so könnte man Brix’ Haltung in Anlehnung an ein geflügeltes Wort des Heimatdichters Friedrich Stoltze treffen.

          Immerhin darf der Hauptkommissar den entscheidenden Hinweis finden in dem rätselhaften, ekelhaften Zerstückelungs-Mordfall, den es in „Das Monster von Kassel“ zu klären gilt. Das Motiv des Täters aber werden seine Kolleginnen erahnen. Ihn zu überführen, so viel steht fest, wird ein exemplarisches Stück psychologischer Vernehmungskunst verlangen. Dabei weiß man von Beginn an, wer den Stiefsohn des beliebten Talkmasters Maarten Jansen (Barry Atsma), ermordet hat: der Medienliebling selbst, gefeierter Meister des sensiblen Talks, die Verständnisfigur Jansen. Auch die Ermittler kommen darauf. Allein, es fehlen neben handfesten Beweisen die Beweggründe. Warum sollte ein Vater, eine fast unantastbare Showgröße zumal, so etwas tun? Die Ehe mit Kirsten Rohde (Stephanie Eidt) war glücklich, neben dem toten Luke gehört noch der etwas ältere Max (Justus Johanssen) zur Familie. In Kassel bewohnt man ein stattliches Haus, die eigene Produktionsfirma läuft super. Theresa (Sofie Eifertinger) war Lukes unglückliche Liebe, aber so ist das mit siebzehn.

          Nur ein Monster, so sagt Jansen zu Anna Janneke (Margarita Broich), sei zu so einer Tat fähig. Jansen zeigt sich mit einem Tränenauftritt im Fernsehen. Medienvertreter belagern sein Anwesen. Vor der Befragung im Präsidium kauft er ein teures Jackett, legt es an wie seine Rüstung. Das Gespräch mit den Ermittlern ist für ihn die Fortsetzung der Talkshow mit anderer Zielsetzung – sein Spiel. Sophistische Rhetorik ist seine Trumpfkarte. Barry Atsma zeigt die Figur wie einen Charismazwilling des Top-Investmentbankers, den er in „Bad Banks“ spielt. „Das Monster von Kassel“ stellt ihn ins Zentrum. Die soghafte Wirkung des Charakters schmälern allerdings einige Haupt- und Unterströmungen, die irritieren, wie die Pläne des Frankfurter Kriminalvorgesetzten Fosco Cariddi (Bruno Cathomas), der ein Jahresstipendium für „deutsche Poetik“ angenommen hat und mit Fanny (Zazie de Paris) Rumba lernen will, und nicht zuletzt die übertriebene Promotion Kassels zum Nabel Hessens.

          Zwar ist von der „Documenta“ nicht die Rede, doch Wilhelmshöhe und Herkulesstatue erscheinen häufig im Bild, die Polizei besitzt fortschrittliche Dienstfahrräder, deren Gebrauch den entscheidenden Durchbruch zeitigt, die Dienststellenleiterin Constanze Lauritzen (Christina Große) ist attraktiv und professionell, und selbst ein Asiate mit authentischer Küche lässt sich finden. Dienstbesprechungen werden im Eiscafé bei Erdbeerbecher und Espresso abgehalten. Und im Verhörraum sitzt die angesehenste öffentliche Person der Republik. Mit zeitlichen Vor- und Rücksprüngen spielen Kamera (Carol Burandt von Kameke) und Regie (Umut Dag) freigiebig, das hat spannungsfördernden Sinn (Buch Stephan Brüggenthies und Andrea Heller). Dem Film als neunzigminütigem Ganzen wäre die Konzentration auf die Haupt- und Staatsaktion jedoch besser bekommen.

          Der Tatort: Das Monster von Kassel läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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