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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie verräterisch sind autonome Autos?

  • -Aktualisiert am

Sebastian Feuerbach (Nikolai Kinski) neben dem Wunderauto Bild: SR/Manuela Meyer

Der „Tatort“ aus Saarbrücken führt in die dunklen Abgründe moderner Techniken. Aber sind die Daten, die autonome Fahrzeuge sammeln, tatsächlich so verfänglich?

          4 Min.

          Mitten in der Nacht rast ein autonom fahrendes Auto vom Parkdeck einer Firma namens Conpact, die es hergestellt hat, in die Tiefe. Der Fahrer ist Sebastian Feuerbach (Nikolai Kinski), Justiziar des Unternehmens, dessen Hauptgeschäft eigentlich der Datenhandel ist. Recht schnell verwirft Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) den ersten Verdacht, dass es sich um Selbstmord handeln könnte.

          Der beste Freund des Mordopfers, Victor Rousseau, gleichzeitig Chef von Conpact, zeigt sich auffallend kühl. Auf keinen Fall möchte er öffentliche Aufregung um den Prototyp des selbstfahrenden Autos, das Feuerbach in den Tod gestürzt hat. Plant er doch einen Riesendeal mit der Regierung, die ihre gesamte Flotte mit den autonomen Fahrzeugen ausstatten möchte. Und dann ist da noch eine gemeinsame Bekannte der Geschäftspartner Feuerbach und Rousseau, Natascha Tretschok, die sich in der Nacht von Feuerbachs Tod in das System des Prototyps gehackt hat. Noch bevor Stellbrink ihr auf die Schliche kommt, deckt die Hackerin mehr über die Vergangenheit des Kommissars auf, als ihm lieb ist.

          Wie steht es tatsächlich um die Sicherheit der sensiblen Daten, die jedes autonom fahrende Auto unweigerlich sammelt? Wir haben Experten und Hersteller gefragt.

          ***

          Frage 1: Das autonom fahrende Auto, in welchem das Mordopfer gestorben ist, misst nicht nur die Herzfrequenz, sondern auch die Gehirnströme sowie Zucker, Alkohol und chemische Substanzen im Blut der lenkenden Person, alles über eigene Sensoren. Kameras im Innenraum überprüfen die Pupillenreaktion und Außenkameras die Umgebung des Fahrzeugs (Minute 16). Werden solche Autos bald auf dem Markt sein?

          Nach dem Unfall ragen überall Antennen, Kameras und Festplatten aus dem Innenraum des autonomen Autos.

          Antwort der Daimler AG:

          Hier hat der Drehbuchautor seiner Phantasie vielfach freien Lauf gelassen. Richtig ist, dass wir heute bereits im Außenbereich Sensoren wie Radar, Ultraschall und Kameras verbauen, um die Umgebung zu erfassen. Diese Sensoren dienen dann den sogenannten Fahrerassistenzsystemen dazu, entsprechende Fahr- oder auch Bremsmanöver einzuleiten, jedoch immer unter der vollen Verantwortung des Fahrers (beim sogenannten teilautomatisierten Fahren). Zu den Gesundheitsmessungen: Zwar verfügen heute schon verschiedene Autos über sogenannte Fit & Healthy-Programme, die im „Tatort“ genannten Messmethoden sind jedoch unrealistisch. Zum Beispiel über die Kopfstützen kann man unseres Wissens nichts Sinnvolles messen.

          ***

          Frage 2: In der Folge wird geschildert, dass alle Daten des jeweiligen Lenkers live auf einen Server übertragen und so direkt zum Autohersteller geschickt werden (Minute 17). Ist das wirklich denkbar?

          In dieser Software laufen angeblich alle Autodaten zusammen.

          Antwort der Daimler AG:

          Solche Möglichkeiten bestehen eher bei „wearables“ und Smartphones, die ja von vielen Kunden auch so hingenommen werden. Unsere Strategie als Hersteller ist es, Daten für Fahrmanöver on board zu verarbeiten und daraus das entsprechende Fahrmanöver - heute für die Fahrerassistenzsysteme und in Zukunft für hoch- beziehungsweise vollautomatisiertes Fahren - abzuleiten. Alle weitere Verarbeitung von Daten liegt individuell bei jedem Hersteller.

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          Frage 3: Der Kommissar fragt den Autohersteller, ob es möglich ist, das Auto von außen zu steuern, wenn es gehackt wird. Der Autohersteller bejaht (Minute 21). Ist das nicht das ultimative Argument gegen autonom fahrende Autos?

          Autonomes „Tatort“-Auto im freien Fall

          Antwort der Daimler AG:

          Das wäre es, wenn ein Hersteller die Situation nicht ernst nehmen würde. Als Hersteller sind wir uns bewusst, dass es eine absolute, „hundertprozentige“ Sicherheit nicht geben wird. Aus diesem Grund entwickeln wir unsere Systeme aber so, dass sie – durch interne und externe Experten geprüft – auf dem aktuellsten Stand der Technik sind und arbeiten kontinuierlich an der Weiterentwicklung aller Komponenten. Die verschiedenen Steuerungseinheiten wie zum Beispiel Lenkung, Bremse und Gas sind entsprechend geschützt und sind von außen nicht zu erreichen. Alle anderen Funktionen im Fahrzeug sind ebenfalls durch umfangreiche Sicherheits- und Diebstahlschutz-Systeme geschützt. Das Auto der Zukunft wird mehr und mehr zum digitalen Begleiter, das bedeutet gleichzeitig, dass es nicht nur verkehrs- und betriebssicher, sondern auch datensicher sein muss.

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          Frage 4: Die Spurensicherung sagt, dass die Blackbox eines Flugzeugs oder eines autonom fahrenden Autos alles mitschreibe, sobald ein Unfall passiert. Aus Datenschutzgründen allerdings nur das, was sich fünfzehn Sekunden vor und nach einem Unfall ereignet (Minute 17). Stimmt das?

          Kommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) ist dem übereifrigen Victor Rousseau (Steve Windolf), der Chef der Datenhandel-Firma Conpact, auf der Spur.

          Antwort von Max Schrems (Datenschutzaktivist, Gründer der Datenschutz-NGO „NOYB“):

          Faktisch kann man sagen: Ja, so sind Black Boxes programmiert. Meines Wissens aber mit längeren Fristen, sprich circa zehn Minuten vor und nach einem Unfall. Diese Black Boxes gibt es schon seit vielen Jahren auch bei normalen Autos. Sie sind zum Beispiel in Österreich bei Rettungswagen standardmäßig verbaut, sowie bei Firmenfahrzeugen. Datenschutzrechtlich gibt es hier keine fixe Zeitbegrenzung, daher ist das eine Frage der „Verhältnismäßigkeit“. Generell ist für einen Unfalllenker eine Blackbox ein zweischneidiges Schwert: Einerseits kann man damit sehr teure Gutachterkosten einsparen (zum Beispiel, um zu zeigen, dass man nicht zu schnell gefahren ist), andererseits könnten die Daten natürlich auch eigenes Fehlverhalten beweisen.

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          Frage 5: Der Chef der Firma der autonom fahrenden Autos erzählt, bei seinem Modell würden alle Daten sofort an den Autohersteller gesendet, sobald sich der Autofahrer ans Steuer setzt. Er argumentiert, dass die Daten dabei „natürlich“ dem Datenschutz unterliegen (Minute 20). Ist das möglich?

          Antwort von Max Schrems:

          Solche Daten sind klar vom Datenschutzrecht erfasst, solange sie einer Person zuordenbar sind. Was mit den Daten möglich ist, hängt vom technischen und rechtlichen Einzelfall ab. Es kann völlig anonyme Daten geben, zum Beispiel nicht rückführbare Daten für Statistiken, die nicht unter das Datenschutzrecht fallen. Rechtlich können durchaus gewisse Zwecke der Datennutzung erlaubt sein, zum Beispiel, wenn die Datenverarbeitung für Dienste, die der Nutzer gebucht hat, notwendig ist. Werden die Daten jedoch für andere Zwecke verwendet, zum Beispiel für Werbung, dann ist das ohne ausdrückliche und freiwillige Zustimmung, das sogenannte „Opt-In“ des Nutzers, nicht erlaubt. Wie immer im Datenschutzrecht gilt: Es kommt auf den konkreten Zweck der Datennutzung an. Es wären aber auch Systeme möglich, in denen die Daten nur „für den Fahrer“ gespeichert werden. Der Hersteller ist dann nur „Auftragsdatenverarbeiter“. Meist wird man eine Mischung von verschiedenen Zwecken auffinden. In diesem Fall muss man jede Funktion rechtlich einzeln beurteilen.

          ***

          Frage 6: Kommissar Stellbrink litt in seiner Jugend unter Epilepsie, hat dies aber vertuscht, wie Hackerin Natascha aufdeckt (Minute 53). Stimmt es, dass man mit dieser Krankheit nicht im polizeilichen Dienst arbeiten darf?

          Das Digitale ist ihm suspekt: Kommissar Stellbrink bei der Analog-Recherche

          Antwort von Falk Hasenberg (Pressesprecher des Landespolizeipräsidiums Saarbrücken):

          Vor der Einstellung in den Polizeivollzugsdienst muss sich jeder Bewerber einer polizeimedizinischen Untersuchung unterziehen. Hierbei sind bereits bekannte Vorerkrankungen mitzuteilen. Eine Erkrankung an Epilepsie wäre Grund zum Ausschluss. Ein Verschweigen dieser Krankheit im Vorfeld der Einstellung würde zur Entlassung des Beamten führen. Sollte sich das vorbeschriebene Krankheitsbild erst zu einem späteren Zeitpunkt bei einem ausgebildeten Lebzeitbeamten einstellen, wird je nach Schweregrad und Ausprägung der Krankheit versucht, einen adäquaten Arbeitsbereich (zum Beispiel Innendienst) zu finden.

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