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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie sicher sind Gefängnisse?

Der „King“ Andreas Franke (Herbert Knaup, links) misstraut dem neuen Mitarbeiter Peter Seiler alias Kommissar Lannert (Richy Müller) Bild: SWR/Johannes Krieg

Wie leicht ist es, ein Gefängnis in eine kriminelle Vereinigung zu verwandeln? Der „Tatort: Freigang“ ist in seiner Darstellung nicht zimperlich. Wir haben Experten das Drehbuch durchleuchten lassen.

          Wie es in einer Justizvollzugsanstalt wirklich zugeht, wissen wir nicht. Der Stuttgarter Tatort „Freigang“ zeigt, wie es im schlimmsten Fall sein könnte. Da die Sicherheit in einer JVA oberstes Gebot ist, durfte das Produktionsteam nicht alles filmen. Bei einigen Szenen, die übrigens in der JVA Rosdorf gedreht wurden, kommen Zweifel am Wirklichkeitsgehalt auf.

          Wir haben Experten befragt, wie Justizvollzugsbeamte und Polizisten arbeiten und was es eigentlich mit diesem Schwarzlicht auf sich hat.

          Der Stuttgart-„Tatort“ „Freigang“ in der Mediathek des Ersten.

          * * *

          Frage 1: Das Opfer Irina Meinert und ihre Wohnung werden mit dem auch in anderen Krimis oft gezeigten Schwarz-Licht beleuchtet, um Fingerabdrücke des Täters zu finden. Wie funktioniert diese Methode der KTU genau und was kann man mit ihr alles erkennen? (Minute 1)

          Die KTU sucht den Tatort mit Schwarzlicht ab

          Antwort aus der KTU Stuttgart:

          „Schwarzlicht ist UV-Licht mit visuell nicht wahrnehmbaren Wellenlängen. Ohne Vorbehandlung ist gewöhnlich eine Fingerspur damit nicht sichtbar zu machen. Bedingung sind fluoreszierende Bestandteile in der Spur, die unter Umständen zufallsbedingt vorhanden sein können. Blut fluoresziert nicht. Also sind Fingerabdrücke und Blutspuren damit nicht zu finden.“

          * * *

          Frage 2: Sebastian Bootz - und auch andere Fernsehkommissare - zeigen potentiellen Tätern und Mitwissern häufig Fotos des Opfers, die am Tatort aufgenommen wurden. Dürfen sie das? (Minute 7)

          Kommissar Bootz zeigt dieses Foto des Opfers dem Verdächtigen Drake

          Antwort aus dem Polizeipräsidium Stuttgart:

          „Lichtbilder von Opfer und Tatort werden grundsätzlich nicht vorgezeigt, Einzelfälle werden mit der Staatsanwaltschaft abgesprochen. Sebastian Bootz müsste dann also einen Beschluss vom Gericht haben.“

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          Frage 3: Thorsten Lannert hat sich als Justizvollzugsbeamter einschleusen lassen. Das könnte ja - theoretisch - auch ein Krimineller tun, der einem anderen helfen will. Wie stellt der Arbeitgeber JVA sicher, dass ein Justizvollzugsbeamter sauber ist? (Minute 10)

          Thorsten Lannert (links) ermittelt verdeckt als Justizvollzugsbeamter

          Antwort von Regina-Christine Weichert-Pleuger, Anstaltsleiterin der JVA Rosdorf, wo der Tatort gedreht wurde:

          „Der Einsatz  von 'falschen'  Vollzugsbediensteten ist eine eher nur theoretisch denkbare Möglichkeit.  In der Realität durchlaufen zukünftige Mitarbeiter ein umfangreiches Auswahlverfahren und bei entsprechender Eignung eine mehrjährige Ausbildung, die mit einer Prüfung abschließt. Als eine formale Voraussetzung ist auch die Vorlage eines Bundeszentralregisterauszuges erforderlich. Für einen geplanten Missbrauch dieser Tätigkeit wäre somit ein mehrjähriger hoher Aufwand und das erfolgreiche Überwinden mehrerer Hürden erforderlich. Aber auch bei Versetzungen aus anderen Anstalten oder gar anderen Bundesländern - wie im Tatort Freigang - ist ein Verfahren zu durchlaufen, das nicht ohne weiteres manipuliert werden kann. Hierzu gehört unter anderem die Anforderung einer Personalakte, ein persönliches Gespräch mit der betreffenden Person und gegebenenfalls auch Rücksprachen zwischen der aufnehmenden und der abgebenden Anstalt.“

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          Frage 4: Der Justizvollzugsbeamte in der modernen und effizienten JVA Zuffenhausen hatte einen zentralen Schlüssel für alle Türen der Gefangenen im Zellentrakt 3. Gibt es solche Schlüssel wirklich? (Minute 21)

          Die Justizvollzugsbeamten haben einen Schlüssel für alle Zellen in einem Trakt

          Antwort von Regina-Christine Weichert-Pleuger, Anstaltsleiterin der JVA Rosdorf:

          „Richtig ist, dass alle Hafträume mit dem gleichen Schlüssel geschlossen werden - anderenfalls wären  die Schlüsselbunde kaum zu tragen. In einer Justizvollzugsanstalt gibt es eine Vielzahl von Türen unterschiedlicher Zweckbestimmung. Die Haftraumtüren sind nur ein Aspekt des gesamten Systems. Aus diesem Grund ist auch das  Schließsystem einer Justizvollzugsanstalt  mehrschichtig. Es gibt nicht nur ein System für alle Türen, sondern unterschiedliche Schließungsarten je nach Zweckbestimmung der jeweiligen Tür.“

          * * *

          Frage 5: Im Tatort machen Kommissare häufig ihr eigenes Ding, indem sie allein zu einem Ort fahren, wo es gefährlich wird. Ist das erlaubt? (Minute 59)

          Sebastian Bootz (links) macht sich zwei Mal allein in eine Gefahrensituation auf

          Antwort aus dem Polizeipräsidium Stuttgart:

          „Aus Eigensicherungsgründen fahren grundsätzlich immer zwei Beamte vor Ort, bei Gefahrenlagen mehrere Fahrzeuge oder Sondereinsatzkräfte. Alleingänge gibt es schon im eigenen Interesse nicht, weil es viel zu gefährlich wäre. Sollte es eine Situation geben, in der ein Verdächtiger flüchtet, kann der Beamte selbst entscheiden, ob er die Verfolgung allein aufnimmt. Er muss es aber nicht.“

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          Frage 6: Die Staatsanwältin Emilia Alvarez arbeitet offenbar direkt im Polizeipräsidium - jedenfalls erwecken viele Szenen diesen Eindruck beim Zuschauer. Auf ihrem Bildschirmschoner steht „Wir wollen, dass Sie sicher leben. Ihre Polizei. www.polizei-beratung.de“. Wie ist das in der Realität? (Minute 80)

          Staatsanwältin Emilia Alvarez arbeitet sehr nahe mit der Polizei zusammen

          Antwort von Claudia Krauth von der Staatsanwaltschaft Stuttgart:

          „Hier in Stuttgart sind Staatsanwaltschaft und Polizeipräsidium räumlich getrennt. Es sind zwei verschiedene Gebäude, die an unterschiedlichen Straßen liegen. Eine dauerhafte Präsenz der Staatsanwaltschaft im Polizeipräsidium wäre schon deswegen nicht möglich, weil wir viele Verfahren bearbeitet müssen und nicht die Zeit dazu haben, in einer Art Rufbereitschaft abzuwarten. Dennoch kennt man sich. Die Kriminalpolizei ruft vor allem bei schwerwiegenden Fällen wie zum Beispiel bei Mord bei der Staatsanwaltschaft ganz frühzeitig an und bespricht sich mit ihr. Bei der Staatsanwaltschaft gibt es sechs Staatsanwälte in der Kapitaldeliktabteilung. Beim Fund einer Leiche bekommt der zuständige Staatsanwalt sofort Bescheid, damit er sich gegebenenfalls am Tatort selbst ein Bild machen kann. Konflikte zwischen Staatsanwaltschaft und Polizei gibt es selten, weil die Kommissare aufgrund ihrer Erfahrung und Ausbildung wissen, was geht und was nicht.“

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          Fernsehkritik: So fand unser Autor den „Tatort: Freigang“ - wie fanden Sie ihn?

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