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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie schnell hackt die Polizei?

Was haben Sie gesehen? Professort Boerne befragt den Autisten Kullmann Bild: WDR/Willi Weber

Mafia, Mord und Superverschlüsselung – der „Tatort“ aus Münster hat viele überraschende Wendungen, aber einen langsamen Computertechniker. Würde der in der Realität nicht schneller zum Ziel kommen?

          Ein Mann zieht seine Bahnen im Pool, unter ihm liegt eine Frauenleiche, aber die ignoriert er. Er ist Autist - und vielleicht sogar der Mörder? Zumindest aber verdächtig, findet Hauptkommissar Frank Thiel (Axel Prahl). Genauso wie die anderen Bewohner des Therapiezentrums „Schwanensee“ – das diesem Tatort aus Münster seinen Namen gibt – , und in dessen Pool die Leiche gefunden wurde. Der Name der Toten ist Mona Lux (Jessica Honz) und viel mehr scheint über diese Frau nicht bekannt zu sein.

          Maria Wiesner

          Redakteurin im Ressort Gesellschaft bei FAZ.NET.

          Während Thiel versucht, hinter das Geheimnis der Toten zu kommen, gibt Karl-Friedrich Boerne (Jan Josef Liefers) seinen Urlaub auf, um den Fall zu lösen. Was sind schon drei Wochen Tauchen auf den Malediven gegen eine mysteriöse Wasserleiche? Boerne mischt sich als Therapeut unter die Bewohner des Therapiezentrums. Thiel setzt aufs klassische Verhör, findet jedoch auch nicht viel mehr über die Tote heraus. Keine Adresse, keine Vergangenheit.

          Nur ihr Computer könnte weiterhelfen, doch der ist gut verschlüsselt. Warum gelingt es nicht, ihn zu knacken? Und weshalb erscheint eine Spur ins korrupte Mafia-Milieu für die Staatsanwältin Klemm so unwahrscheinlich? Ist Münster denn tatsächlich so „langweilig“ wie der „Tatort“ behauptet? Wir haben nachgefragt.

          ***

          Von Mordopfer Mona Lux konnte ein Laptop sichergestellt werden. Ein Techniker der KTU versucht an die Daten darauf zu kommen. Techniker: „Das Standardpasswort ist geknackt. Alle anderen Files haben aber eine Höllenverschlüsselung. Das kann Wochen dauern.“ (Minute 33)

          Frage 1: Wie gut sind KTU-Techniker auf solche Fälle vorbereitet? Muss die Polizei zusätzlich Computerspezialisten hinzuziehen?

          Was nur befindet sich auf dem Computer der Toten, fragen sich Staatanwältin Klemm und Kommissar Thiel.

          Antwort von Nadja Kwasny (Pressesprecherin des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen):

          In der Realität würde diese Untersuchung kein KTU-Mitarbeiter vornehmen, sondern, hier in Münster, ein Mitarbeiter der IuK-Ermittlungsunterstützung (Informations- und Kommunikationstechnik) des Polizeipräsidiums. Wenn der Tatort gesichert oder die Wohnung eines Opfers durchsucht wird, würden die KTU-Mitarbeiter für die Sicherung von Laptops und ähnlichem diese Spezialisten anfragen. Entschlüsselungsversuche würden dann im Cyberkompetenzzentrum des Landeskriminalsamts Nordrhein-Westfahlen stattfinden. Wie lange das dauert, ist von Fall zu Fall unterschiedlich, da es darauf ankommt, wie komplex die Datenträger und Dateien verschlüsselt wurden.

          ***

          Thiel nimmt einen Verdächtigen im Verhör verbal in die Mangel, aber der möchte nicht sagen, wo er sich zum Tatzeitpunkt aufgehalten hat. Thiel setzt ihm zu: „Handys loggen sich von Sendemast zu Sendemast ein, wenn man sich fortbewegt. Es kostet mich nur einen kurzen Anruf und in zehn Minuten haben wir die Daten da.“ (Minute 53)

          Frage 2: Stimmt es, dass Ermittler so schnell an diese Daten kommen, oder blufft Thiel?

          Thiel (links) behält den Zentrumsleiter Professor Weimar (Hanns Jörg Krumpholz, Mitte) im Auge. War er zum Tatzeitpunkt doch in der Nähe?

          Antwort von Nadja Kwasny (Pressesprecherin des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen):

          So etwas geht nicht auf Zuruf. Um solche Daten abzufragen, muss eine gerichtliche Anordnung vorliegen. Das heißt, die Ermittler müssten bei der zuständigen Staatsanwaltschat die Ausstellung der erforderlichen gerichtlichen Anordnung anregen. Die prüft diesen Antrag nochmals und würde ihn dann beim zuständigen Richter stellen. Auch der Richter prüft noch einmal auf Geeignetheit, Zulässigkeit und Verhältnismäßigkeit. Erst wenn der richterliche Bescheid vorliegt, können die Ermittler bei den Mobilfunknetzbetreibern die Verbindungsdaten anfragen. Die Übermittlung der Daten an den Mobilfunknetzbetreiber erfolgt über ein von der Bundesnetzagentur festgelegtes und sicheres Verfahren. Der Netzbetreiber prüft das Ersuchen und übermittelt dann die gespeicherten Daten an die Polizei. Wie Sie sich vorstellen können, dauert dieser Prozess keineswegs zehn Minuten, sondern nimmt in der Regel mehrere Tage in Anspruch. Nur bei Gefahr im Verzug, kann der Staatsanwalt eine Eilanordnung geben, mit der Verbindungsdaten abgefragt werden können. Doch das kommt in weniger als einem Prozent der Fälle vor.

          Nachfrage: Und die Sache mit den Sendemasten?

          Antwort von Nadja Kwasny (Pressesprecherin des Landeskriminalamts Nordrhein-Westfalen):

          Die Daten werden nur bei aktiven Verbindungen gespeichert. Das heißt man muss telefonieren, damit sich das Handy bei einem Sendemast einloggt. Bewegt man sich dann fort, wird trotzdem nur der Standort dieser ersten Antenne gespeichert, bei der sich das Handy eingeloggt hat. Ist das Handy inaktiv, also zum Beispiel nur angeschaltet und in der Tasche mitgeführt, fallen gar keine Daten an.

          ***

          Staatsanwältin Wilhelmine Klemm zwischen zwei E-Zigaretten-Füllungen: „Mona Lux eine Auftragskillerin? Wir sind hier in Münster, da passiert sowas doch nicht.“ (Minute 49)

          Frage 3: Wie langweilig ist Münster tatsächlich aus Ermittlersicht?

          Lassen sich nicht abhängen: Die Kommissare Thiel (links) und Boerne bei einer Verfolgungsjagd im Tretboot.

          Antwort von Andreas Bode (Pressesprecher Polizeipräsidium Münster):

          Aus unseren Kriminalstatistiken der letzten Jahre können sie entnehmen, dass die Arbeit der Polizei Münster nicht so „langweilig“ ist: Im letzten Jahr haben wir Ermittlungen bei über 30.000 Straftaten aufgenommen. Dabei waren 18 „Mordkommissionen“ eingesetzt. Diese Tatorte  lagen aber auch teilweise in den Umlandbehörden, wo wir aber als Polizei Münster im Rahmen der Organisationsstruktur tätig wurden.

          War die Tote gar eine Auftragskillerin?

          Ansonsten hat natürlich in der Fahrradhauptstadt der Fahrraddiebstahl einen großen Anteil an der polizeilichen Arbeit. Aber auch Ladendiebstähle, Betrügereien, Einbrüche und Taschendiebstähle gehören zum Aufgabenfeld. Kurzum: Hier werden auch Straftaten verübt, die überall in der Republik ebenfalls passieren.  

          ***

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