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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie nah ist der „Islamische Staat“?

Mehr als bloß ein Fall jugendlichen Trotzes: Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) bringt Julia Heidhäuser (Mala Emde) nach Hause – und das LKA damit auf die Barrikaden. Bild: NDR/Christine Schroeder

In „Borowski und das verlorene Mädchen“ erobert der IS-Terror eine deutsche Moschee und ein deutsches Kinderzimmer. Wie groß ist die Bedrohung wirklich?

          Die Ermordung der Schülerin Marie ist im neuen Kieler „Tatort“ am Ende nur noch ein Randthema. Schuld daran ist ihre 17 Jahre alte Klassenkameradin Julia (Mala Emde). Deren Familie ist zerrüttet, der Islam ihr rettendes Ufer. Sie nimmt Kontakt auf mit einem Mann, der für den Islamischen Staat zu kämpfen scheint, und für den sie alles zurückzulassen bereit ist. Doch nicht nur das bereitet den Kommissaren Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) Kopfzerbrechen. Auch das undurchsichtige Gebaren ihrer Kollegen vom LKA macht ihnen zu schaffen.

          Niklas Záboji

          Redakteur in der Wirtschaft.

          Es gebe „übergeordnete Sicherheitsinteressen“, erfährt das Ermittlerduo von Kesting (Jürgen Prochnow) aus der Staatsschutz-Abteilung beim LKA. Und diese machten im Kampf gegen den islamistischen Terror besondere Maßnahmen nötig. Abgesehen hat man es vor allem auf den Imam der muslimischen Gemeinde in Kiel, Abu Abdallah (Ferhat Keskin), der verdächtigt wird, mit einem IS-Mittelsmann im türkisch-syrischen Grenzgebiet in Verbindung zu stehen.

          Julia ist in diesem Spiel irgendwann nur noch der Köder. Denn der vermeintliche IS-Kämpfer, mit dem Julia per Skype Kontakt aufnimmt, sitzt im Büro des LKA, so wie ihre scheinbar treuherzige Freundin Amina Jaschar (Sithembile Menck) in Wahrheit als Agentin arbeitet. Dass die Operation am Ende missglückt, liegt aber nicht etwa an Julias Besinnung. Was die Frage aufwirft: Zieht der islamistische Terror tatsächlich fast mühelos junge Menschen in seinen Bann? Und welche Rolle spielen Moscheen in Deutschland? Wir haben nachgefragt, bei meist sehr wortkargen Behörden.

          ***

          Frage 1: Sind dem Verfassungsschutz Moscheen in Deutschland bekannt, die im Verdacht stehen, mit Vertretern des Islamischen Staates oder anderen islamistischen Gruppierungen Kontakt zu halten? Welche Maßnahmen kann der Verfassungsschutz ergreifen, um dagegen vorzugehen?

          Ein 17 Jahre altes Mädchen einfach so opfern? Die Ansichten zwischen LKA-Mann Kesting (Jürgen Prochnow, Zweiter von links) und dem Kommissariat gehen stark auseinander.

          Antwort von (Jana Ohlhoff, Ministerium für Inneres und Bundesangelegenheiten des Landes Schleswig-Holstein):

          Zu den der Verfassungsschutzbehörde in Schleswig-Holstein im Zusammenhang mit der Beobachtung gewaltorientierter islamistischer Bestrebungen bekannt gewordenen Moscheen liegen keine Erkenntnisse vor, die für einen Kontakt zu Vertretern der Terrororganisation "Islamischer Staat" oder anderen terroristischen Vereinigungen sprechen.

          Gleichwohl liegen der Verfassungsschutzbehörde Hinweise darauf vor, dass einzelne Besucher oder Verantwortliche dieser Moscheen auch Kontakte zu mutmaßlichen Angehörigen islamistisch-terroristischer Gruppierungen, zum Beispiel in Syrien oder dem Irak, unterhalten. Eine belastbare Zurechnung dieser Kontakte zu den jeweiligen Trägervereinen lässt sich jedoch grundsätzlich nicht vornehmen. Soweit derartige Kontakte bekannt werden, werden diese durch die Verfassungsschutzbehörde in Abstimmung mit den Strafverfolgungsbehörden bearbeitet.

          ***

          Frage 2: Welche Strategie verfolgen islamistische Gruppen wie die Terrormiliz Islamischer Staat, um junge Menschen in Deutschland zu erreichen?

          Retter der verlorenen Seele? Imam Abu Abdallah (Ferhat Keskin) heißt Julia in der Kieler Moschee herzlich willkommen.

          Antwort von Markus Bickel (Nahost-Experte, freier Journalist, Autor des in Kürze im Westend-Verlag erscheinenden Buchs „Die Profiteure des Terrors“):

          Eine der wichtigsten Anlaufstellen für die Rekrutierung potenzieller Kämpfer bleiben die Moscheen in Deutschland. Der Verfassungsschutz (VS) geht davon aus, dass knapp die Hälfte der rund 800 Salafisten, die in den letzten Jahren nach Syrien und Irak ausgereist sind oder es versucht haben, vorher in Moscheen aktiv waren. Moscheevereine, Moscheegemeinden und Moscheeverbänden in Vierteln mit hohem Anteil muslimischer Bewohner mit Migrationshintergrund sind demnach die zentralen Orte, an denen junge, oft verunsicherte Männer auf Sinnsuche für den „Heiligen Krieg“ gewonnen werden können. Die Strategie, die die Anwerber dabei verfolgen, ist einfach: In Zeiten mangelnder Orientierung bietet ein schlichtes Weltbild Sicherheit. Die Gemeinschaft der Gläubigen („Umma“) schafft zudem Anerkennung, die im Alltag ansonsten oft fehlt. Auch in Jugend-, Freizeit-, Sport- und Strafvollzugseinrichtungen wirbt der IS deshalb um neue Gefolgsleute.

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