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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie gierig sind Pharmaunternehmen?

  • -Aktualisiert am

Nicht nur Lürsen und Stedefreund, auch Dr. Katzmann fragt sich: Wer hat Ole Bergener umgebracht und in der Weser versenkt? Bild: Radio Bremen/Michael Ihle

Die Kommissare Lürsen und Stedefreund bekommen es im neuen „Tatort“ aus Bremen mit einer skrupellosen Pharmareferentin zu tun. Tickt die Branche tatsächlich wie im Film dargestellt?

          5 Min.

          Auf dem Bremer Flughafenparkplatz wird ein seit Monaten verlassenes Auto geöffnet, in dem die Kommissare Lürsen und Stedefreund einen abgetrennten Finger finden. Die Spur führt zu Ole Bergener, ehemaliger Chef des Pharmaunternehmens CEBO, dessen Ehefrau Judith ihn seit mehr als acht Monaten nicht gesehen hat. Zu seinem Verschwinden möchte sie sich nicht weiter äußern. Stattdessen flieht sie in eine Affäre mit Peter Kappeler, einem gemeinsamen Freund der Bergeners. Sonderbar, dass Kappelers frühere Frau, Maria Voss, eine erfolgshungrige Pharmareferentin, Ole Bergener in der Nacht seines Verschwindens wiederholt angerufen hat. Schnell wird den Kommissaren klar, dass Voss weit mehr mit dem Vermissten verbindet als eine gemeinsame berufliche Vergangenheit. Schließlich wird auch Bergeners Leiche gefunden, und die Kommissare kommen dahinter, wie skrupellos bei CEBO gearbeitet wird.

          Konnten sich die Drehbuchautoren im neuen „Tatort“ bei den tatsächlichen Gepflogenheiten im deutschen Pharmahandel bedienen? Wir haben bei Experten nachgefragt.

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          Gerichtsmediziner Dr. Katzmann untersucht ein verlassenes Auto auf dem Bremer Flughafenparkplatz: „Inga, hier, wir haben vielleicht den passenden Finger, sorgfältig eingepackt“. „Ziemlich lange her das Ganze“, so Kommissarin Inga Lürsen. Katzmann: „Der Wagen steht seit acht Monaten hier.“ (Minute 2/3)

          Frage 1: Ist es nicht verdächtig, wenn ein Auto über Monate hinweg unberührt auf einem Flughafenparkplatz steht?

          Immer wieder für eine Überraschung gut: Gerichtsmediziner Katzmann (Matthias Brenner) und Kommissarin Inga Lürsen (Sabine Postel).

          Antwort von Fr. Hartmann (Fachbereichsleiterin Kommunikation Flughafen Bremen):

          An einem internationalen Verkehrsflughafen gibt es neben normalen Urlaubsparkern natürlich auch Langzeitparker, die beispielsweise im Süden überwintern und für diese Dauer ihr Auto im Flughafenparkhaus abstellen. Solange ein Fahrzeug keine offensichtliche Beschädigung oder Auffälligkeit aufweist, fällt es dem Wachpersonal nicht negativ ins Auge.

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          Frage 2: Die Frau des Todesopfers verweigert den Beamten Rasierklingen, Haarbürsten oder sonstiges auszuhändigen, weshalb man um eine DNA-Probe des gemeinsamen Sohnes bittet (Minute 7). Eine übliche Methode?

          Judith Bergener (Victoria Fleer), die Frau des Mordopfers.

          Antwort von Nils Matthiesen (Polizei Bremen):

          So ein Vorgehen ist grundsätzlich vorstellbar, da ein DNA-Treffer in diesem Fall Bestätigung bringen könnte. Ein Nichttreffer der DNA wäre allerdings auch kein sicherer Ausschluss. Der Vermisste muss ja nicht zwingend der leibliche Vater sein. Die sichere Methode bei unbekannten männlichen Vermissten ist das Herantreten an die Vorfahren, im Idealfall die Mutter.

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          Frage 3: Kommissarin Lürsen teilt der Frau des Todesopfers den genauen Todeszeitpunkt mit (Minute 20). Als man die Leiche findet, war sie jedoch schon acht Monate lang in einer Metallkiste unter Wasser versenkt. Kann man unter diesen Umständen eine exakte Aussage über den Todeszeitpunkt treffen?

          Lürsen, Stedefreund und BKA-Kollegin Inga Selb (Luise Wolfram) machen einen grausigen Fund: Bergeners Leiche wird aus der Weser geborgen.

          Antwort von Dr. med. Olaf Cordes (Leitender Oberarzt am Institut für Rechtsmedizin in Bremen):

          Es gilt die grobe Faustregel: Je länger der Tod zurückliegt, desto schwieriger ist es, den exakten Todeszeitpunkt festzustellen. Das beginnt schon nach drei, vier Tagen. Da ist die Leichenstarre bereits vollständig gelöst, die Körpertemperatur hat sich außerdem der Umgebung angepasst. Nach Wochen, Monaten ist es für Experten nahezu unmöglich, einen genauen Todeszeitpunkt auszumachen – da kann man sich unwahrscheinlich verschätzen. Normalerweise würde man sich außerdem an bestimmten Anhaltspunkten orientieren, etwa an einer Insektenbesiedlung der Leiche. Dies fällt aber im konkreten Fall weg, da sich die Leiche unter Wasser befunden hat. Das Ganze halte ich also für Blödsinn.

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          Ärztin zu den Kommissaren: „Habe ich noch nie erlebt so etwas.“ (Minute 44)

          Frage 4: Eine Ärztin zeigt den Kommissaren Videomaterial, dass die Hauptverdächtige bei der Reha zeigt. Fällt das Material nicht unter das Arztgeheimnis?

          Maria Voss (Nadeshda Brennicke) weiß Menschen einzulullen.

          Antwort von Dr. med. P. Melzer (Chefarzt der Orthopädie/Unfallchirurgie, Rehaklinik am Sendesaal Bremen):

          Im Grunde ist hier ein Jurist gefragt. Generell gilt: Die Wahrung der ärztlichen Schweigepflicht ist essentiel für ein vertrauensvolles und tragfähiges Arzt-Patienten-Verhältnis und ein hohes rechtliches Gut. Die Schweigepflicht darf grundsätzlich nicht gebrochen werden. Eine Information an Dritte kann jedoch nach Entbindung von der Schweigepflicht erfolgen. Das Arztgeheimnis darf aber nicht ohne weiteres zur Aufklärung einer Straftat gebrochen werden (der Arzt kann sich hierbei auf sein umfassendes Zeugnisverweigerungsrecht berufen). Anders verhält es sich, wenn nach § 34 SGB ein „rechtfertigender Notstand“ vorliegt, sprich eine Straftat, welche durch das Brechen der Schweigepflicht verhindert werden kann. Ärzte können sich gegebenenfalls strafbar machen, wenn versäumt wird, Erkenntnisse weiterzugeben, die einen Mord hätten verhindern können. Das der behandelnden Ärztin von der Patientin beziehungsweise Hauptverdächtigen ausgehändigte  Videomaterial darf meines Rechtsempfindens nach nicht ohne Einwilligung von Seiten der Patientin weitergegeben werden, es sei denn es handelt sich um die oben genannten Ausnahmen. Der Sachverhalt hätte unbedingt einer juristischen Klärung bedurft.

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          Frage 5: Die Ärztin erzählt, dass die Hauptverdächtige nach einem Autounfall sieben Monate lang nur in der Klinik lag, drei davon im Koma. Die Ärzte hätten ihr bereits mitgeteilt, sie werde nie wieder gehen können. Durch ihren „unfassbaren Willen und Fokussierung“ sei es der Patientin aber doch gelungen. Ist das realistisch?

          Inga Lürsen steht vor einem Rätsel: Wer hat Ole Bergener umgebracht? Auch Kollegin Reinders (Camilla Renschke) ist überfragt.

          Antwort von Dr. med. P. Melzer:

          Nach einem dreimonatigen Koma, weiterer viermonatiger Bettlägerigkeit und der ärztlichen Aussage, dass die Patientin nie wieder gehen können werde, ist es überraschend, dass der Patientin dies nach der Reha wieder einwandfrei gelang. Erstaunlich ist jedoch auch immer wieder, dass bei starker Willensanstrengung der Patienten und engagiert durchgeführter multimodaler Rehabilitation auch hochgesteckte Rehabilitationsziele tatsächlich erreicht werden können.

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          Frage 6: Kommissar Stedefreund schläft mit der Hauptverdächtigen. Dies wird allerdings nicht weiter thematisiert. Was passiert im „echten Leben“, wenn ein Kommissar dies tut?

          Antwort von Nils Matthiesen:

          Der Geschlechtsverkehr zwischen einem Ermittler und einer Hauptverdächtigen ist nicht explizit verboten. Der wahre Rechtsstatus der Dame ist zu dem Zeitpunkt ja auch noch nicht bekannt. Grundsätzlich würde man natürlich an der Objektivität der Ermittlungen zweifeln und den Kommissar den Fall nicht mehr bearbeiten lassen. Außerdem würde die Erfüllung von Straftatbeständen bis hin zur Strafvereitelung geprüft werden. Voraussetzung hierfür ist aber, dass jemand diese Überprüfungen auch voran treibt und entsprechendes Verhalten an die Interne Ermittlung oder die Staatsanwaltschaft meldet.

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          Kommissarin Inga Lürsen zu Carl Bellheim, ebenfalls hohes Tier im Pharmagroßhandel: „Maria Voss war deshalb so erfolgreich, weil sie die Zutaten für Ihre Chemotherapien billig in der dritten Welt besorgt hatte und hier teuer weiter verkauft hat und zwar über sie.“ Bellheim: „Natürlich gehen wir davon aus, dass die Wirkstoffe legal waren.“ „Waren die Zutaten wirkungslos? Die billigen, die CEBO geliefert hat“, so Kommissar Stedefreund. „Bitte, das ist doch absurd“, so Bellheim.  (Minute 68)

          Frage 7: Sehr düster zeichnet der Bremer “Tatort“ das Vorgehen des fiktiven Pharmagroßhändlers CEBO mit pharmazeutischen Produkten. Ist so etwas in Deutschland denkbar?

          Wie arbeitet CEBO? Lürsen und Stedefreund vernehmen Carl Bellheim (Jörg Pose) und seine Frau Gabriela Bellheim (Rosa Enskat).

          Antwort von Prof. Dr. Gerd Glaeske (Abteilungsleiter des Socium Forschungszentrum für Ungleichheit und Sozialpolitik der Universität Bremen, Projektleiter der „Innovationsreporte 2017 und 2018. Studien zur Versorgung mit innovativen Arzneimitteln“):

          Für alle Wirkstoffe auf dem Arzneimittelmarkt gibt es sogenannte Broker, die versuchen, bestimmte Mittel günstig auf den weltweiten Märkten einzukaufen und dann Arzneimittelherstellern, Großhändlern oder Apothekern günstig anzubieten. Ein günstiger Einkauf verspricht bei festen Verkaufspreisen eine höhere Marge und Profitmaximierung. In solchen Fällen kann es zu einer ökonomisch motivierten Komplizenschaft zwischen Großhändlern und zum Beispiel Apothekern kommen, die letztlich zum Schaden der Patienten ausgehen kann, weist der Wirkstoff nicht die ausgewiesene oder versprochene Qualität auf. Der Tatort aus Bremen scheint einer über die dunklen Handelswege von Arzneimittelwirkstoffen und die Profitgier von Beteiligten zu sein, die in der Tat in einzelnen Fällen in Deutschland aufgedeckt wurden. So eine kriminelle Energie kann nur dann nachgewiesen werden, wenn entweder Mitarbeiter*innen aus dem Umfeld dieser Handelswege "auspacken" oder Qualitätskontrollen von Arzneimitteln konsequent und unangemeldet vorgenommen werden. Letzteres ist leider keine Routine. Transparenz ist keine besondere Eigenschaft auf dem Pharmamarkt! Dennoch hat die Justiz schon manches aufdecken können - so ganz hoffnungslos ist die Situation aus meiner Sicht also nicht.

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