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FAZ.NET-Tatortsicherung : War das Notwehr?

  • -Aktualisiert am

Er sucht die künstliche Nähe: Frauenmörder Kai Korthals (Lars Eidinger) Bild: NDR/Philip Peschlow

Der stille Gast ist zurück im „Tatort“ aus Kiel, noch immer scheint er durch Wände gehen zu können. Sein Trick mit dem Fahrstuhl ist schnell aufgeklärt, was aber ist diesmal mit Borowski los?

          Eine junge verwirrte Frau wird von der Polizei in einer Tiefkühltruhe am Strand gefunden. Die Kommissare Klaus Borowski (Axel Milberg) und Sarah Brandt (Sibel Kekilli) können mit dem Gestammel der Frau nichts anfangen, bis sie ihren Peiniger malt: Es ist der Serienkiller Kai Korthals (Lars Eidinger), der „Tatort“-Fans schon aus einer früheren Kiel-Folge bekannt ist. In „Borowski und die Rückkehr des stillen Gastes“ entführt er nun die Lebensgefährtin des Kommissars und hält sie in einem Raum gefangen, zu dem es keine Tür zu geben scheint.

          Zur Lösung dieses Falls muss der Polizist Borowski selbst zum Verbrecher werden. Er will mit dem Mörder einen Deal aushandeln, um das Leben seiner Freundin zu retten. Der sonst kühle Kopf Borowski verzweifelt fast an seiner Unfähigkeit und der Gewitztheit des Entführers, was diesen „Tatort“ so spannend und dramatisch macht. Aber stimmen all die Motive, aus denen die Personen handeln? Und was hat es eigentlich mit dieser komplizierten Aufzugsmechanik auf sich? Wir haben nachgefragt.

          ***

          Frage 1: Eine offensichtlich psychisch sehr kranke Frau flieht aus der Psychiatrie (9. Minute)  und kann für vier Monate untertauchen, ohne dass sie von der Polizei entdeckt wird. Sind so eine Flucht und das Untertauchen in diesem Zustand möglich?

          Den Peiniger kennen wir doch: Thomas Schladitz, Borowskis Vorgesetzter, mit der Zeichnung der jungen verwirrten Frau.

          Antwort von Dr. Robert Göder (Facharzt an der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie Kiel):

          Die meisten Patienten weisen sich selbst in die Psychiatrie ein. Ansonsten ist eine Behandlung nur mit einer richterlichen Zustimmung möglich, was eine ziemlich hohe Hürde ist. Bei einer längeren Behandlung wird die Person aber nicht die ganze Zeit eingesperrt, sondern sie soll langsam wieder an ein normales und selbständiges Leben gewöhnt werden. Bei so einer Übung kann ein Patient immer mal entwischen. Wenn die Gefahr besteht, dass die Person sich etwas antut, verständigen die Ärzte die Polizei. Allerdings gehen die Ausreißer meist zu sich nach Hause oder zu ihren Verwandten. Ein längeres Untertauchen ist kaum wahrscheinlich.

          ***

          Frage 2: Kommissar Borowski sagt in der neuen Folge, dass er eigentlich Verbrecher werden wollte (22. Minute), dann aber zur Polizei gegangen sei, weil er dort fast ebenso nah an das Verbrechen heran komme. Als Ermittler müsse er jedes Verbrechen, um es aufzuklären, im Kopf noch einmal begehen, ohne es auszuführen. Ist das eine nachvollziehbare Motivation für einen Kommissar und hat er die Arbeitsweise eines Ermittlers gut beschrieben?

          Verhinderter Krimineller: Kommissar Borowski erklärt seiner Schwiegermutter seine Nähe zum Verbrechen.

          Antwort von Robert Schulz (Pressesprecher des Landeskriminalamts Kiel):

          So ist offenbar die Rolle dieser Figur im Film vorgesehen. Grundsätzlich gilt bei der Polizeiarbeit, beim Aufklären von Straftaten, dass es besonders hilfreich ist, wenn man sich in die Rolle des Täters versetzen und sein Handeln nachvollziehen kann. Eine gute Menschenkenntnis und großes Empathievermögen sind sehr wichtig. Bei besonders schweren Straftaten, etwa einer Entführung, muss der Ermittler den nächsten Schritt des Täters absehen können. Häufig helfen dabei auch Profiler, die sich vor allem mit dem Täter beschäftigen. Tatsächliche Verbrecher haben natürlich keine Chance, eine Karriere bei der Polizei zu machen.

          ***

          Frage 3: Kommissar Borowski lässt den Laptop seiner Lebensgefährtin von einer Kollegin hacken (40. Minute) – weil er glaubt, dass seine Lebensgefährtin entführt wurde. Ist das legal?

          Kommissar im Zwielicht: Borowski bittet seine Kollegin Brandt, den Laptop seiner Lebensgefährtin zu hacken.

          Antwort von Robert Schulz (Pressesprecher des Landeskriminalamts Kiel):

          Das Eindringen in Computer beziehungsweise in persönliche  Daten oder den Datenverkehr eines Internetbenutzer ohne das Wissen des Betroffenen stellt einen hohen Eingriff in die Grundrechte dar. Das wird nur in Fällen schwerster Kriminalität, zum Beispiel bei der Terrorismusbekämpfung, als Mittel eingesetzt. Die Polizei darf solche Maßnahmen grundsätzlich auch nur auf eine richterliche Anordnung hin durchführen. So eine Anordnung kann im akuten Fall dann aber sehr schnell vorliegen.

          ***

          Frage 4: Ein Aufzug spielt in diesem „Tatort“ eine wichtige Rolle. Indem man einen Schlüssel in ein Schloss im Steuerungstableau einführt, wird ein Mechanismus in Gang gesetzt, der eine Geheimtür öffnet. Diese Schlösser in Aufzügen gibt es ja wirklich. Wofür sind sie genau da?

          Letzte Flucht: Ohne den Aufzug hätte Killer Kai Korthals (Lars Eidinger) seinen Plan nie ausführen können.

          Antwort von Holger Hamann (Aufzugbauer aus Kiel):

          Wenn man den Schlüssel in das Schloss einführt, ist der Aufzug nur noch aus der Kabine aus zu steuern. Das nennt man Innenvorzug. Den Schlüssel dafür haben meistens nur die Hausbesitzer. Wenn die zum Beispiel eine Wohnung oben in dem Haus haben, können sie die mit Hilfe des Schlüssels alleine und ungestört anfahren. Auch in Arztpraxen und Kliniken gibt es das, damit ein Patient schnell und ohne Unterbrechung in das richtige Stockwerk gefahren werden kann. Durch den Schlüssel wird die Elektronik gesteuert, das hat nichts mit Mechanik zu tun, wie es in dem Film dargestellt wird.

          ***

          Frage 5: Die gefangen gehaltene Lebensgefährtin sticht ihren Entführer nieder und verletzt ihn lebensgefährlich (86. Minute), obwohl er in dem Moment unbewaffnet war. Borowski sagt ihr später, dass es Notwehr gewesen sei. Ist es möglich, dass ein Gericht das später auch so sieht?

          Notwehr? Borowskis Lebensgefährtin Frieda Jung sticht ihren Entführer nieder.

          Antwort von Robert Schulz (Pressesprecher des Landeskriminalamts Kiel):

          In einem Echtfall würde am Ende ein Gericht darüber entscheiden, ob der Angriff mit einem Messer durch Notwehr abgedeckt sein kann. Das kann auch durchaus fraglich sein, denn das Mittel um einen Angreifer oder – wie in dem Fall den Entführer – abzuwehren, darf nicht überzogen sein. Auf jeden Fall würde gegen die Frau ermittelt, denn eine Straftat, wahrscheinlich gefährliche Körperverletzung, hätte sie in jedem Fall begangen, nur womöglich wäre die Notwehr ein Grund, das Verfahren direkt einzustellen.

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