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FAZ.NET-Tatortsicherung : Pulverfass Schule?

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Wird bei einer Bombenexplosion schwer verletzt: Referendarin Josephine Mayfeld (Kim Schnitzer). Hauptkommissarin Lenski (Maria Simon) verhört sie trotzdem. Bild: rbb/Oliver Feist

Im „Polizeiruf 110: Hexenjagd“ erweisen sich Kommissarin Lenski und Kollege Krause als wahre Sprengexperten. Nur über die Schulen Brandenburgs wissen sie so gut wie nichts. Schlecht, wenn man dort ermittelt.

          Im Direktorat einer Mittelschule geht eine Bombe hoch. Eine Referendarin wird schwer verletzt, die Schulleiterin, der der Anschlag wohl eigentlich galt, kommt mit einem Kratzer davon. Die Prüfungen für den Mittelschulabschluss standen bevor, die neuen Prüfungsfragen lagerten im Tresor des Direktorats. Motive werden in diesem Fall großzügig gestreut.

          Im „Polizeiruf 110: Hexenjagd“ muss Kriminalhauptkommissarin Olga Lenski (Maria Simon) eintauchen in eine Welt, die von Leistungsdruck, ehrgeizigen Eltern, rebellierenden Teenagern und zerstrittenen Lehrern geprägt ist. Insider-Pointe dieses „Polizeirufs“: Maria Simon muss als Kommissarin Lenski ihren eigenen Sohn abführen, der einen verdächtigen Schüler spielt.

          Ob Maria Simon ihm Nachhilfe in Chemie geben könnte? In ihrer Rolle als Olga Lenksi beweist sie jedenfalls erstaunlich fundierte Sprengstoffkenntnisse. Lernt man das auf der Polizeischule? Sind Mittelschulen Pulverfässer? Der Brandenburger „Polizeiruf“ im Realitätstest.

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          Frage 1: Im neuen „Polizeiruf“ tritt gleich in der ersten Minute eine Mathematiklehrerin in Erscheinung. Soll hier das gängige Klischee unterlaufen werden, nur Männer seien begabte Mathematiker oder ist eine weibliche Mathematikerin an Brandenburgs Schulen ganz normal?

          Referendarin Josephine Mayfeld (Kim Schnitzer) nimmt sich die Schülerin Isabell Fuchs (Helena Sigmund-Schultze) zur Brust, die sie vor der ganzen Klasse beleidigt hat.

          Antwort von Stephan Breiding (stellvertretender Sprecher des Brandenburger Bildungsministeriums):

          Insgesamt waren im Schuljahr 2013/14 an den öffentlichen Schulen in Brandenburg 7.550 Lehrkräfte mit einer Ausbildung für das Fach Mathematik tätig, darunter 6.355 weibliche. Eine Mathematiklehrerin ist an unseren Schulen also völlig normal.

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          Hauptkommissarin Lenski zu Krause: „Wussten Sie, dass Dr. Strasser eine Frau ist?“ Darauf Krause: „Ist doch heutzutage nichts Ungewöhnliches.“ (Minute 13)

          Frage 2: Olga Lenski geht ganz selbstverständlich davon aus, dass es sich um einen männlichen Schulleiter handelt, Krause scheint emanzipierter. Wer hat recht?

          Schulleiterin Bärbel Strasser (Corinna Kirchhoff) regiert mit harter Hand. Ihre Verletzung von der Explosion ist für sie nur ein Kratzer.

          Antwort von Stephan Breiding (Brandenburger Bildungsministerium):

          Derzeit sind an den 914 Schulen in öffentlicher und freier Trägerschaft in Brandenburg 624 Frauen als Schulleiterinnen tätig. Betrachtet man nur die 744 Schulen in öffentlicher Trägerschaft sind es 519 Frauen. Krauses Aussage ist also wesentlich realitätsnäher, als Lenskis Annahme, der Schulleiter sei ein Mann.

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          Frage 3: Olga Lenski erkennt sofort, dass an der Bombe ein Zeitzünder installiert war und beweist auch sonst viel sprengtechnischen Sachverstand. Ist das für eine Kriminalhauptkommissarin Standardwissen?

          Kommissarin Lenski erkennt am Tatort sofort, dass die Bombe einen Zeitzünder hatte und jemand ganz Bestimmtes treffen sollte.

          Antwort von Dietmar Keck (Pressestelle des Polizeipräsidium Brandenburg):

          Grundsätzlich gibt es den allwissenden Ermittler, wie er in Filmen häufig vorkommt, nicht. Kriminalbeamte sind üblicherweise hochqualifizierte Mitarbeiter, die sich im Laufe ihres Berufslebens bestimmte Spezialkenntnisse auf ihrem Tätigkeitsgebiet aneignen. Ein Gesamtergebnis ergibt sich dann erst im engen Zusammenwirken verschiedener Spezialisten.

          In dem im aktuellen „Polizeiruf“ beschriebenen Fall würde die Tatortuntersuchung im Land Brandenburg letztlich durch die Tatortgruppe des Landeskriminalamts (LKA) gemeinsam mit den LKA-Spezialisten für USBV (Unkonventionelle Spreng- und Brandvorrichtungen) erfolgen. Nach der Detonation einer solchen unkonventionellen Spreng- und Brandvorrichtung wie der Rohrbombe im Film muss zunächst ausgeschlossen werden, dass sich noch weitere am Ort befinden und möglicherweise detonieren.

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          Frage 4: Als Krause den Chemielehrer Rainer Zerbe zur Rede stellt, warum dieser das gesperrte Schulgebäude betreten habe, spricht Zerbe von „hochgiftigen Chemikalien“, die er sichern wollte. Sitzen also alle Schüler und Lehrer in weiterführenden Schulen auf potentiellen Sprengstoff-Laboren?

          Polizeihauptmeister Horst Krause stellt Chemielehrer Rainer Zerbe (Rainer Sellien) zur Rede.

          Antwort von Dietmar Keck (Pressestelle des Polizeipräsidium Brandenburg):

          Grundstoffe, aus denen Sprengkörper etc. hergestellt werden können, sind im Allgemeinen recht einfach zu beschaffen und könnten auch in einem Schullabor vorhanden sein. Rezepturen und Herstellungsanleitungen können ebenfalls via Internet erlangt werden. Auf Einzelheiten werden wir aus sicher verständlichen Gründen nicht weiter eingehen.

          Versuche, selbst Sprengkörper herzustellen, werden immer wieder bekannt. Solche Versuche sind mit einem sehr hohen Gefährdungspotential für die handelnden Personen verbunden, da die selbständig hergestellten Mischungen meist nicht handhabungssicher sind.

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          Frage 5: Nach der Explosion gilt die größte Sorge der Schulsekretärin dem Tresor. In ihm werden die Prüfungsfragen für den Mittleren Schulabschluss (MSA) aufbewahrt. Wären Schüler dort wirklich fündig geworden, wenn sie die Fragen hätten stehlen wollen?

          Krause gelingt es nicht, die Schulsekretärin Irmi Krems (Hildegard Schroedter) zur Kooperation mit der Polizei zu bewegen.

          Antwort von Stephan Breiding (Brandenburger Bildungsministerium):

          Die Prüfungsausgaben, sofern sie für die landesweit zentralen Prüfungen in der Jahrgangsstufe 10 in drei Fächern (sowie beim Abitur) relevant sind, werden vor Beginn der Prüfungen vom Landesinstitut per Kurier in die Schulen gebracht und müssen dort gesichert werden, in der Regel tatsächlich in einem Tresor.

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          Ein Fun-Fact zum Schluss: Die Schulart der Mittelschule samt MSA (Mittelschulabschluss), um die sich im 'Polizeiruf 110: Hexenjagd“ vieles dreht, gibt es in Brandenburg in dieser Form nicht.

          Auch schlechte Noten machen verdächtig: Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) führt Tobias Lubkoll (Ludwig Simon) ab.

          Stephan Breiding (Brandenburger Bildungsministerium):

          In Brandenburg gibt es eine sechsjährige Grundschule, gefolgt von Oberschulen, an denen man umgangssprachlich den Haupt- und Realschulabschluss machen kann, Gesamtschulen (an denen man alle Abschlüsse machen kann) sowie die Gymnasien, an denen man das Abitur erwerben kann. Eine Mittelschule gibt es nicht, einen MSA gibt es ebenfalls nicht bei uns (lediglich in Berlin). Nach Klasse 10 folgt hier die erweiterte Berufsbildungsreife oder die Fachoberschulreife – dem entspräche wohl der genannte MSA.

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          So fand unsere Kritikerin den neuen Polizeiruf – wie fanden Sie ihn?

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