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FAZ.NET-Tatortsicherung : Gibt es Bürgerwehren in Köln?

  • -Aktualisiert am

Das werden schwierige Ermittlungen: Ballauf (Klaus Behrendt, li.) und Schenk (Dietmar Bär) am Tatort in der Zoohandlung. Wer hat den jungen Lars erschossen? Bild: WDR/Thomas Kost

Der neue „Tatort“ aus Köln zeigt eine Stadt im Ausnahmezustand. Aus Angst vor Fremden haben sich Bürgerwehren gebildet, der Waffenschein hat Hochkonjunktur. Wie nah ist der Film an der Realität?

          3 Min.

          Wieder so ein „Tatort“, welcher der Realität den Spiegel vorhalten will. In einem Kölner Viertel sammelt sich in der neuen Folge die so genannte „Wacht am Rhein“, eine Bürgerwehr, die als selbstorganisierte Schutz- und Einsatztruppe für Sicherheit sorgen will. Unter der Leitung von Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) observieren und filmen die Mitglieder, zu denen auch der Vorzeige-Marokkaner Adil Faras (Asad Schwarz) gehört, eine Gruppe von Jugendlichen mit Migrationshintergrund, die im dunklen Hinterhof eines Mehrfamilienhauses verdächtig herum steht und, so will es uns das Bild vermitteln, mit Drogen dealt.

          In der Anschlussszene überfällt einer der Jungs, Khalid Hamidi (Samy Abdel Fattah), mit einer Pistole bewaffnet die Zoohandlung von Peter Deisböck (Paul Herwig), der ebenfalls zur „Wacht am Rhein“ gehört. Hier beginnt das große Durcheinander: Lars – Peter Deisböcks Sohn – stürzt in den Laden, um seinen Vater zu schützen, wird dabei selbst erschossen, doch unklar ist, von wem. War es Khalid Hamidi, der junge Flüchtige? Der von Adil Faras gefasste Baz Barek (Omar El-Saeidi)? Oder doch Dieter Gottschalk? Es entwickelt sich ein Szenario der Unübersichtlichkeit, das alleine dadurch zusammengehalten wird, dass alle von Angst regiert scheinen. Das Postfaktische wird zur Filmhandlung, Beweise zählen nicht mehr, sondern nur noch der Versuch, durch moralische Deutungshoheit Kontrolle zu übernehmen.

          Anlass genug für einen Fakten-Check. Wir haben mit der Kölner Polizei über Bürgerwehren, Waffenscheine und die Frage, wie nah der Film den aktuellen Zuständen in Köln wirklich kommt, gesprochen.

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          Frage 1: Herr Gilles, die Bürgerwehr „Wacht am Rhein“ patrouilliert im neuen „Tatort“ nächtlich, mit Walkie-Talkie und Pistolen ausgerüstet, durch den Kölner Kiez. Wie sieht die Wirklichkeit aus? Gibt es solche Gruppen in Köln?

          Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) leitet die nächtlichen Patrouillen der „Wacht am Rhein“.
          Dieter Gottschalk (Sylvester Groth) leitet die nächtlichen Patrouillen der „Wacht am Rhein“. : Bild: WDR

          Antwort von Christoph Gilles (Pressesprecher der Polizei Köln):

          Die einfache Antwort lautet zunächst einmal: Nein. Es gibt in Köln derzeit keine aktive Bürgerwehr, zumindest keine, wie sie der „Tatort“ uns zeigt. Denn polizeilich gilt nur jene Gruppe als Bürgerwehr, die als Verein angemeldet ist. Eine Vereinigung wie die „Wacht am Rhein“, die als Gruppe mit Namen aktenkundig ist, haben wir nicht. Das ist unsere Sicht der Dinge, die Sicht der Ordnungshüter. Denn nach der Katastrophe auf der Domplatte in der Silvesternacht des vorvergangenen Jahres wurde in den Medien immer wieder von „Bürgerwehren“ in Köln gesprochen. Tatsächlich gab es in Köln, im Frühjahr des letzten Jahres, die so genannten „Altstadt-Spaziergänge“, selbstorganisierte Gruppen, die vor allem in der Innenstadt, rund um den Hauptbahnhof, präsent waren. Die Mitglieder standen mehrheitlich einem rechtsnationalistischen Gedankengut nahe und versteiften sich auf eine mögliche, von Flüchtlingen ausgehende Gefahr. In Gruppenstärke von 20 bis 25 Personen, darunter auch viele Rocker, verübten sie Selbstjustiz und wurden deshalb von der Polizei verboten. Wir haben die Problematik auch aktuell im Auge, denn die Stimmung ist weiterhin hitzig. Doch aktenkundig, also rechtlich legitimiert, ist keine Bürgerwehr in Köln.

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          Frage 2: Im „Tatort“ übernehmen die Mitglieder der „Wacht am Rhein“ die Rolle der Ordnungshüter. Wie steht es rechtlich um solche Operationen? Darf man Menschen filmen? Und wann darf beziehungsweise muss man als Privatperson eingreifen?

          Vor dem Tatort wird getrauert und Politik gemacht: Mitglieder der „Wacht am Rhein“ verteilen Flugblätter gegen die Überfremdung des Kiez.
          Vor dem Tatort wird getrauert und Politik gemacht: Mitglieder der „Wacht am Rhein“ verteilen Flugblätter gegen die Überfremdung des Kiez. : Bild: WDR

          Antwort von Christoph Gilles (Pressesprecher der Polizei Köln):

          Es gilt zu beachten, dass das Persönlichkeitsrecht den Gefilmten dazu berechtigt, gegen das Filmmaterial richterlich vorzugehen. Im Falle einer Straftat aber ist das Filmen in manchen Fällen von großer Bedeutung, denn Bildmaterial ist als Beweismaterial rechtskräftig. Der §127 der Strafprozessordnung (StPo), auch „Jedermannsparagraph“ genannt, schreibt vor, dass ein Täter, der „auf frischer Tat“ ertappt wird, von Privatpersonen auch festgenommen werden darf. So, wie es Adil Faras im „Tatort“ macht, ist es allerdings nicht rechtens, denn Baz Barek wurde nicht bei einer Straftat beobachtet, sondern nur verdächtigt.

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          Frage 3: Es ist in letzter Zeit oft über die gestiegene Anzahl an Waffenscheinanmeldungen berichtet worden. Im „Tatort“ sehen Ballauf und Schenk auf dem Wohnzimmertisch Peter Deisböcks entsprechende Unterlagen. Deisböck spricht von der Angst vor erneutem Wohnungseinbruch und der Gefahr, nachts alleine auf die Straße zu gehen. Gibt es einen signifikanten Anstieg bei den Neuanmeldungen in Köln?

          Peter Deisböck (Paul Herwig, Mitte) ist der Besitzer der Zoohandlung und Vater des getöteten Lars. Zum Schutz der Familie wollte er einen Waffenschein machen.
          Peter Deisböck (Paul Herwig, Mitte) ist der Besitzer der Zoohandlung und Vater des getöteten Lars. Zum Schutz der Familie wollte er einen Waffenschein machen. : Bild: WDR

          Antwort von Christoph Gilles (Pressesprecher der Polizei Köln):

          Ja, anhand der Zahlen lässt sich bestätigen, dass sich die Stimmung radikalisiert. Zunächst aber: Den „großen Waffenschein“, also für echte Schusswaffen, den kann man in Köln nicht machen. Nur den „kleinen Waffenschein“, der zur Benutzung einer Schreckschusspistole befähigt, kann man als Privatperson erhalten. Nach den Silvester-Vorkommnissen ist die Zahl der Anmeldungen stark gestiegen, was nachvollziehbare Gründe hat. Die Leute haben sich unsicher gefühlt. Im Vergleich: Im Kalenderjahr 2015 waren es insgesamt 547 Anträge, davon wurden 408 bewilligt. Im Kalenderjahr 2016 waren es 4539, davon wurden 3968 bewilligt. Die Differenz zwischen 2015 und 2016 ist also augenscheinlich. Doch noch extremer zeigt sich die Entwicklung im Vergleich der Zahlen der Januarmonate: Im Januar 2015 gingen bei uns 41 Anträge ein, von denen 30 bewilligt wurden. Im Januar 2016 hingegen waren es 1614, von denen 85 von der Behörde bewilligt wurden. Die Diskrepanz zwischen Anträgen und Bewilligung entstand aus der hohen Anzahl an „charakterlich ungeeigneten“ Bewerbern, die zudem oft minderjährig waren. Allerdings, und das ist in unseren Augen ein gutes Zeichen, lässt der Andrang wieder nach, denn im Dezember des letzten Jahres gingen mit 260 vergleichsweise wenig Neuanträge bei uns ein.

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