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FAZ.NET-Tatortsicherung : Ermitteln in der Stille

  • -Aktualisiert am

Kommissar Stellbrink (Devid Striesow) übt sich in Gebärdensprache. Bild: dpa

Eine Frau kommt beim Sex ums Leben, ein Gehörloser erpresst den vermeintlichen Täter. Im „Tatort: Totenstille“ ermittelt Kommissar Stellbrink mit Gebärdensprache. Wie barrierefrei ist dieser Krimi?

          Zwei Frauen kommen innerhalb kurzer Zeit ums Leben, beide Fälle scheinen miteinander in Verbindung zu stehen. Hauptkommissar Jens Stellbrink (Devid Striesow) ermittelt diesmal unter erschwerten Bedingungen. Denn: Viele Zeugen, aber auch zwei Tatverdächtige, sind gehörlos. Das macht die Kommunikation schwierig und stellt den Kommissar vor völlig neue Herausforderungen bei seinen Ermittlungen. Wie zum Beispiel spielt man im Verhör überzeugend den bösen Bullen, wenn für den Verdächtigen alles gedolmetscht werden muss?

          Um ein realistisches Bild zu vermitteln, wurden im Saarbrücker „Tatort: Totenstille“ alle gehörlosen Rollen auch von gehörlosen Schauspielern verkörpert – eine Entscheidung die sich gelohnt hat. Aber hat das Drehbuch sich auch konsequent in ihre Perspektive versetzt?

          ***

          Frage 1: Während der Trauerfeier behauptet die Leiterin der Gehörlosenwerkstatt, dass die Gehörlosensprache bis in die neunziger Jahre hinein an manchen Schulen verboten war. Stimmt das?

          Bei der Beerdigung ist noch alles friedlich.

          Antwort von Julia Probst (Gehörlose Inklusions- und Barrierefreiheitsaktivistin, Lippenleserin und Bloggerin, Beraterin für den Tatort „Totenstille“):

          Da sind Sie soeben gleich ins erste Fettnäpfchen getreten – es heißt nicht Gehörlosensprache, sondern korrekt Gebärdensprache. Zu Ihrer Frage: Nicht nur an manchen Schulen, es herrschte an den Schulen durchgehend das Verbot. Und ja, die Gebärdensprache wurde auf dem berühmt-berüchtigten Mailänder Kongress von 1880 als Unterrichtssprache verboten, was auch zur Folge hatte, dass Gebärdensprache als Werkzeug zur Kommunikation und zum Bildungserwerb verboten war. Der Oralismus vertritt die Ansicht, dass Gehörlose sich an die hörende Gesellschaft anzupassen haben über das Lippenlesen und Artikulation, wobei Gebärdensprache als hinderlich angesehen wurde. So wurden Gehörlose jahrhundertelang unterdrückt. Das Verbot von 1880 wurde offiziell erst 2010 seitens der Internationalen Konferenz zur Bildung und Erziehung Gehörloser aufgehoben und eine Entschuldigung ausgesprochen. Viele ältere Gehörlose, die heute um die 50 Jahre alt sind, erinnern sich noch allzu gut daran, wie in Kindergärten, Schulen und Internaten mit dem Rohrstock auf die Finger geschlagen wurde, wenn sie in Gebärdensprache kommunizieren wollten. Noch heute gilt für das Studium der Gehörlosenpädagogik nicht an allen Deutschen Universitäten die Vorschrift, dass die Studenten die Gebärdensprache beherrschen müssen, um das Studium absolvieren zu dürfen, was absurd ist. Übertragen auf ein anderes Bild: Man stelle sich einen Spanischlehrer vor, der ohne praktische Fähigkeiten der spanischen Sprache Spanier unterrichten soll.

          ***

          Frage 2: Ben Lehner liest aus einiger Distanz und durch eine reflektierende Scheibe hindurch von Georg Weilhammers Lippen ab und erfährt so von dessen Geheimnis. Wie schwierig ist das?

          Georg Weilhammer (Martin Geuer) spricht am Telefon über den Mord, den er aus Versehen begangen hat. Ben Lehner (Benjamin Piwko) liest unter erschwerten Bedingungen von seinen Lippen ab.

          Antwort von Julia Probst:

          Wenn man zum Beispiel mich dabei im Kopf hat, ist das realistisch. Ich bin ja dadurch bekannt geworden, dass ich bei den Fußballspielen Jogi und seinen Jungs von den Lippen abgelesen habe. Man darf jedoch nicht von diesem Beispiel automatisch darauf schließen, dass alle Gehörlose einfach so alles von den Lippen ablesen können. Das ist nicht der Fall, weil es eben von vielen verschiedenen Faktoren abhängt. Deutsche Sprachforscher haben herausgefunden, dass nur etwa 15 Prozent der deutschen Sprache für Lippenleser ablesbar sind, was daran liegt, dass im Deutschen vielfach lautsprachlich ähnliche Wörter existieren, die aber eine unterschiedliche Bedeutung haben. Man denke nur mal an: Butter und Mutter, Tisch und Fisch, Greifen und Reifen oder viele andere. In den Vereinigten Staaten arbeiten übrigens Lippenleser beim FBI, aber das Englische ist auch viel leichter ablesbar als das Deutsche.

          ***

          Frage 3: Wie lange dauert es, bis man Lippenlesen richtig gut kann?

          Kommissar Stellbrink verhört den gehörlosen Ben Lehner mit Hilfe einer Dolmetscherin.

          Antwort von Julia Probst:

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