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FAZ.NET-Tatortsicherung : Die Wahrheit in den Schweinehälften

  • -Aktualisiert am

Ein widerspenstiger Fall: Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) brauchen mehrere Anläufe. Bild: X Filme/Hagen Keller

Der neue „Tatort“ aus München beginnt mit einem Messerstich-Stakkato auf einen Passanten und endet mit der Frage, welche Wahrheiten ein Mensch ertragen kann. Unser Realitätstest hilft bei der Antwort.

          3 Min.

          Der Familienvater Ben will nur mal eben einem Obdachlosen hochhelfen, der vor einem Ladeneingang liegt, da sticht der undankbare Hilfsbedürftige auch schon wie wild auf ihn ein - und läuft sogleich davon. Die Ermittler Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) fangen tags darauf am Tatort einen fliehenden Obdachlosen ein. Beim Scan seines Fingerabdrucks spuckt der Computer den passenden kriminellen Lebenslauf aus: Der Mann ist höchst verwirrt und höchst verdächtig. Doch der Rechtsmediziner muss die Ermittler enttäuschen. Er hat mit dem Messer des Obdachlosen auf eine Schweinehälfte eingestochen und ist sich sicher, dass das Messer nicht die Tatwaffe sein kann.

          Neuer Anlauf: Nun werden die Zeugen zur Polizei geladen, doch jeder von ihnen beschreibt eine andere Version von Tat und Täter. Auch können sie sich auf keinen bei der Gegenüberstellung präsentierten Verdächtigen einigen. Dann wird ein Tuch gefunden, mit dem möglicherweise die Tatwaffe abgewischt wurde und an dem zweierlei Blut klebt, ein DNA-Abgleich verspricht den Durchbruch. Doch auch diese Spur verläuft im Sand.

          Während Ermittler Batic die Familie des Opfers zum Geburtstag besucht, hat der kritische Zuschauer angesichts des mangelnden Ermittlungs-Fortschritts Zeit zum Nachdenken: Stochern Gerichtsmediziner tatsächlich in Schweinehälften herum? Wie läuft einen Gegenüberstellung bei der Polizei ab, und darf Ermittler Batic überhaupt zu dem Geburtstag des kleinen Taro gehen, wo er doch den Mord an dessen Vater aufklären soll? Wir haben nachgefragt.

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          Frage 1: Dürfen Ermittler Einladungen von Angehörigen eines Opfers annehmen?

          Batic (Miroslav Nemec) kümmert sich intensiv um die Familie des Opfers und den kleinen Taro (Leo Schöne)
          Batic (Miroslav Nemec) kümmert sich intensiv um die Familie des Opfers und den kleinen Taro (Leo Schöne) : Bild: X Filme/Hagen Keller

          Antwort von Carsten Neubert (Polizeipräsidium München):

          Was der Ermittler privat macht, ist ihm überlassen. Er muss selbst abwägen, ob es mit seinen beruflichen Interessen kollidiert. Es darf bei solchen Treffen aber nichts Dienstliches besprochen werden und er darf den Angehörigen auch keinen Ermittlungsstand mitteilen. Grundsätzlich sollte sich der Beamte überhaupt nicht zum Fall äußern. Er könnte das private Treffen aber für weitere Ermittlungen nutzen. Das sollte er dann vorher mit seinen Kollegen absprechen. Ein Treffen könnte auch im Rahmen der Opferbetreuung erfolgen. Besonders wenn durch die Arbeit am Fall schon ein Vertrauensverhältnis zwischen dem Ermittler und den Angehörigen entstanden ist, könnte der Ermittler durch private Treffen in der Betreuung hilfreich sein.

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          Frage 2: Der Film zeigt eine ungewöhnliche Form der Gegenüberstellung. Der Tatverdächtige steht in einem Raum neben ähnlich aussehenden Personen, alle halten Schildchen mit einer Nummer hoch. Ein Video von dieser Aufstellung wird für die Zeugen auf einen Bildschirm übertragen. Läuft das wirklich so ab?

          Die Suche nach dem Täter sprengt fast jeden Rahmen: Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) schwört seine Kollegen in der Turnhalle ein.
          Die Suche nach dem Täter sprengt fast jeden Rahmen: Kriminalhauptkommissar Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) schwört seine Kollegen in der Turnhalle ein. : Bild: X Filme/Hagen Keller

          Antwort von Carsten Neubert (Polizeipräsidium München):

          Ein solche Gegenüberstellung per Video ist mir in Deutschland nicht bekannt und bei uns in München keine Praxis. Wir arbeiten zu 99 Prozent mit ausgedruckten Fotos. Das sind Bilder mit ähnlich aussehenden Personen, unter denen auch der Tatverdächtige ist. Auf jedem Foto ist auch nur eine Person und die Bilder werden nacheinander angeschaut. Nur so ist das vor Gericht verwertbar. Alles, was der Zeuge zu den einzelnen Bildern sagt, wird dabei dokumentiert. Das Gleiche wird direkt danach noch einmal gemacht, um wirklich sicher zu gehen. Selten kommt es vor, dass der Zeuge den Tatverdächtigen und die ähnlich aussehenden Personen hinter verspiegelten Scheiben betrachtet.

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          Frage 3: Der Zustand des Niedergestochenen ist kritisch: „Immer noch Kammerflimmern“, sagt die Ärztin. Der Arzt ordnet daraufhin 300 Milligramm Amiodaron an, anschließend den Defibrillator. Kann der Patient von seinen Stichverletzungen tatsächlich Kammerflimmern bekommen und ist Amiodaron das geeignete Mittel in einem solchen Fall?



          Antwort von Prof. Dr. med. Randolph Penning (Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Rechtsmedizin):

          Das Medikament Amiodaron wird tatsächlich zur Behandlung von Kammerflimmern eingesetzt, ebenso wie die Defibrillation. Aber es gibt zwei Arten von Kammerflimmern. Zum einen das Kammerflimmern etwa durch Herzrhythmusstörungen. Bei diesen könnte man den Puls durch solche Maßnahmen wieder normalisieren. Etwas anderes ist es aber, wenn jemand abgestochen wird und viel Blut verliert. Kurz bevor er daran stirbt, kann er auch ins Kammerflimmern kommen, weil das Herz nicht mehr genug Blut zum Pumpen hat. Da würden ein Defibrillator oder eine Dosis Amiodaron keinen Sinn ergeben. Eher würde man dem Patienten neues Blut oder Infusionslösungen zuführen, damit das Herz wieder genug davon hat und sich der Kreislauf stabilisiert. Dann könnte auch das Kammerflimmern verschwinden.

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          Frage 4: Der Rechtsmediziner sticht mit dem Messer des Verdächtigen auf eine Schweinehälfte ein, um zu sehen, ob die Wunde des Schweins so aussieht wie die des Opfers. Machen Gerichtsmediziner so etwas wirklich?

          Rechtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher (Robert Joseph Bartl) nimmt Maß.
          Rechtsmediziner Dr. Matthias Steinbrecher (Robert Joseph Bartl) nimmt Maß. : Bild: X Filme/Hagen Keller

          Antwort von Prof. Dr. med. Randolph Penning (Ludwig-Maximilians-Universität München, Institut für Rechtsmedizin):

          Ja, mitunter schon. Man verwendet dann ein Schwein, das etwa beim Transport gestorben ist. Denn Schweine werden nicht extra für so etwas getötet. Die Mediziner fahren dann üblicherweise zum toten Schwein hin und machen dort ihre Versuche, um Fragen zu klären wie: Welche Kraft muss man mit der Waffe ausüben, um zu verletzen? Wie groß ist die Wunde und  inwiefern ist eine Waffe überhaupt dafür geeignet? Wie die Stichwunde aussieht, kann man dagegen schon durch das Messer selbst bestimmen, ohne irgendwo reinzustechen.

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