https://www.faz.net/-gsb-87z73

FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie gefährlich ist die Wiesn?

  • -Aktualisiert am

Ja ist denn schon wieder Wiesn? Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Batic (Miroslav Nemec) müssen einen Giftanschlag auf dem Oktoberfest aufklären. Bild: Bernd Schuller

Batic und Leitmayr müssen im Trubel des Oktoberfests einen Giftmischer jagen. Der kippt jungen Männern Liquid Ecstasy in die Maß, einer davon überlebt den Anschlag nicht. Doch wie tödlich ist die Partydroge wirklich?

          4 Min.

          Pünktlich zum Start des Oktoberfests sendet die ARD einen „Tatort“ aus München. Sein Titel „Die letzte Wiesn“ hält, was er verspricht - zumindest für einen jungen Italiener. Anders, als vom klischeegesteuerten Pathologen vermutet, ist er jedoch nicht verstorben, weil er das starke Wiesn-Bier nicht vertragen hat, ihm wurde GHB, besser bekannt unter dem Begriff „Liquid Ecstasy“, ins Bier gepanscht.

          Auch andere junge Männer gehen durch die K.-o.-Tropfen in die Knie, und die Kommissare Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) und Ivo Batic (Miroslav Nemec) müssen bei laufendem Festbetrieb nach dem Täter fahnden - übrigens wurde letzten Herbst auch bei laufendem Betrieb gefilmt, wie uns Gabriele Papke, Leiterin der Wiesn-Pressestelle, berichtet.

          Für diesen „Tatort“ scheint der Bayerische Rundfunk einen guten Draht zur Stadt München, aber auch zur Polizei gehabt zu haben. Nur im Rechtsmedizinischen Institut hätte es die Handlung besser nochmal gegenlesen lassen sollen. Aber kein Problem, dafür gibt es ja die Tatortsicherung.

          ***

          Frage 1: Im neuen Münchner Tatort „Die letzte Wiesn“ wird in einem bestimmten Zelt Festbesuchern immer wieder Liquid Ecstasy ins Bier geschüttet, ein Mensch stirbt sogar. Für die Kommissare beginnen schwierige Ermittlungen, denn das Zelt wird trotz der Vorkommnisse nicht geschlossen, sie müssen bei vollem Festbetrieb nach dem Täter suchen. Ein realistisches Szenario?

          Ermittlungen bei vollem Festbetrieb gehören nicht zu Kommissar Batics Lieblingsbeschäftigungen.
          Ermittlungen bei vollem Festbetrieb gehören nicht zu Kommissar Batics Lieblingsbeschäftigungen. : Bild: Wiedemann Berg Television/Bernd

          Antwort von Werner Kraus (Pressestelle Polizeipräsidium München): 

          Durchaus. Die Polizei würde tatsächlich zunächst klären: Wie viele Menschen kamen zu Schaden? Wo und wie wurde ihnen möglicherweise die Droge verabreicht? Gibt es einen Zusammenhang zwischen den Opfern? Solche Taten können zum Beispiel Beziehungstaten sein, denen ein Streit vorausging. Wenn bekannt würde, dass ein Tötungsdelikt im Raum steht, würde der laufende Betrieb im Festzelt eingestellt, bis die Tatortsicherung, darunter vor allem die Spurensicherung, beendet ist. Wenn dann nicht zu erkennen ist, dass weiter eine Gefahr für künftige Zeltbesucher besteht, ist eine darüber hinaus andauernde Schließung eines ganzes Zeltes aber nicht erforderlich, beziehungsweise nicht verhältnismäßig. Auch auf einem der kleinen Volksfeste würden wir so agieren. Das hat nichts damit zu tun, dass wir den Betrieb der Wiesn nicht stören wollen, weil es Münchens wichtigstes und einträglichstes Fest ist. Für uns hat vielmehr die Sicherheit der Bevölkerung stets oberste Priorität. Aber natürlich muss bei allen polizeilichen Maßnahmen stets die Verhältnismäßigkeit gewahrt werden.

          ***

          Frage 2: Die Giftanschläge wurden nur auf junge Männer verübt. Eine Fallanalytikerin glaubt an einen Einzeltäter, der „stellvertretende Aggressionsdelikte“ verübt. Eine gängige Diagnose?

          Batic und Kollegen bei der Fahndung zwischen Maßkrügen
          Batic und Kollegen bei der Fahndung zwischen Maßkrügen : Bild: Wiedemann Berg Television/Bernd

          Antwort von Werner Kraus (Pressestelle Polizeipräsidium München):

          Zunächst: In der Tat haben wir eine Abteilung für die operative Fallanalyse. Diese würde sich die Details der Anschläge ganz genau anschauen und versuchen, ein Täterprofil zu erstellen. Allerdings wären in der Realität für die Profilerstellung wesentlich mehr Fakten vonnöten. Außerdem erscheint mir die Zeit, in der die Analystin zu dieser Diagnose kommt, nicht sehr realistisch. Solch eine Analyse nimmt einige Zeit in Anspruch. Der Ausdruck „Einzeltäter, der stellvertretende Aggressionsdelikte verübt“ könnte bei einer Analyse der vorliegenden Fakten indes durchaus als mögliche Tätereinschätzung verwendet werden.

          ***

          Gerichtsmediziner nach der Obduktion: „Ich mein, viel hams ja noch nie vertragen, unsere italienischen Freunde. Wär' er mal lieber daheim bliebn, bei La Mamma.“ (Minute 7)

          Frage 3: Alljährlich amüsieren sich viele Münchner über die „Zugreisten“, die angesichts des starken Biers in die Knie gehen. Vor allem die Italiener gelten als wenig trinkfest.

          Nichts wie weg: Wenn die Italiener kommen, denkt Leitmayr nur noch an Flucht. Seine Wohnung vermietet er allerdings an feierwütige Schwedinnen.
          Nichts wie weg: Wenn die Italiener kommen, denkt Leitmayr nur noch an Flucht. Seine Wohnung vermietet er allerdings an feierwütige Schwedinnen. : Bild: Wiedemann Berg Television/Bernd

          Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning (Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München):

          Die Alkoholverträglichkeit hängt natürlich nicht von der Nationalität ab. Sie hängt davon ab, wie gut jemand „trainiert“ ist, sprich: Wer oft trinkt, verträgt auch mehr. Einzig Menschen aus dem asiatischen Raum haben eine genetische Veranlagung dazu, Acetaldehyd, ein Zwischenprodukt, das beim Abbau von Alkohol im Körper entsteht, nicht weiter abbauen zu können. Und dieser sogenannte „Zwischenalkohol“ sorgt für besonders schlimme Kopfschmerzen und Übelkeit. Das merken sie dann aber erst, wenn sie schon getrunken haben. Die Mär von den wenig trinkfesten Italienern ist aus wissenschaftlicher Sicht nur ein Mythos, der aber immer wieder befeuert wird - vor allem am sogenannten „Italiener-Wochenende“, dem zweiten Wiesn-Wochenende, an dem viele Italiener im Caravan nach München kommen, um dort zu campen und vor allem viel zu trinken, um dann oft öffentlich als Alkoholleichen zu enden.

          ***

          Frage 4: Im aktuellen Fall mit Batic und Leitmayr stirbt ein Italiener, weil er völlig betrunken an seinem Erbrochenem erstickt ist. Ein klassisches Szenario nach zu viel Alkohol?

          Dieser junge Italiener (Luca Pandrelli) hat es von der Theresienwiese immerhin noch bis an den Marienplatz geschafft.
          Dieser junge Italiener (Luca Pandrelli) hat es von der Theresienwiese immerhin noch bis an den Marienplatz geschafft. : Bild: Wiedemann Berg Television/Bernd

          Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning (Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München):

          Ist ein Mensch nicht mehr Herr seiner Sinne, egal, welche Substanz er zu sich genommen hat, und er erbricht sich in diesem Zustand, dann sterben die Wenigsten daran, dass das Erbrochene die Luftröhre mechanisch blockiert. Die Meisten sterben, weil sie es in die Lunge einatmen. Erbrochenes wiederum ist ja mit Magensäure versetzte Nahrung. Magensäure ist Salzsäure und greift das feine Lungengewebe an. Daran sterben die meisten Alkoholtoten  - was genau in der Lunge passiert, das zum Tod führt, ist allerdings umstritten.

          ***

          Gerichtsmediziner: „Wennst zu viel davon nimmst, haut’s dich aus den Latschen. Vor allem in Verbindung mit Alkohol. Ein Klassiker unter den Rape-Drogen. – Aber an dem ist der Italiener ned gstorbn?“ – Na. Aber der war ja auch noch jung.“ (Minute 22)

          Frage 5: Später stellt sich heraus, dass nicht das starke Wiesnbier für den desolaten Zustand des Italieners verantwortlich war, er hatte lediglich 0,7 Promille im Blut. Der toxikologische Befund weist darüber hinaus aber GHB, also Liquid Ecstasy, in seinem Körper nach. Weiter heißt es, dass diese Substanz in Kombination mit Alkohol tödlich sein kann – stimmt das?

          Weder Bier, noch K.-o.-Tropfen: In seiner verwüsteten Wohnung findet Leitmayr nach der Untervermietung nur einfach keinen besseren Schlafplatz.
          Weder Bier, noch K.-o.-Tropfen: In seiner verwüsteten Wohnung findet Leitmayr nach der Untervermietung nur einfach keinen besseren Schlafplatz. : Bild: Wiedemann Berg Television/Bernd

          Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning (Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München):

          GHB ist ein Narkosemittel und kann in der falschen Dosis angewandt immer tödlich sein - egal ob Alkohol im Spiel war, oder nicht. In geringer Dosis kann es euphorisierend wirken, in hoher Dosis kann es, wie jedes andere Narkosemittel auch, einen Menschen so schwer betäuben, dass seine Atmung aussetzt und er stirbt. 0,7 Promille sprechen allerdings tatsächlich gegen einen hohen Alkoholkonsum: Das entspricht in etwa dem Zustand nach einer Maß Bier. 

          ***

          So fand unsere Rezensentin den neuen „Tatort“ - wie fanden Sie ihn?

          Umfrage

          Wie fanden Sie den „Tatort: Die letzte Wiesn“ aus München?

          Alle Umfragen

          Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

          Weitere Themen

          Da kann einem das Staunen vergehen

          Nekes Mediensammlung : Da kann einem das Staunen vergehen

          Die einzigartige medienhistorische Sammlung Nekes wird jetzt zwar aus öffentlichen Mitteln erworben – aber fern öffentlicher Sichtbarkeit auf drei verschiedene Standorte verteilt.

          Topmeldungen

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.