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Tatort-Sicherung : Hat jeder einen Doppelgänger?

  • -Aktualisiert am

Seit wann trägt Kommissar Thiel (Axel Prahl) ein Mafioso-Bärtchen? Seit er seinen Zwilling gefunden hat. Bild: WDR/Thomas Kost

Im aktuellen „Tatort“ aus Münster müssen Boerne und Thiel den Mörder von Staatsanwältin Klemm finden – zumindest den ihres Doubles. Doch wie wahrscheinlich sind Doppelgänger eigentlich?

          Kommissar Thiel (Axel Prahl) trifft fast der Schlag: Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann) liegt tot vor dem Münsteraner Dom. Zum Glück hat ihm sein Gehirn nur einen Streich gespielt. Die Tote könnte als Doppelgängerin seiner Vorgesetzten durchgehen, die aber ist unversehrt, der Vorfall wird als Laune des Schicksals verbucht.

          Als zwei weitere Menschen ums Leben kommen, werden Thiel und Rechtsmediziner Boerne (Jan Josef Liefers) jedoch hellhörig. Denn eines der Opfer gleicht Boernes Assistentin bis aufs Haar, das andere Thiels „Vadder“ Herbert.

          Und auch das eigene Double finden beide im Zuge der Ermittlungen. Die Ähnlichkeit mit noch lebenden Personen kann kein Zufall mehr sein, folgern Thiel und Boerne. Oder vielleicht doch? Wir haben Experten gefragt.

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          Frage 1: Im Tatort „Spieglein, Spieglein“ dreht sich alles um sogenannte „Doppelgänger“, also Menschen, die einander zum Verwechseln ähnlich sehen, obwohl sie nicht notwendigerweise miteinander verwandt sind. Hat jeder von uns ein Double?

          Staatsanwältin Klemm (Mechthild Großmann), Silke Haller (Christine Urspruch) und Herbert Thiel (Claus D. Clausnitzer) auf der Suche nach ihren Doppelgängern - Kommissar Mirko Schrader (Björn Meyer) schaut fast etwas neidisch. Ihn gibt es nur einmal.

          Antwort von Dr. Teghan Lucas (forensische Anthropologin und Anatomin an der Universität von Adleaide):

          2015 haben meine Koautorin Professor Maciej Henneberg und ich gemeinsam eine Studie veröffentlicht, die das eindeutig widerlegt. Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Mensch einen Doppelgänger hat, dass es also einen anderen Menschen gibt, der genauso aussieht, liegt bei eins zu einer Billion (1:1.000.000.000.000). Das ist sogar nur auf die Übereinstimmung der Gesichter beider Individuen bezogen. Bezieht man weitere körperliche Merkmale mit ein, liegt die Wahrscheinlichkeit bei eins zu einer Trillion (1:1.000.000.000.000.000.000). Wir haben bei 4000 Probanden jeweils acht Merkmale wie etwa den Kopfumfang oder den Augenabstand erhoben und diese Daten dann miteinander verglichen – und nicht einen einzigen Treffer gelandet.

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          Frage 2: . Die Wahrscheinlichkeit, dass sich in einer Stadt wie Münster mit einer Einwohnerzahl von mehr als 300.000 gleich fünf Menschen aufs Haar gleichen, ist also verschwindend gering?

          Stimmt was nicht mit meiner Brille? Prof. Boerne (Jan Josef Liefers) sieht doppelt.

          Antwort von Dr. Teghan Lucas:

          Ja, gleich fünf Doppelgänger in einer Stadt und zufälligerweise auch noch in ein Verbrechen verwickelt – völlig unrealistisch. Nicht einmal monozygotische, also eineiige Zwillinge, sehen völlig identisch aus, es sind immer Unterschiede festzustellen. Selbst wenn die beiden Individuen in den bereits erwähnten acht Merkmalen, die wir untersucht haben, übereinstimmten, haben wir bei weiteren Untersuchungen dennoch kleine Unterschiede entdeckt. Das liegt daran, dass neben der Genetik viele verschiedene Faktoren auf das Aussehen Einfluss nehmen, etwa das Umfeld, in dem eine Person lebt.

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          Professor Boerne: „Dass Menschen sich ähneln ist vollkommen normal, inevitabel und darüber hinaus absolut bedeutungslos.“ – Silke Haller: „Aber warum habe ich dann eine Gänsehaut?“ – Boerne: „Weil Ihr Gehirn nach Mustern sucht, immer, automatisch, schon seit der evolutionären Frühzeit. Sie versuchen den Säbelzahntiger im Gebüsch zu erkennen. Der Anblick dieser Dame hier aktiviert Ihre neuronalen Netzwerke, in denen Sie das Aussehen von Frau Staatsanwältin Klemm abgespeichert haben. Diese Dissonanz, die erzeugt in Ihnen das Gefühl, dass Sie unheimlich nennen.“ (Minute 5/6)

          Frage 3: Die Assistentin von Rechtsmediziner Boerne, bekommt angesichts der Ähnlichkeit des Opfers mit Staatsanwältin Klemm Beklemmungen. Ihr Chef führt das auf die Evolution zurück. Was sagen Sie dazu?

          Das Opfer sieht Staatsanwältin Klemm zum Verwechseln ähnlich - Silke Haller findet das natürlich beklemmend.

          Antwort von Prof. Dr. Hans-Christian Pape (Direktor des Instituts für Neurophysiologie an der Medizinischen Fakultät der Universität Münster):

          Was im Film beschrieben wird, ist soweit korrekt. Das Gehirn ist in der Tat bereits seit frühester Zeit darauf trainiert, Ähnlichkeiten zu erkennen. Es hat sozusagen eine Vorliebe dafür, sich wiederholende Muster und Merkmale zu identifizieren, also Schablonen aufzulegen, und mit bereits gespeicherten Bildern zu vergleichen und vielleicht als bereits bekannt zu identifizieren. Man spricht hier von der sogenannten „Pareidolie“. Das äußert sich beispielsweise auch dann, wenn wir in Schatten oder Wolken Gesichter zu erkennen glauben. Wenn sie etwas sehen, was vier Beine, eine Sitzfläche und eine Lehne hat wissen sie sofort, dass das ein Stuhl ist – ob Barock oder Bauhaus ist erst einmal sekundär. Dieser Mechanismus dient dem Menschen in der Tat auch zum Schutz, um sich vor einer etwaigen Gefahr schnell in Sicherheit bringen zu können.

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          Frage 4: Und warum fühlt sich die Assistentin unwohl, obwohl kein Säbelzahntiger in Sicht ist?

          Birgit Brückner (Kathrin Angerer) fühlt sich verfolgt. Sie ist allerdings einmalig - und zwar im Aufspüren von probaten Doppelgängern der Ermittler.

          Wenn es dem Gehirn nicht gelingt, eine Übereinstimmung zu finden, entsteht in der Tat wie beschrieben eine Dissonanz, die eine emotionale Reaktion in uns hervorruft. Wenn ein uns bekannter Mensch unerwartet als Toter vor uns liegt, und sei es nur ein Doppelgänger, wird eine solche emotionale Reaktion sicher eintreten. Das kann durchaus mit einer erhöhten Herzfrequenz, dem Steigen des Blutdrucks und dem Aufstellen der Körperhärchen, der geschilderten „Gänsehaut“ einhergehen. Wir sind in Alarmbereitschaft, um uns vor dem Säbelzahntiger in Sicherheit zu bringen. Wobei dieses Beispiel hier etwas „hinkt“. Denn in Bezug auf menschliche Gesichter hat unser Gehirn die Fähigkeit, sie ganz präzise einer ganz bestimmten Person zuzuordnen. Das ist ganz wichtig für unsere soziale Interaktion. Wenn das dafür zuständige Areal des Gehirns nicht richtig arbeitet, können Menschen keine Gesichter identifizieren. Sie leiden dann an einer sogenannten „Prosopagnosie“. Ein Mitmensch, von dem man Gefahr erwartet, wäre deshalb ein passenderes Beispiel gewesen.

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