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Tatort-Sicherung : Üben Ermittler an Schaufensterpuppen?

  • -Aktualisiert am

Sitzt auch alles perfekt? Ausbilderin Constanze Hermann (Barbara Auer) testet einen Strick vor einer Unterrichtsstunde für Polizeischüler. Bild: Bayerischer Rundfunk

In Hanns von Meuffels letztem „Polizeiruf“ übt die nächste Ermittler-Generation mit Bühnenrequisiten und wird über die Kennzeichen von Pornografie aufgeklärt. Ist so viel Realismus realistisch?

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          Matthias Brandt ist in seinem letzten Münchner „Polizeiruf“ als Kommissar Hanns von Meuffels nicht ganz bei der Sache. Sein ungeklärter Beziehungsstatus mit Constanze Hermann (Barbara Auer) setzt ihm zu.

          Die sitzt mittlerweile in Nürnberg an der LKA-Akademie und denkt sich fiktive Schauplätze für den Nachwuchs aus. Der muss in nachgestellten Wohnzimmern und Bädern tote Schaufensterpuppen untersuchen und dabei herausfinden, ob es sich um Mord handelte oder nicht.

          Meuffels neue Assitentin Nadja (Maryam Zaree) kommt frisch aus der Ausbildung und wird im aktuellen Mordfall erst einmal darüber aufgeklärt, wann ein Bild pornografisch ist und woran sie erkennt, dass ein Täter nicht im Affekt, sondern gezielt handelte.

          Doch lernen Mordermittler ihr Handwerk wirklich wie geschildert? Und sind die Schlüsse, die im „Polizeiruf“ gezogen werden, die richtigen? Fachleute haben uns weitergeholfen.

          ***

          Frage 1: Im aktuellen „Polizeiruf“ aus München müssen Polizeischüler beim LKA in einer Art Theaterkulisse fiktive Szenarien analysieren. Wie lernt der Nachwuchs das Handwerk wirklich?

          Ergo war es doch Mord! Polizeischüler Leon (Max Koch, 4.v.l.) weiß besser als seine Kollegin Jessica (Anna Drexler, 4.v.r.), wie er den inszenierten Tatort interpretieren muss.

          Antwort von Werner Kraus (Pressesprecher der Polizei München):

          Zunächst einmal ist das LKA, also das Landeskriminalamt, in Bayern zur Sicherung und Auswertung feiner Spuren zuständig. Dort wird also auch niemand zum Mordermittler ausgebildet. Ermittlungen zu Todesfällen übernimmt die Kriminalpolizei der jeweils zuständigen Dienststelle, auch die erste Spurensicherung leistet sie. In einer solchen Fachdienststelle werden Polizisten nach ihrer Ausbildung, in der sie zunächst zu Generalisten werden, natürlich ganz speziell auf ihren Einsatz in dieser Abteilung hin geschult. Auch durch Fort- und Weiterbildungen in unserem zentralen Fortbildungsinstitut der bayerischen Polizei in Ering, vertiefen sie das für ihren jeweiligen Einsatzort nötige Fachwissen. In Ering beispielsweise gibt es Lehrsäle mit fiktiven Szenarien und die Arbeit mit Puppen ist auch durchaus üblich. Ich habe selbst beispielsweise im vergangenen Jahr in einem fiktiven Katastrophenszenario an Puppen gelernt, wie man Ausweisdokumente und andere Hinweise auf die Identität von Opfern ordnungsgemäß sichert. Aber eine LKA-Schule in Nürnberg, in der standardmäßig Ermittler für mögliche Tötungsdelikte ausgebildet werden, gibt es nicht.

          ***  

          LKA-Schüler Leon: „Das Messer. Kein Blut am Griff. Sie kann sich nicht selbst beide Pulsadern aufgeschnitten haben. Wenn ich mir die Pulsadern öffne, schießt das Blut heraus. Wenn ich das Messer dann in die andere Hand, sprich die blutüberströmte nehme, müsste Blut am Griff sein.“ (Minute 6/7)

          Frage 2: Einer der Schüler schließt in seiner Analyse Selbstmord mit Verweis auf fehlendes Blut aus. Hat er Recht?

          Die Frage, ob es eine geplante Hinrichtung oder eine Tat im Affekt war, wird in dieser Mordermittlung zur Lösung des Falls beitragen.

          Antwort von Prof. Dr. Randolph Penning (Institut für Rechtsmedizin an der Ludwig-Maximilians-Universität München):

          Das ist immer so eine Mär, die vor allem in Filmen gerne verbreitet wird: Dass das Blut nur so spritzt, wenn eine Pulsader geöffnet wird und dann das ganze Badezimmer im Blut schwimmt. Das ist nicht richtig. So etwas passiert nur, wenn eine große Ader durchtrennt wird, zum Beispiel die Halsschlagader. Die hat meist einen Durchmesser von einem halben bis zu einem ganzen Zentimeter, da spritzt schon eher eine Fontäne heraus. Aber die Pulsadern sind nur wenige Millimeter dick und liegen etwa einen Zentimeter tief. Um sie überhaupt zu öffnen, braucht es einen beherzten Schnitt, und dann strömt das Blut auch nicht sofort literweise heraus. Deshalb dauert es ja auch oft eine gute halbe Stunde, bis jemand verblutet ist – wenn das überhaupt passiert, denn die kleinen Gefäße ziehen sich nach einer Verletzung zusammen und dann fließt nur noch langsam oder gar kein Blut mehr. Bei der Halsschlagader reichen mitunter ein paar Minuten bis zum Exitus. Und meiner Meinung nach muss auch nicht zwangsläufig Blut auf dem Messer sein, wenn damit die Adern am zweiten Handgelenk geöffnet werden. Wenn man sich nicht durch einen Querschnitt die Sehnen durchtrennt, kann man auch die Hand, an der die Pulsadern bereits geöffnet sind, noch sehr koordiniert bewegen und da wie erwähnt das Blut eben nicht herausspritzt, muss man nicht zwangsläufig das Messer besudeln.

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