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Der „Tatort“ aus Köln : Euer Leid ist meine Freiheit

  • -Aktualisiert am

Kommissar Freddy Schenk (Dietmar Bär) will Nadine (Emma Drogunova) auf dem Schulhof befragen. Bild: WDR/Thomas Kost

Gelangweilt und schön: Der Kölner „Der Tatort – Kein Mitleid, keine Gnade“ imaginiert eine brutal selbstsüchtige, moralisch verwahrloste Mobbing-Generation Z – die immerhin gut inszeniert wird.

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          Man muss nicht gleich mit #Kidsgate kommen, doch sonderlich wohlwollend wird die Generation derer, die nach 2000 geboren wurden, in dieser WDR-Produktion nicht dargestellt. Dass ein großer Teil der Schülerschaft eines ausgerechnet Kölner Gymnasiums das sexistische Verunstalten eines Erinnerungsfotos für einen kurz zuvor martialisch ermordeten und bis zu seinem Comingout offenbar beliebten Mitschüler feixend gutheißt, nur weil dieser homosexuell war; dass zudem der trauernde Freund des Getöteten (stark: Thomas Prenn) vor den Augen von Lehrern und Polizisten hämisch als „Bitch“ und „Schwuchtel“ verschrien wird, ohne dass irgendwer einschritte – das scheint denn doch nicht den Gegebenheiten zu entsprechen, auch wenn es allen „Schule der Vielfalt“-Projekten zum Trotz durchaus Probleme mit Homophobie auf Pausenhöfen gibt.

          Die Generation Z mag handysüchtig sein. Sie als brutal selbstsüchtige, moralisch verwahrloste, alles vermeintlich Unbekannte gnadenlos ablehnende Kohorte zu porträtieren, der macht es sich aber etwas zu leicht. Da hilft es auch wenig, dass der Schluss dieses Jugendbashing mäßig kreativ zu konterkarieren versucht. Vielleicht ist das auch Autor Johannes Rotter aufgefallen, weshalb er dem Thema flink zwei weitere Zuspitzungen verpasste, die vom Plot her etwas aufgepfropft wirken: Homophobie in arabischstämmigen Familien und, zumindest ansatzweise, im Fußball.

          „So geht das heute mit Cybermobbing.“

          Es kommt aber noch dicker, denn die als so egozentrisch wie durchtrieben gezeichneten Schüler schrecken auch vor Verleumdung in anderer Dimension nicht zurück. Als die zickige Nadine (Emma Drogunova) eine Sekunde lang allein mit Kommissar Schenk (Dietmar Bär) hinter einer Säule steht, nutzt sie die Gelegenheit, um ihn anzugrinsen und loszukreischen: „Er hat mich angepackt.“ Die Freunde, vor allem der reiche Lennart (Moritz Jahn) und der sportliche Robin (Justus Johanssen), sekundieren, indem sie den verdatterten Kommissar und die heulende Nadine mit dem Handy filmen und das Ganze über Social Media auch der Polizei in die Hände spielen. Nun hat Schenk, ausgerechnet an seinem Geburtstag, „die Scheiße an den Hacken“: Disziplinar- und Strafverfahren, Anhörungen, Beschwerde der Schulbehörde, sofortige Entsolidarisierung der Kollegen („Kein Rauch ohne Feuer“). Der Beschuldigte, zu dem nur noch Buddy Max Ballauf (Klaus J. Behrendt) und Lakai Jütte (Roland Riebeling) zu halten scheinen, resümiert entnervt: „So geht das heute mit Cybermobbing.“

          Dass gesellschaftliche Missstände durchbuchstabiert werden, gehört zur DNA des Kölner „Tatorts“. Diesmal jedoch geschieht das besonders hölzern und effekthascherisch. Dabei so unbedarft hemdsärmelig das auch im WDR zu Verwerfungen geführt habende, große Thema #Metoo zu streifen, ist schon keine gute Idee; problematisch wird es, wenn dies einzig auf die gezeigte Weise – als erkennbar falsche und bösartige Anschuldigung – geschieht. Es verwundert nicht, dass auch die Auflösung des Falls bis auf eine geschickte Volte erzählerisch wenig überzeugt.

          In einiger Spannung zum Buch aber steht die temporeiche, dichte, verschlungene Inszenierung durch Regisseur Felix Herzogenrath und die selbst im grellen Sonnenschein edel düster wirkende, sich gern indezent eng an die Figuren schmiegende Bildgestaltung durch Gunnar Fuss. Schon der Einstieg mit einer traumartigen Kamerafahrt durch eine verlassene Villa, an deren Ende die Leiche des Jungen auf uns wartet, ist ein kleines Highlight. Hinzu kommt die ebenfalls geglückte, anregende musikalische Untermalung durch Sven Rossenbach und Florian van Volxem, ein renommiertes Komponisten-Duo, das man etwa aus Dominik Grafs Filmen kennt. Und selbst die für ihr betretenes In-die-Gegend-Starren berüchtigten Darsteller Bär und Behrendt starren zwar viel und äußerst betreten, aber sie sind dennoch mit mehr Spielfreude bei der Sache, als es zuletzt in den Kölner Episoden der Fall war.

          So ergibt sich die seltsame Situation, dass der inhaltlich bestenfalls ungelenke Krimi sich mit einigem Genuss anschauen lässt, sofern man sich auf Ästhetisches zu konzentrieren versteht. Die mit Anlauf verabreichte Botschaft zu verpassen, wird dennoch kaum möglich sein: „Reinpassen muss man“, heißt es. Wer aneckt, hat mit Ablehnung zu rechnen, die heute (wieder) schnell jedes Maß übersteigt. Nicht falsch vielleicht, aber auch nicht nötig, das noch einmal herauszustellen. Und dass ausgerechnet die Jugend die am wenigsten für Vielfalt offene Gruppe sein soll, das kann uns nicht einmal der „Tatort“ erzählen.

          Der Tatort – Kein Mitleid, keine Gnade, läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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