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Tatort „Hüter der Schwelle“ : Hände zum Himmel

  • -Aktualisiert am

Emil Luxinger (André M. Hennicke) ist Mittelpunkt eines Rituals. Bild: SWR/Benoît Lindner

Die Kritik am „Tatort“ ist ein unerschöpfliches Thema. Doch die Themenballungen der Krimireihe haben sich verlagert – das zeigt auch die neue Folge „Hüter der Schwelle“.

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          Als der 2016 verstorbene Dietz-Werner Steck beim „Tatort“ seinen Hut nehmen musste, damit mehr Weltläufigkeit oder zumindest Großstadtluft nach Stuttgart wehen konnte, regte man sich über die „Beliebigkeit“ der Neuen, Kommissar Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare), auf. Lannert kam als ehemaliger Undercover-Polizist aus Hamburg, Bootz hatte zwar seinen Abschluss in Villingen-Schwenningen gemacht, fiel aber als überalerter Ermittler, der es in der Hierarchie in jungen Jahren schon zu weit gebracht hatte, im Ländle unangenehm auf. Vor allem die Frage der sprachlichen (Nicht-)Einfärbung spaltete das Publikum. Wo Bienzle fünfzehn Jahre lang die Hörgewohnheiten im Rest der Republik strapaziert hatte, gab es jetzt Hochdeutsch. Es war ohnehin eine „Tatort“-Rezeptionsphase, in der es stark um Regionalität, mithin das föderalistische Prinzip der ARD-Reihe ging.

          Inzwischen ist wieder eine Dekade vergangen, und die Kritik am „Tatort“, ein unerschöpfliches Thema, hat sich verlagert wie auch die Themenballungen. Dialekt ist kein Aufreger mehr, bei den Schweizern werden gelegentlich Untertitel gefordert, aber das Problempotential liegt anderswo. Müssen „Tatorte“ über Reichsbürger und Rechtspopulisten immer gleich aussehen? Genrespielereien (Horror, Mystery, Surrealität) hatten und haben insbesondere beim HR, Liane Jessen sei Dank, von der inzwischen Jörg Himstedt die Redaktion übernommen hat, Konjunktur und werden zuverlässig bepreist und verrissen. Die Bremer sorgten mit gepflegten Beiträgen zum Thema Künstliche Intelligenz für Geistesblitze. Und auch vom Stuttgarter „Tatort“ gab und gibt es (immer) wieder Erfreuliches zu melden. 2016 sorgte Dietrich Brüggemann mit seinem aufwendig inszenierten Beitrag „Stau“ für einen herausragenden Beitrag. Über die „hastige Schnittfolge“ (ein sinngemäßer Kommentar 2008) bei Lannert und Bootz regen sich Streaming-Gebildete nicht auf. Ermüdungs- und Beliebigkeitserscheinungen sind dagegen unübersehbar.

          Das Mordgeschehen riecht nach Schwefel

          Auch in der Folge „Hüter der Schwelle“, deren Regisseur Piotr J. Lewandowski zwar als vielversprechendes Talent gilt und deren kameraästhetischer Gestaltungswille auffällt (Bildgestaltung Jürgen Carle), deren Story in ihrer Flickwerk-Form kaum überzeugt (Buch Michael Glasauer). Der tote junge Mann, der in „Hüter der Schwelle“ mit eingeritzten Zeichen auf der Brust und durchschnittener Kehle aufgefunden wird, scheint Opfer eines Ritualmords geworden zu sein. Seine Mutter, Heide Richter (Viktoria Trauttmansdorff), sitzt verzweifelt im Büro ihres Unternehmens, einer Müllverbrennungsanlage, und huldigt ihrem Schmerz. Der Wagen des Toten findet sich in Esslingen. Kurz vor seinem Tod soll der junge Mann hier in der Krypta gebetet haben. Der Pfarrer gibt, denn Spuren müssen ausgelegt werden, damit es überhaupt weitergeht, einen Kurzabriss zur Bedeutung Esslingens in der Stauferzeit und zur Hexenverfolgung im ausgehenden 17. Jahrhundert. Für Bootz „riecht“ das Mordgeschehen „nach Schwefel“, was ihn nicht daran hindert, durch die Erscheinung einer Kommilitonin des Toten mit Zaunpfahl-Namen Diana Jäger (Saskia Rosendahl) erotisch verwirrt zu sein. Die Suche nach einem Satanistenkult führt die Kommissare zu Emil Luxinger (André M. Hennicke), einem Hexenmeister/Hohepriester und Altertümlichkeitensammler, der ein wichtiges Zauber-Artefakt vermisst. Für die Kommissare steht Historienforschung, „Hexenhammer“-Rekapitulation und eine Reise in die Abgründe der Psyche des Opfers auf dem Plan.

          Doch wirklich seltsam ist höchstens, dass der Fall nach dramatischer Zuspitzung fünfzehn Minuten vor Schluss zwar entschieden ist, doch danach umständlich erläutert wird. Wer Detailgenauigkeit schätzt, wird an der liebevollen Ausstattung des verwinkelten Knusperhauses Freude haben (Szenenbild Patricia Walczak). Ansonsten muss man sich die „Mystery“-Atmosphäre dazudenken. Schwach ist die (Neben-)Figur des Pfarrers, nur wenig überzeugender Bootz’ Verzückung. Lannert allerdings, der den Okkultschmonzes mit einem müden Achselzucken abzutun scheint, kann man umstandslos beipflichten.

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