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Der „Tatort“ aus Weimar : Ein Raum für Tifftoff

  • -Aktualisiert am

Kira Dorn (Nora Tschirner) ermittelt in der Wohnung von Viebrock. Bild: MDR

Witz und Liebe in Weimar – was könnte besser passen in der humanistischsten Reihe unter den „Tatorten“. Die neueste Folge der Reihe hegt den „feinen Geist“ des Humors.

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          Im 18. Jahrhundert bezeichnet „Witz“ das Merkmal der „oberen Gemütskräfte“, verblüffende Vergleiche zu ziehen, kreative Analogien und Metaphern zu bilden und so auf unerhörten Wegen zu aufschlussreichen Schlüssen zu gelangen. Auch wenn der Witz inzwischen erst zum bloßen Scherz, dann zur lustigen Kürzestgeschichte degradiert wurde, hat er im klassischen Weimar des MDR-„Tatorts“ einen Hort im Krimi gefunden. Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen), Liebhaber der Zitate, pflegen ihn miteinander und als Haltung gegenüber ihren Fällen. Dorn ist dabei die Tätige, Lessing der Kontemplative – ein perfektes Paar, das inzwischen mit einen Sohn namens Zwerg (Jona Truschkowski) in einem sanierungsbedürftigen Haus, in dem früher die Gaststätte „Der feine Geist“ untergebracht war, zusammenlebt.

          In der gleichnamigen „Tatort“-Episode macht ein Räuber, der es auf Geldboten abgesehen hat, Weimar unsicher. Erst überfällt er den Geschäftsführer des Unternehmens „Geist Security“ vor einem Juwelierladen, dann entwendet er die Tageseinnahmen des Casinos, beide Male ermordet er die Boten mit Kopfschuss. Dorn und Lessing sind ihm auf den Fersen, bevor er im unterirdischen Labyrinth der Parkhöhle entwischt. Eingehüllt in rosa Nebel aus der Geldkassette, verlieren beide die Sicht. Lessing hat einen Streifschuss am Arm, was ihn nicht weiter bekümmert, aber seine Frau. Dorn schickt ihn ins Krankenhaus, in dem beide später zusammen am Krankenbett den verdächtigen John Geist (Ronald Zehrfeld) vernehmen. Was geht in der merkwürdigen Sicherheitsfirma, die wie eine enge Familie scheint, vor sich?

          Es bleibt wenig, wie es scheint

          Witz als Vermögen, Metaphern zu bilden: Davon hat das Drehbuch von Murmel Clausen, hat die Inszenierung von Mira Thiel (auch Drehbuchmitarbeit) reichlich. Ihr Komplize ist die Kamera von Moritz Anton. Zusammen gelingen so nicht nur sorgfältig arrangierte Bilder und Szenen, sondern eine Dramaturgie mit doppeltem Boden und einem Bedeutungsüberschuss, der staunen macht. „Der feine Geist“, verschroben wie andere Weimarer Fälle, auf humorige Weise eigen wie sonst, wirkt, vom Ende her aufgerollt, schließlich wie eine Geschichte, die auch dem Wiesbadener HR-Ermittler Murot (Ulrich Tukur) hätte passieren können. Es bleibt wenig, wie es scheint.

          Während Dorn mit Chef Kurt Stich (Thorsten Merten) das Umfeld von Geist erforscht und auf einen illegalen Papageienzuchtbetrieb stößt, bei dem die Verwaltungsangestellte Maike Viebrock (Inga Busch) ihre Finger mit im Spiel hat, findet sich Security-Mitarbeiter und Sandmännchensammler Pierre Mahlig (Florian Kroop) hinter Gittern. Am Tag des Mords hatte er Sushi beim Griechen gegessen, der verdächtigste Weg zum Alibi der Magenverstimmung. Belasten will ihn keiner der Truppe, die ihren Zusammenhalt beim Haka, einem schweißtreibend heiligen Ritual, pflegt („mit größtem Respekt vor der Kultur der Maori aufgeführt“). Alle von Geists Mitarbeitern sind resozialisierte Straftäter, halten zusammen wie Pech und Schwefel. Ihr Arbeitgeber, der in der Fabrikhalle einen Campingwagen zur Sauna umgebaut hat und sich zwischen Palmen, Aras und Kakadus als Schwergewichtsvogelflüsterer betätigt, hält seine Hände schützend über alle. Und alle sind so dankbar wie Kerstin Brune (Jördis Trauer). Wer wollte ihnen Böses?

          Detailverliebte Settings, sprechende Kulissen und Utensilien bergen auch in diesem, am Ende ganz ungewöhnlichen Weimarer „Tatort“ Entschlüsselungshinweise. Wie in „Der irre Iwan“, als Lessing und Dorn einmal auf dem Rummelplatz in einem gläsernen Irrgarten feststeckten, kommt dem Verlaufen und Wiederfinden in „Der feine Geist“ eine besondere Rolle zu. Von Kurt Stich muss man sich verabschieden. Ausgerechnet seiner Dienststelle ist es zugefallen, die Thüringer Abteilung gegen Cyberkriminalität aufzubauen. Für jemanden, der seine Abschiedsrede erst mit dem Smartphone vom Computer abfotografiert, um dieses anschließend auf den Kopierer zu legen, um eine Papierversion zu bekommen, schwer erträglich. Nicht nur Polizist „Lupo“ (Arndt Schwering-Sohnrey) grübelt über die Nachfolge. Für Dorns und Lessings Sohn Zwerg wäre es Jacke wie Hose, ob es Mama oder Papa träfe. Hauptsache, sein imaginierter Freund Tifftoff (Wanja Valentin Kube) bekommt sein eigenes Zimmer. Für den Dorn sogar den Architekten engagiert hat, der die Anna-Amalia-Bibliothek neu entwarf, weil Lessing sich eine Bibliothek wünscht. Das muss Liebe sein. Witz und Liebe in Weimar – was könnte besser passen in der humanistischsten Reihe unter den „Tatorten“.

          Der Tatort: Der feine Geist läuft am Neujahrstag, 20.15 Uhr in der ARD.

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