https://www.faz.net/-gsb-8ynn4

FAZ.NET-Tatortsicherung : Reich und erfolgreich durch „Pranks“?

Ernste Miene in einem ernsten Fall: Henni Sieland (Alwara Höfels, Mitte) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski, rechts) im Gespräch mit dem Vergewaltigungsopfer. Bild: MDR/Gordon Muehle

Live und in Farbe: der Dresdner „Tatort“ präsentiert Mord und Suizidversuch im Online-Stream. Sind das fiktive Szenarien oder reale Abgründe - und wie läuft das Geschäft mit den jungen Internetstars?

          3 Min.

          Als Simson live geht, schaut eine Million Jugendliche gebannt zu, in Dresden ist der 17-Jährige ein Star. Wenig später ist er tot. Da seine Videos Klicks und Geld brachten, ist Simsons Ableben für den hippen Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) ein schwerer Verlust. Andererseits ist er in den Augen der Ermittler - dem Kommissarinnenduo Henni Sieland (Alwara Höfels) und Karin Gorniak (Karin Hanczewski) - auch ein Verdächtiger. Zu anrüchig ist sein Geschäft mit den Jugendlichen, zu groß waren Simsons Ausstiegsträume.   

          Niklas Záboji
          Wirtschaftskorrespondent in Paris

          Dass der Mörder schließlich im Umfeld der jungen, vor laufender Kamera vergewaltigten Emilia Kohn (Caroline Hartig) zu finden ist, offenbart einmal mehr die Abgründe der digitalen Welt. Umso mehr, als sich das Mädchen live das Leben nehmen will.

          Wer verdient am Geschäft mit Videos und Social-Media-Kanälen? Und wie ist es um die Expertise der Polizei bei diesen digital motivierten und begleiteten Verbrechen bestellt?

          ***

          Frage 1: Wie sieht die Szene in Deutschland aus? Gibt es Akteure, deren Videos wirklich so viel Geld einbringen wie im Film – auch mit Pranks?

          Mit seiner Agentur „Super 7“ wähnt sich Simsons Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) auf Wolke 7 – bis die krummen Geschäfte auffliegen
          Mit seiner Agentur „Super 7“ wähnt sich Simsons Manager Magnus Cord (Daniel Wagner) auf Wolke 7 – bis die krummen Geschäfte auffliegen : Bild: MDR/Gordon Muehle

          Antwort von Markus Gerstmann (Medienpädagoge, Servicebureau Jugendinformation für Bremen):

          Na klar, mit dem Internet und vielen Applikationen auf dem Smartphone lässt sich sehr gut Geld verdienen. Sogenannte YouTube-Stars wie Bibis Beauty Palace oder Gronkh erwirtschaften mit ihren Videos Millionen. Aber auch über Plattformen wie Instagram, Snapchat oder Musically verdienen die Ersteller an den hohen Abrufen. Das gilt genauso für jene Pranks, die bei den Jugendlichen ein großes Interesse wecken und somit viel Geld einbringen – egal ob es nette, per Video dokumentierte Streiche in Partnerschaften sind oder eben Fiesheiten, in denen Menschen oder Gruppen übergriffig attackiert werden. Doch nicht alles hat Erfolg: Pranks mit Bombenattrappen oder gefälschten Coming Outs werden auf Social-Media-Seiten mitunter heftig kritisiert.

          ***

          Frage 2: Und sicher gibt es Geschäftsleute im Hintergrund, die am Erfolg der Jugendlichen kräftig mitverdienen?

          Antwort von Markus Gerstmann:

          Die Branche ist relativ groß und erfolgreich. Sobald jemand auf Social-Media-Seiten eine hohe Abonnentenzahl oder regelmäßig viele Aufrufe hat, wird er interessant für Werbefirmen oder Unternehmen, die Stars vermarkten. Gemeinsam wird ein Konzept mit einem Image sowie möglichen Werbeprodukten entwickelt. Die Firmen unterstützen diese Influencer (so werden die Stars mit ihrer Werbung genannt) dann bei Akquise, Umsetzung, Management und Fankontakten. All das kennt man ja bereits aus der Musik- und Fernsehbranche. In der YouTube-Szene verdienen unter anderem der Ströer-Verlag, ProSiebenSat.1, aber auch Bertelsmann und Google viel Geld – und  indirekt natürlich auch all jene Firmen, die auf diesen Plattformen Produkte an mögliche Käufer herantragen.

          ***

          Doch geht es hier vor allem um die Schattenseiten dieser schönen neuen Internetwelt: jeder kann zu jeder Zeit alles und jeden filmen – und auf alle Ewigkeiten in den virtuellen Sphären speichern.

          Frage 3: Um seine Streiche auch aus der Ferne spielen zu können, nimmt Prankster Samson eine Drohne zur Hilfe. Damit filmt er einen Rocker in ganz privater Umgebung – auf der Toilette. Ist der Einsatz von Drohnen in der Öffentlichkeit überhaupt erlaubt?

          Will mehr als nur spielen: Prankster Simson mitsamt Drohne
          Will mehr als nur spielen: Prankster Simson mitsamt Drohne : Bild: MDR/Gordon Muehle

          Antwort von Thomas Geithner (Polizeidirektion Dresden):

          Ja, der Einsatz in der Öffentlichkeit ist erlaubt. Voraussetzung ist allerdings die Einholung einer Aufstiegserlaubnis von der Landesdirektion, die spätestens drei Tage vor dem Start zu beantragen ist. Am Flugtag ist der Flug unmittelbar vor dem Start beim Tower anzumelden und nach Beendigung dort auch wieder abzumelden.

          ***

          Frage 4: Weil das Vergewaltigungsvideo im Netz die Runde macht, will sich Emilia Kohn (Caroline Hartig) das Leben nehmen – in Echtzeit vor laufender Kamera. Ist man im polizeilichen Alltag auf solche Fälle vorbereitet?

          Antwort von Thomas Geithner:

          Auf solche Fälle kann man sich nicht vorbereiten. Da wir rund um die Uhr im Dienst sind, würde so ein Hinweis wie ein Notruf behandelt werden – also ein Polizeieinsatz beginnen. Im Zuständigkeitsbereich der Polizei Dresden hat es einen derartigen und selbst einen vergleichbaren Fall, also einen Suizidversuch im Livestream, noch nicht gegeben.

          ***

          Wenig bis gar nichts am Hut mit „diesem Internet“ hat dagegen Kommissariatsleiter Peter Michael Schnabel (Martin Brambach). Doch auch er erkundet die ungeahnten Chancen des Online-Datings – während der Dienstzeit. Kriminaltechniker Ingo Mommsen (Leon Ullrich) stellt ihn daraufhin vor versammelter Mannschaft bloß.

          Frage 5: Muss ein Kommissar damit rechnen, dass Kriminaltechniker seinen Browserverlauf unter die Lupe nehmen?

          Reale Kommunikation ist schon eher sein Ding: Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, rechts) im Gespräch mit Simsons Vater Raimund Kahle (Jörg Bundschuh).
          Reale Kommunikation ist schon eher sein Ding: Peter Michael Schnabel (Martin Brambach, rechts) im Gespräch mit Simsons Vater Raimund Kahle (Jörg Bundschuh). : Bild: MDR/Gordon Muehle

          Antwort von Thomas Geithner:

          Selbst wenn man das Thema „Schadsoftware/IT-Sicherheit“ außen vor lässt, lassen die Begriffe „Dienstzeit“ und „Dienstrechner“ schon erahnen, dass die private Nutzung einschließlich dem Besuch von Datingseiten nicht vorgesehen ist. Die Kriminaltechniker haben daher natürlich Zugriff auf den Browserverlauf, da man sich an seinem Dienstrechner nicht auf eine „Privatsphäre“ berufen kann. Konsequenzen sind immer eine Einzelfallentscheidung. Im schlimmsten Fall können disziplinarrechtliche Vorermittlungen eingeleitet werden.

          ***

          Wie fanden Sie den neuen „Tatort“?

          Umfrage

          Wie fanden Sie den „Tatort: Level X“ aus Dresden?

          Alle Umfragen

          Bitte aktivieren Sie ihre Cookies.

          Weitere Themen

          Kunst am Fuße der Pyramiden Video-Seite öffnen

          Ägypten : Kunst am Fuße der Pyramiden

          Das ägyptische Unternehmen „Art D’Egypte“ eröffnet seine Ausstellung mit dem Titel „Forever Is Now“. Es ist die erste internationale Kunstausstellung, die an den Pyramiden von Gizeh und auf dem umliegenden Gizeh-Plateau stattfindet.

          Topmeldungen

          Paul Ziemiak, Tilman Kuban und Hendrik Wüst beim „Deutschlandtag“ der Jungen Union am 16. Oktober in Münster

          Imagewandel der Jungen Union : Konservative in Sneakern

          Die Junge Union ist auf der Suche nach einer neuen Außendarstellung. Manche ihrer Mitglieder wollen die Rhetorik abrüsten und den Kleidungsstil ändern. Aber wofür stehen die Jungkonservativen?
          Joshua Kimmich wollte sich bislang noch nicht impfen lassen.

          Corona-Impfung im Profifußball : Kimmich und der Preis der Freiheit

          Joshua Kimmich wollte sich bisher nicht gegen Corona impfen lassen. Für Kritik daran gibt es gute Gründe. Und der Imageschaden für Kimmich wird deutlich größer sein als jeder mögliche Impfschaden, der ihm droht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.