https://www.faz.net/-gsb-9j3um

„Tatort“ aus dem Saarland : Die Guten geben den verlorenen Posten auf

  • -Aktualisiert am

Ein Kommissar bei der Arbeit, mehr nicht (mehr): Devid Striesow schlüpft ein letztes Mal in die Rolle von Kriminalhauptkommissar Jens Stellbrink. Bild: SR

Der letzte „Tatort“ mit Devid Striesow als Kommissar Stellbrink will migrationspolitisch Brisantes zeigen. Dabei nimmt er auch gängige Ressentiments in Kauf.

          Devid Striesow gehört zu den interessantesten Schauspielern im deutschsprachigen Raum. Er zeigt häufig Bilderbuch-Normalos, deren psychische Asymmetrien und Deformierungen sich erst im Lauf des Spiels verraten. Nicht selten verbirgt sich im Biedermann ein reißendes Tier. Wörter sind in solchen Striesow-Rollen ihr Opfer präzise anvisierende Waffen. Zeit wird wie ein Gegenspieler behandelt. Erst schlägt die Sprache Wunden im Gegenüber, dann wird er gnadenlos vernichtet.

          Ob als Kopf eines über Leichen gehenden Unternehmensberatertrios, dessen afrikanische Touristen-Luxusherberge von Terroristen angegriffen wird („Zeit der Kannibalen“) oder als pädophiler Mädchenmörder („Das weiße Kaninchen“) oder mit Eva Löbau im preisgekrönten Hörspiel „Die meisten Afrikaner können nicht schwimmen“. Andere Rollengestaltungen irrlichtern moralisch, wie der Stasi-Verhöroffizier Jan (mit Claudia Michelsen in „12 heißt: Ich liebe dich“) oder sind anrührend wie der muttergebeugte Architekt Fritjof, dem in „Blaubeerblau“ in einem Hospiz unter Sterbenden Lebenslust widerfährt. Luther, Jakobsweg-Pilger; Fernsehen, Hörspiel, nicht zu vergessen das Theater, Striesow scheint in seiner sprachverbuhlten Striesow-Art geschaffen zum Allesspieler, dem man so gut wie immer mit Gewinn zuhört und zusieht.

          Man sah den Kommissar bei der Arbeit – selten mehr

          Nur im saarländischen „Tatort“ fand er nicht Recht einen Platz, so schien es. Seit 2013 besetzte er als Kommissar Jens Stellbrink die Rolle des Skurrilen, fuhr Vespa und machte unkollegiale Mätzchen – was im Gegensatz zu den exaltierten Ermittlern aus Weimar und den bewährten Komikern aus Münster bedeutungsschwer wirkte, aber anders als Jörg Hartmanns Dortmunder Alleingängerfigur auch nicht ernstgenommen werden konnte. Dann verzichtete man auf das Charakterbrimborium, überließ das Absurde den Anderen und stellte, wie in „Söhne und Väter“ (2017), die Umstände der Fälle ins Zentrum. Man sah den Kommissar bei der Arbeit – selten mehr.

          Jetzt ist Schluss, auf Striesows eigenen Wunsch. Thomas Kleist, Intendant des Saarländischen Rundfunks, bedauert den Abgang. „Eine Erfolgsgeschichte“, sagte Kleist, sei dieser „Tatort“. Man verdanke der Striesow-Zeit „die stärksten Zuschauerzahlen in SR-Tatorten seit 1992“. So kam die Folge „Totenstille“ auf zehn Millionen. Das ist in der Tat auch im bundesweiten „Tatort“-Vergleich beachtlich.

          Nach acht Folgen hört Kommissar Jens Stellbrink nun also auf, ohne Tamtam, unspektakulär, in einer trotzdem dramatischen und gewiss engagierten Folge, in der das Persönliche des Polizisten bis auf einen gelegentlichen Blick auf die Dachterrasse seiner Wohnung ausgespart bleibt. Nur ein Ermittler, der seinen Job macht. Zum Schluss gleichwohl aufs Äußerste angefasst von den Konsequenzen des Todesfalls einer erdrosselten Schwesternschülerin.

          Mehr als die Aufklärung bewegen die Hintergründe. Nach einer feuchtfröhlichen Partynacht liegt die Tote im Zimmer einer weiteren Nachwuchsschwester, Anika (Lucie Hollmann). Statt mitzufeiern, half Anika in der Hinterhofklinik der selbstlosen Ärztin Dr. Bindra (Franziska Schubert) aus. Bindra behandelt abgelehnte Asylbewerber, deren Duldung nicht mehr gilt. „Illegale“ ohne Anspruch auf medizinische Versorgung. In ihrem Verein tun viele der Schülerinnen mit gutem Gewissen ein Barmherzigkeitswerk, aber es ist nicht alles, wie es scheint. Der iranische Arzt Dr. Sharifi (Jaschar Sarabtchian) etwa genießt sexuelle Freizügigkeit auf Kosten Untergebener. Um Sexualneid geht es auch.

          Aber das Drehbuch von Michael Vershinin und Zoltan Spirandelli (auch Regie) will auf anderes hinaus. Auf migrationspolitisch Brisantes, auch auf gängige Ressentiments – in zweifelsfrei provozierender Weise. Während auf der einen Seite das Mitleid dominiere – das hier auch schon mal als „links“ bezeichnet wird – steht auf der anderen, nur dem Schein nach rechtsstaatlichen Seite der skrupelfreie Vorsitzende der Ausländerbehörde Hesse (Christian Intorp), der den Vereinsmitarbeiter Kamal (El Mehdi Meskar) erpresst. Drei Namen von Illegalen zur Abschiebung muss dieser ihm wöchentlich liefern, sonst widerrufe er die Duldung des jungen Mannes. Kamal, koptischer Christ aus Ägypten, der seinem jüngeren Bruder Ayoub (Ayoub Hussein) eine Zukunft in Sicherheit ermöglichen will, wird zur Hauptfigur dieses „Tatorts“. Ayoub und das Kind des wohlhabenden Behördenleiters werden als Gegenmodelle eines Lebens in Deutschland gezeigt.

          Diese Binnenerzählung vom armen vertriebenen und vom glücklich geborgenen Kind kommt recht einfach daher, ist aber wirkungsvoll dargestellt. Die Kamera von Wolf Siegelmann setzt auf Bildmotive aus der christlichen Ikonografie. Die zeichenhaft deutliche Anordnung von Bruder und Bruder als Pietà in einer Szene und, besonders deutlich, als Bildmotiv des Füßewaschens durch die Ärztin in der Klinik. Auch Papst Franziskus hat Flüchtlingen die Füße gewaschen, deutlicher geht es kaum.

          Aber die guten Samariter stehen auf verlorenem Posten in „Der Pakt“, in dem Deutschland, so beschreibt es zumindest Kamal in seinem flehenden Appell, als Unrechtsstaat mit Ägypten auf gleicher Stufe stehe. Der Rest sind Nebenfiguren und eine Anspielung auf Stellbrinks Abgang. Kollegin Mia Emmrich (Sandra Maren Schneider) verabschiedet sich auf dem Präsidium, zieht im Waschraum die Uniform aus – und erscheint gleich darauf als promovierte Kommissarin im Verein der feiernden Polizisten. Vielleicht gibt es ja auch mit Striesow ein „Tatort“-Wiedersehen. Bei einer Ausgabe von der Insel Rügen wäre er interessiert, sagte er im Interview. Schließlich ist er in Bergen geboren. Erst einmal aber heißt es tschüss, Saarbrücken: trotz eines Finales, dem man das hineingegossene Herzblut ansieht, mit eher trockenen Augen.

          Tatort: Der Pakt, am Sonntag, 27. Januar, um 20.15 Uhr im Ersten.

          Weitere Themen

          „The Great Hack“ Video-Seite öffnen

          Trailer : „The Great Hack“

          „The Great Hack“ läuft ab Mittwoch, den 24. Juli bei Netflix.

          Topmeldungen

          Neue Umfrage : Warum das Misstrauen wächst

          Die Amerikaner sehen ihre Regierung und ihre Mitbürger immer skeptischer. Vor allem bei der Unterscheidung von Wahrheit und Lüge zeigen sich viele verunsichert. Für den Vertrauensschwund geben sie unterschiedliche Gründe an.
          Lässt ein verheerendes Echo nicht lange verhallen: Markus Söder sucht die Abgrenzung der AfD.

          Vergleiche mit der NPD : Wie Söder sich von der AfD abgrenzt

          Vor knapp einem Jahr hat der bayerische Ministerpräsident erfolgreich seine Taktik im Umgang mit der AfD geändert – doch ganz genau nimmt er es mit seinen Aussagen nicht immer. Eine Analyse.
          Martin Winterkorn, ehemaliger Vorstandsvorsitzender der Volkswagen AG

          Dieselskandal : VW verklagt sein Personal

          Während der ehemalige Chef Martin Winterkorn sein Altersruhegeld bezieht, verklagt der Konzern wegen des Dieselskandals sein Personal. Am Donnerstag fällt eine Entscheidung.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.