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„Tatort“ aus Luzern : Dialoge aus der Krimi-Wühlkiste

  • -Aktualisiert am

Weiß Fernbusfahrer Beni Gisler (Michael Neuenschwander, l.) vielleicht doch mehr? Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) reicht den alten Bekannten sicherheitshalber an die Notfallpsychologin weiter: Szene aus dem Luzerner „Tatort: Zwei Leben“. Bild: ARD Degeto/SRF/Daniel Winkler

Seit der Bodensee-„Tatort“ friedlich entschlafen ist und auch das Ende des saarländischen Moped-„Tatorts“ feststeht, tritt in Sachen Trantütigkeit die Schweizer Variante nur noch gegen sich selbst an – mit Erfolg.

          Liebe Schweizer, sagt es doch einfach, wenn ihr keine Lust mehr auf den „Tatort“ habt. Es spricht nichts dagegen, sich auf psychologisierende Stücke zu verlegen, aber den Zuschauer neunzig Minuten lang mit depressiven Charakteren zu quälen, die keine Lust haben, dem hanebüchenen Drehbuch von Felix Benesch und Mats Frey einen Hauch von Glanz zu verleihen, muss als Nötigung gelten. „Das geht so nicht weiter“, gähnt der Regierungsrat mit dem sprechenden Namen Mattmann (Jean-Pierre Cornu): der weiseste Satz dieser Episode, die Regisseur Walter Weber in Tristesse versenkt. Selbst die Möbel scheinen an Burnout zu leiden. Geld macht nicht glücklich, okay, aber kann es wirklich derart unglücklich machen?

          Es beginnt mit einem Suizid: Ein Mann springt von einer Brücke und wird von einem Reisebus überrollt. Weil sich in seinem Körper eine hohe Dosis von sedierendem Benzodiazepin findet, geht die Polizei von Mord aus. Beni Gisler (Michael Neuenschwander), der Fahrer des Busses, ist zufällig mit dem aufgrund von Beziehungsangst durchhängenden Ermittler Reto Flückiger (Stefan Gubser) bekannt. Obwohl man sich seit Jahrzehnten nicht gesehen hat, kümmert sich Flückiger rührend um seinen Bekannten. Bereits als Lokführer hatte er zwei Selbstmörder überrollt. Danach ging sein Leben in die Brüche, Frau und Kinder suchten das Weite.

          Jetzt sind wir da, wo wir sind

          Weil der Kommissar glaubt, Gisler könnte bei dem Unfall mehr gesehen haben, dies aber unterbewusst verdrängen, vermittelt er ihn an die Notfallpsychologin Sonja Roth (Stephanie Japp). Diese versucht, Gislers Aggressionen in den Griff zu bekommen, warnt aber vielsagend vor voreiligen Schlüssen, „gerade wenn man meint, jemanden besonders gut zu kennen“. Man sollte denken, dass es etwas zu bedeuten hat, wenn für die tinnitusuntermalten Zusammenbrüche einer Nebenfigur die halbe Filmdauer reserviert ist. Tatsächlich hat man sich da etwas überlegt, das als Handlungsmotiv jedoch derart an den Haaren herbeigezogen wirkt, dass es geradezu ein Gegengewicht zu dem anderen irrsinnigen Zufall bildet, den man uns später unterjubelt.

          Aus einem Bild des Unfallopfers (die obere Gesichtshälfte war noch vorhanden) und dem Foto in dessen gefälschtem Pass (die untere Hälfte unversehrt) wird ein Fahndungsbild erstellt. Mittels Gesichtssoftware stößt man auf Jakob Conti (Markus Graf), einen dreizehn Jahre zuvor angeblich beim Tsunami in Thailand ums Leben gekommenen Bauunternehmer. Dessen Ehefrau (Saskia Vester) und Sohn (Roland Bonjour) führen nun die Geschäfte. Flückiger und seine nicht weniger amtsmüde agierende Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) suchen die beiden auf. Nun dreht sich in marternder Langatmigkeit alles um die Frage, ob der überschuldete Jakob Conti seinen Tod 2004 vorgetäuscht hatte.

          Bleierne Schwere allüberall, Dialoge aus der Krimi-Wühlkiste und peinliche Momente wie die Anrufung der „Crowd Intelligence“ durch den Praktikanten. Seit der Bodensee-„Tatort“ friedlich entschlafen ist und auch das Ende des saarländischen Moped-„Tatorts“ feststeht, tritt in Sachen Trantütigkeit die Schweizer Variante nur noch gegen sich selbst an – mit Erfolg. „Jetzt sind wir da, wo wir sind“, sagt die Psychologin. Der umhergeisternde Flückiger seufzt: „Vielleicht würde mir eine Therapie auch mal ganz gut tun.“ Uns Leidgenossen ebenfalls, nach dieser Konfrontation mit helvetischer Trübsal.

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