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„Tatort“ aus Bremen : Ganz schön viel los hier

  • -Aktualisiert am

Auf der Suche nach dem Tatfahrzeug: Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer, links) und Linda Selb (Luise Wolfram) Bild: Radio Bremen/Michael Ihle

Ein toter Arzt auf dem Hafengelände, viele Verstrickungen und Ermittler auf der Suche nach ihrem Gespür: Der zweite Bremer „Tatort“ mit Neubesetzung ist schwer beladen und endet enttäuschend.

          3 Min.

          Die Sonne scheint, und ein junger Mann, der, wie sich rausstellen wird, an einer Nervenkrankheit leidet, läuft mit lauten Rufen die Straße entlang. Zwei junge Frauen durchsuchen den Abfall nach unnötig weggeworfenem Essen. Eine andere Frau packt Geld in eine Tasche. Ein Mann versucht, einen Wohnungslosen wiederzubeleben. Der Rufer greift sich unter Schmerzen an den Kopf: „Er plaaaatzt.“ Dann liegt er leblos am Boden.

          Kim Maurus
          Volontärin.

          Dieser „Tatort“ läuft erst drei Minuten, doch schon wird klar, das ist mal wieder so ein Film: Szenen werden scheinbar willkürlich aneinandermontiert, aber eigentlich hängt alles zusammen, und bald wird man auch erfahren, wie. Das Mordopfer könnte der junge Mann sein oder der Obdachlose, falsche Fährten braucht der Krimi-Zuschauer schließlich, um am Ball zu bleiben. Der Titel des zweiten Bremen-„Tatorts“ in neuer Besetzung aber lautet: „Und immer gewinnt die Nacht“. Irgendwas muss also noch bei Dunkelheit geschehen.

          Und so geschieht es: Auf dem Bremer Hafengelände wird ein Mann überfahren und anschließend erschlagen, vom Tatfahrzeug fehlt am nächsten Morgen jede Spur. Zwischen den Ermittlerinnen Linda Selb (Luise Wolfram) und Liv Moormann (Jasna Fritzi Bauer) funkt es auch im zweiten Anlauf nicht so richtig. Wer schon von den Dialogen in ihrem ersten Auftritt im Tatort „Neugeboren“ irritiert war, der wird es bleiben. Auf dem Weg zum Tatort will Selb Moormann mit großen Worten davon überzeugen, dass jeder Mensch zum Mörder werden kann. Ihre Mundwinkel zucken dabei ein wenig. Moormann findet das aber überhaupt nicht lustig. Beim Mittagessen etwas später weist Moormann Selb darauf hin, dass sie was am Mund habe, woraufhin sie mit ernster Miene antwortet: „Ah, das könnte auch Blut sein.“ Moormann antwortet unbeeindruckt: „Nee, schmeckt völlig anders.“ Und dann versuchen beide sich darin zu überbieten, wer als Kind mehr Schorf von heilenden Wunden „abgeknibbelt“ hat.

          Tatverdächtige gibt es viele

          Hinzu kommt noch der Däne Mads Andersen (Dar Salim), der aus Kopenhagen zurückgekehrt ist, um zu bleiben. Harter Schnüffler, der er ist, begibt er sich gleich in einer Ein-Mann-Undercover-Aktion auf ein Frachtschiff, dessen Besatzung etwas vom Mord mitbekommen haben muss. Das geht schief, und dann muss er sich auch noch mit dem Jungen Adil (Issa Khattab) herumschlagen, der ihm nach dem Leben trachtet.

          Schön umgesetzt: Linda Selb (Luise Wolfram) probiert sich an Zigarren
          Schön umgesetzt: Linda Selb (Luise Wolfram) probiert sich an Zigarren : Bild: Radio Bremen/Michael Ihle

          Es mangelt in diesem „Tatort“ weder an Nebenhandlungen noch an Tatverdächtigen. Der Tote war ein Arzt, der Menschen auch pro bono half. Die Arzthelferin Kirsten Beck (Lisa Jopt) kommt etwa infrage oder auch die schon einmal inhaftierte und Furcht einflößende Aktivistin Ann (Anna Bachmann). Beide fühlten sich zuvor enttäuscht vom Opfer. Anns Freundin Vicky Aufhoven (Franziska von Harsdorf) wurde zur Tatzeit passend das Auto gestohlen. Und auch Vickys Mutter Charlotte (Karoline Eichhorn) und ihr Großvater Claas-Heinrich (Ernst Stötzner) sind Teil der Geschichte. Sie sind Chefs eines nicht mehr florierenden Unternehmens und uneins über die Zukunft der Firma.

          Alles wirkt, als hätte Drehbuchautor Christian Jeltsch Schwierigkeiten bei der Entscheidung gehabt, welcher Rolle er die meiste Aufmerksamkeit schenken will. Schön umgesetzt hat Regisseur Oliver Hirschbiegel zwar den Moment, in dem Linda Selb gemeinsam mit Vickys Großvater Zigarre raucht – weil das gut zur Eigenwilligkeit dieser Ermittlerin passt. Aber den Sinn der Szene sucht man trotzdem vergebens. Überhaupt scheinen die Ermittlerinnen ihr Gespür verloren zu haben. Das Handy des Toten können sie nicht konfiszieren, obwohl sie wissen, wo es ist. Erkenntnisse laufen ihnen mehr zufällig über den Weg, als dass sie sie erarbeiten. Das Tatfahrzeug steht plötzlich auf einem öffentlichen Parkplatz; Mads Andersen analysiert den Täter: „Er will gefunden werden.“

          Irgendwann kommt die Auflösung des Falls tatsächlich ins Rollen – für den Zuschauer aber auf eine denkbar enttäuschende Weise. Das Handy kommt auf fadenscheinig konstruierten Umwegen doch noch zu den Ermittlern, zwei Menschen lieben sich unter ähnlich behaupteten Umständen, und ein Blazer sorgt für einen Aschenputtel-Moment, von dem man hinterher hofft, ihn sich nur eingebildet zu haben. Dieser „Tatort“ ist nicht besser oder schlechter als viele andere. Wie sie ächzt er unter seiner Überfrachtung, die Handlung wird am Ende lieb- und hilflos zusammengenäht. Mehr Zurückhaltung hätte dem Ganzen gutgetan, dann hätte auch die Überraschung gezündet.

          Tatort: Und immer gewinnt die Nacht läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

          Trailer: : „Tatort: Und immer gewinnt die Nacht“



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