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„Tatort“ aus Ludwigshafen : Frankenstein mit Heckspoiler

  • -Aktualisiert am

Operation Übermensch: Sebastian Bezzel spielt den zwielichtigen Professor. Bild: SWR/Sabine Hackenberg

Wie man ein Thema bis zur Lächerlichkeit aufpimpt: Der „Tatort“ aus Ludwigshafen verhebt sich so übel am Übermensch-Paradigma, dass weder Gott noch Teufel ihm noch helfen können.

          Von null auf 666 und wieder zurück in vier Minuten, das schafft man nur in Ludwigshafen. Wir haben noch nicht zweimal in die Chipstüte gegriffen, da wurden uns schon fünf in Stimmung und Stil ganz verschiedene Sequenzen hingeklatscht, fünf eigene Genres geradezu, als hätten wir uns einmal durch die Fernbedienung gezappt: ein greller Sci-Fi-Thriller-Einstieg mit Robotern, die surrend Platinen in Gehirne pflanzen, eine an Exorzisten-Horrorfilme gemahnende Gebets-Szene vor schaurigem Kruzifix, ein an Phrasen-Ödnis („Hier stimmt was nicht“) kaum zu toppender Allerweltskrimi-Auftakt am Rheinufer (ein leerer Rollstuhl könnte auf einen Suizid hindeuten – oder auf einen vergessenen Rollstuhl), eine discobunte, komödiantische Kraftmeierei unter haargelfrittierten Autoschrauber-Proleten und ein ambitionslos angedeutetes Krankenhausmelodram mit verängstigt dreinblickendem Opa und junger Ärztin (Jana Voosen): „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut.“

          Diese Stränge zu einer in Ton oder Inhalt halbwegs stimmigen Erzählung zusammenzuflechten gelingt dem „Tatort: Maleficius“ auch in den nächsten 85 Minuten nicht, so viel Abstand er sich dank verzerrendem Superweitwinkel auch erlaubt, aber das ist bei weitem nicht das größte Manko dieses sich an seinem Thema restlos überhebenden Films aus der Feder und in der Regie von Tom Bohn. Vorgeführt wird, wie sich das an sich höchst interessante, philosophisch, literarisch und filmhistorisch denn auch unendlich oft und anspruchsvoll deklinierte Paradigma vom künstlichen Menschen – hier in der digitalen Prothesengott-Variante – bis zur Lächerlichkeit tunen lässt, so dass am Ende nur unfreiwillige Komik, Plattitüden-Karaoke und bedrückende Fremdscham übrig bleiben.

          Bekanntschaft im Aufzug: Kommissarin Johanna Stern (Lisa Bitter) fährt nach oben.

          Letzteres gilt auch da, wo Komik beabsichtigt scheint, etwa in den Gesprächen der diesmal besonders süffisanten Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) und ihrer diesmal besonders kecken Kollegin Stern (Lisa Bitter) mit dem Obermacker der geistig tiefergelegten Grobmechaniker (Gregor Bloéb). Gern guckt währenddessen jemand halb aus der Motorhaube heraus und geht uns mit Ratschengegricker auf die Zündkerze. Kaum lustiger wirkt der flaue Witz, dem Pathologen Becker (Peter Espeloer) Faulheit bis zur Arbeitsverweigerung anzudichten. Auch die wohl ulkig gemeinte Zurichtung des wie immer bremsenden Oberstaatsanwalts (Max Tidof) zum schmierigen Sugar Daddy ist bestenfalls redundant.

          Kommen wir aber zum Tiefpunkt, der hier ziemlich exakt mit dem dramaturgischen Höhepunkt zusammenfällt, den Szenen rund um den Frankenstein-Arzt Professor Bordauer. Als Koryphäe auf dem Gebiet der Cyborg-Medizin macht er mittels Gehirnplatinen (und Exoskeletten) Demente wieder erinnernd und Lahme wieder laufend. Sein eigentlicher Traum ist freilich die totale Verschmelzung von menschlicher und künstlicher Intelligenz. Dann seien nicht nur kriminelle Impulse oder pädophile Neigungen flotterdings ausprogrammierbar, sondern auch – der Krankenhausseelsorger (Heinz Hoenig) hält den Medicus nicht grundlos für einen Avatar des Gehörnten – Unannehmlichkeiten wie die Sterblichkeit besiegt. Es geht also auch hier um Tuning. Sebastian Bezzel – ausgerechnet! – spielt den Professor daher als colasaufendes großes Kind jenseits von Gut und Böse. Die alberne Science-Fiction-Aufmachung der Krankenhaus-Sonderetage, optisches weißes Rauschen sozusagen, kann es zwar mit dem Doctor-Who-Universum aufnehmen, beißt sich aber mit dem körnigen Rest des Films.

          Dass man überhaupt auf Bordauer aufmerksam wurde, hat damit zu tun, dass sowohl der verschwundene Rollstuhlfahrer, der zugleich zur Motorradclub-Bande gehörte, als auch eine tot aufgefundene weitere Person sowie der sprachlose alte Herr im Pflegeheim Beziehungen zu dessen Institut unterhielten. Was dieser Höllenarzt dann aber mit Wichtigtuermiene von sich zu geben hat – man leidet mit Bezzel –, ist nun ebenso wie das Antichristgefasel des Priesters oder die teils im Off stattfindende Unterhaltung der Cree-Indianerinnen Odenthal und Stern über den Transhumanismus („Sie werden nicht eher Ruhe geben, bis sie alles unter Kontrolle haben, bis sie den letzten Zauber entzaubert, den letzten Traum mitgeträumt haben“) dermaßen abgegriffen, dass man sich sehnlichst das Reflexionsniveau des zweihundert Jahre alten Romans von Mary Shelley herbeiwünscht.

          Wenn das handlungstechnisch so widersinnige wie erzählerisch vorhersehbare, noch zahlreiche nah an der Parodie entlangschrammende Witz-Auftritte und Hier-stimmt-was-nicht-Momente versammelnde Machwerk über den Prometheus 2.0 schließlich in einem immerhin gekonnten Trash-Finale mit leider aber doch noch angeklebter Erklärungsorgie trampelnd und strampelnd untergeht, sieht der eine oder die andere vielleicht den Geist von Kai Perlmann vor sich, dem von Sebastian Bezzel vor seiner Leberkäs-Karriere verkörperten „Tatort“-Kommissar, der mit großen, bittenden Augen flüstert: „Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie leid mir das alles tut.“

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