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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie erfindet man eine rechtspopulistische Partei?

Fast wie im richtigen Leben: Politiker der Fernseh-Partei Neue Patrioten (Benjamin Braun, Anja Kling, Patrick von Blume) vor der Presse Bild: NDR/Christine Schroeder

Im neuen „Tatort“ aus Hamburg kommen die Mörder aus einer rechtspopulistischen Bewegung, die einem bekannt vorkommt. Ein Gespräch mit Niki Stein, dem Drehbuchautor und Regisseur der Folge „Dunkle Zeit“.

          FAZ.NET: War es leicht, eine rechtspopulistische Partei für den „Tatort“ (hier die Fernsehkritik) zu erfinden?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Niki Stein: Ja. Leichter, als einen „Tatort“ über die SPD zu schreiben. Wobei ich auch schon ein wenig Übung hatte. Vor neun Jahren habe ich schon einmal einen Krimi über eine rechtspopulistischen Bewegung gedreht. Der hieß „Die Frau aus dem Meer“, Hanns Zischler spielte darin einen früheren Polizeipräsidenten, der mit der Sicherheit seiner Stadt nicht einverstanden ist. Die Figur war damals inspiriert von den Erfolgen der sogenannten „Schill-Partei“ in Hamburg. Und ich habe vier Jahre mit Nico Hofmann an einer Fernsehserie gearbeitet, die sich historisch vor allem mit dem Scheitern der „Weimarer Republik“ befasste, dargestellt am Aufstieg Adolf Hitlers und der NSDAP. Und, vorsichtig gesagt: Die Übereinstimmung der Rhetorik von damals mit der der neuen rechtspopulistischen Parteien ist schon erschreckend. Es sind ja nicht nur Begriffe wie der von Goebbels geprägte Begriff „Lügenpresse“. Es sind auch „diese Gestalten in Berlin“ oder „Müllhaufen der Geschichte“, das ist alles dasselbe Vokabular des Hasses und der Abgrenzung.

          Der Begriff „Establishment“, der in Ihrem „Tatort“ häufig vorkommt, ist in diesem Zusammenhang aber neu, oder?

          Eigentlich kommt er ja eher aus dem „linken“ Repertoire. Das Neue ist, dass die Rechtpopulisten unter diesem Begriff alle Repräsentanten unseres demokratisch verfassten Staates zusammenfassen. Marc Jongen, einer der „Vordenker“ des Rechtpopulismus, hat das schon 2014 in einem Artikel für den „Cicero“ zum Ausdruck gebracht. Da beschreibt er, wie eine Verschwörung aus Banken und Politik in der Bankenkrise sich am „Volkseigentum“ bediente. Da ist vom „Politbüro der EU“ die Rede, und von der „strukturellen Korruption der Politik“, die eine Tatsache sei. - Das ist der Ansatz, Demokratie nicht abzulehnen, aber deren Vertreter sofort mit dem Vorwurf der Korruptheit zu belegen. Auch so gibt man den von der Demokratie Enttäuschten ein Sammelbecken.

          Niki Stein (rechts) mit seinen Hauptdarstellern: Wotan Wilke Möhring (als Thorsten Falke), Anja Kling (Nina Schramm) und Franziska Weisz (Julia Grozs)

          Wie groß ist die Gefahr, dass man bei der Darstellung einer rechtspopulistischen Partei im Fernsehen zu stark vereinfacht?

          Das war ein bisschen meine Sorge, eigentlich hatte ich sogar zwei Sorgen. Die erste war: Tut man der AfD, zu der die von mir erfundenen Partei im „Tatort“ viele Parallelen aufweist, nicht einen Gefallen, wenn man sie als Phänomen so groß macht? Ist das nicht eine Über-Repräsentierung? Die zweite: Ist der im „Tatort“ dargestellte Rechtsruck nicht überzogen? Da muss ich aber nach dem Parteitag der AfD in Hannover sagen: Nein, da liegen wir richtig, vielleicht waren wir sogar fast noch zu zurückhaltend.

          Sind rechtspopulistische Parteien einfach gestrickt - oder nimmt man einen Teil ihrer Komplexität aus bestimmten Gründen nicht wahr?

          Die Partei, die ich im „Tatort“ Neue Patrioten genannt habe, erlebt ja im Film einen Umbruch. In einer ursprünglich rechtsnationalen Partei, die eine völlig legitime Skepsis gegenüber dem Euro und der Zuwanderungspolitik an den Tag legt, wird plötzlich eine Strömung stark, die sich darüber definiert, außerhalb des herkömmlichen Parlamentarismus zu stehen. Plötzlich heißt es: Wir sind das Volk, wir repräsentieren das Volk - und lehnen den Meinungsbildungsprozess, der eine Demokratie ausmacht, im Grunde ab. Denn die Repräsentanten im Parlament sind korrupt, missbrauchen den Volkswillen und haben verwirkt, für ihn zu stehen. Jetzt sind wir da. Und wir haben die klare Zielrichtung, den Parlamentarismus, wie wir ihn kennen, abzuschaffen. Wir sind eine Bewegung.

          Ich habe beim Schreiben des Drehbuchs aber nicht nur an die AfD gedacht, sondern auch an den Front National, an Trump, Wilders und wie sie alle heißen. Und ich will auch nicht sagen, dass sich in der AfD die gerade skizzierte Bewegung endgültig durchsetzen wird. Die AfD ist, wie der Vorsitzende mal sagte, „ein gärender Haufen“. Wohin der gärt, ist noch nicht ausgemacht. Gärt er zu einer antidemokratischen Rechten à la Erdogan oder gärt er in Richtung einer wertkonservativen Partei wie der CSU? Ich fürchte nur, die AfD tendiert zu Ersterem.

          Wie und wo haben Sie für diesen „Tatort“ recherchiert?

          So, wie es ein Journalist auch machen würde. Ich habe auch mit einem früheren AfD-Politiker gesprochen. Vor allem habe ich Parteiprogramme gelesen und mir die neurechten, ideologischen Hintergrundfiguren angeschaut: Elsässer, Kubitschek.

          Der neue „Tatort“ ist ein Karussell der Opferrollen und eingebildeten Bedrohungslagen.

          Spürt man bei dem Thema nicht permanent eine Schere im Kopf? Zu Schimanskis Zeiten war ja immer klar, wer die Nazis sind. Eine echte gesellschaftliche Rolle spielten sie im „Tatort“ aber nicht.

          Aber das ist auf der anderen Seite gerade der Grund, warum das Thema behandelt werden muss. Wir haben in Deutschland einen gewissen Nachholbedarf. Ich habe Anfang der Neunziger in Wien gelebt, da war Jörg Haider ein großes Thema. Da haben wir uns als Deutsche immer gesagt, zum Glück hat unsere Rechte keine charismatischen Persönlichkeiten. Das ist heute nicht mehr so. Für einen Autor ist es hochspannend, diese Entwicklung zu beobachten, auch wenn bei mir allmählich Sorgen aufkommen, ob die Einstellung „1933 ist nicht mehr möglich“ noch angemessen ist. Die Geschwindigkeit, mit der Denktabus abgebaut werden und Stammtischthemen auf der großen Bühne landen, das hätte ich mir vor 30, 40 Jahren nicht vorstellen können. Dass jetzt so offen rassistisch und anti-demokratisch argumentiert wird, hat natürlich auch mit der Enthemmung im Internet zu tun.

          Die Figur der Nina Schramm erinnert rein äußerlich an Alice Weidel, die des Prof. Gerhard Schneider an Jörg Meuthen. Wie weit wollten und konnten Sie mit den Ähnlichkeiten gehen?

          Alice Weidel war, als ich an dem Buch schrieb, noch kein Thema. Ich hatte eher Bedenken, dass man zu sehr an Frauke Petry denken könnte - und war etwas erleichtert, als sie vor der Sendung noch aus der Partei austrat. Klar hat man, wenn man einen solchen Film macht in Deutschland, die AfD im Blick, aber ich wollte sie sicher nicht eins zu eins abbilden oder jemanden Bestimmtes porträtieren. Ich wollte Strömungen zeigen. Die Figur des Schneider hat auch eher etwas von Bernd Lucke, und bei der Binnenstruktur des Paares Nina und Richard Schramm dachte ich komischerweise oft an Petra Kelly und Gert Bastian. Ich kannte die beiden ganz gut.

          Was unterscheidet die Neuen Patrioten von der AfD?

          Den Komplott, den wir im Film darstellen, traue ich der AfD nun doch nicht zu. Außerdem deuten wir im Film ja an, dass es eine Unterwanderung gibt, die russlandgesteuert ist. Das verweist eher auf Amerika, Flynn und Trump, diese Tendenz sehe ich bei der AfD so nicht. Aber wer weiß: Mit das Erste, was Doris von Sayn-Wittgenstein auf dem AfD-Parteitag in Hannover sagte, war, dass sie sich bessere Beziehungen zu Russland und Putin wünscht. Diese Tendenz ist schon sonderbar.

          Ihr „Tatort“ ist sehr stark parabelhaft, das wird dem Zuschauer auch schnell klar. Aber ist es nicht etwas dicke, dass im Film die linke Szene dann auch noch massiv von der rechten unterwandert ist?

          Nach Vorbildern in der Realität habe ich dabei tatsächlich nicht gesucht. Der Agent Provocateur ist natürlich in „Polit-Thrillern“ eine sehr dankbare  Figur. Der Subtext, den ich zeigen wollte, war auch eher, dass Radikalisierungen auf beiden Seiten vom Internet getriggert werden. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Die falschen Spuren, die heute überall im Internet gelegt werden, sind für mich ein Hauptgrund für die Einschränkung einer demokratischen Dialektik. Was früher in Weimar auf der Straße stattfand, findet heute im Internet statt. Nehmen Sie nur die Messerattacke in Altena, nach der direkt die unterschiedlichsten Shitstorms losbrachen. Eine öffentlich politische Diskussion im Sinne einer aufgeklärten Dialektik scheint nicht mehr möglich zu sein.

          Der links-autonome Schwarze Block ist im Film unterwandert von Rechten, hier in Person von Paula (Sophie Pfennigstorf).

          In Ihrem „Tatort“ werden verschiedene Möglichkeiten des Mit-Rechten-Redens durchgespielt. Die Kommissarin Grosz möchte keine Angriffsfläche bieten und vermeidet die Auseinandersetzung, der Kommissar Falke nimmt kein Blatt vor den Mund, gestattet sich sogar Unsachlichkeiten. Welche Haltung ist besser?

          Erstmal sind beide überfordert, sie sind getrieben, sind Spielball. Zugleich werden sie von den Neuen Patrioten umworben. Die Kommissarin Grosz zieht sich auf den Rechtsstaat zurück. Sie sagt sich, wir haben unsere Mittel, müssen diese aber auch korrekt anwenden. Wenn wir auf dem rechten oder linken Auge blind sind, völlig egal, gerät der Rechtsstaat in Gefahr. Diese Haltung ist mir zunächst einmal sehr viel sympathischer, sie ist aber auch eine große Herausforderung. Der Kommissar Falke hingegen ist das emotionale Gewissen. Er ist auch ein bisschen blauäugig, nach dem Motto: Macht die Grenzen auf und lasst alle rein.

          Es gibt einige Szenen, in denen über Ausländerkriminalität gesprochen wird und in denen Sie Falkes Eine-Welt-Pathos etwas ins Leere laufen lassen, es fallen Argumente, auf die er nichts mehr so recht erwidern kann.

          Wobei das, was Falke in der Hauptsache sagt, ja stimmt. Er beharrt auf einer Wahrheit, die die Rechte so gerne verschweigt. Dass die überwiegende Mehrzahl der Migranten eben nicht kriminell ist, sondern sich integrieren will, eine Zukunft sucht. Die meisten Bedrohungsszenarien der Rechten sind doch nur behauptet.

          Wir leben heute in einem ganz anderen Deutschland als noch in den achtziger Jahren, in denen die ersten sogenannten Gastarbeiterkinder vorsichtig an der Tür des Gymnasiums kratzten. Heute ist es Normalität, dass in vielen städtischen Gymnasien 30, 40 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Meine Kinder kämen niemals auf die Idee zu sagen, dass ihr Freund Amir kein Deutscher sei. Diese Realität wird von den Rechtspopulisten aber in Frage gestellt. Weigel, Gauland und Höcke stellen das „Deutschsein“ - die Frage: „Was ist ein Deutscher?“ - wieder in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung.

          Wenn die rechtspopulistische Politikerin Nina Schramm im Film zu Falke sagt: Sie mögen Deutschland ja gerne so idealistisch sehen, aber die  Menschen, die Sie beschützen wollen, sind unzufrieden, ist damit seine Haltung nicht wirklich diskreditiert.

          Mit welchen Reaktionen auf Ihren „Tatort“ rechnen Sie?

          Natürlich werden die rechtspopulistischen Parteien versuchen, sich zum Opfer zu stilisieren. Es wird heißen: Die Systemmedien bedienen sich jetzt sogar des „Tatorts“, um auf uns einzuprügeln. Aber das ist eben auch das Schwierige an diesem „Tatort“: Zum ersten Mal könnte sich eine Partei wiedererkennen, die im Bundestag sitzt. Ich denke aber, alle im „Tatort“ angesprochenen Fragen sollten offen diskutiert werden. Das würde ich mir wünschen.

          Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

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