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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie erfindet man eine rechtspopulistische Partei?

Nach Vorbildern in der Realität habe ich dabei tatsächlich nicht gesucht. Der Agent Provocateur ist natürlich in „Polit-Thrillern“ eine sehr dankbare  Figur. Der Subtext, den ich zeigen wollte, war auch eher, dass Radikalisierungen auf beiden Seiten vom Internet getriggert werden. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. Die falschen Spuren, die heute überall im Internet gelegt werden, sind für mich ein Hauptgrund für die Einschränkung einer demokratischen Dialektik. Was früher in Weimar auf der Straße stattfand, findet heute im Internet statt. Nehmen Sie nur die Messerattacke in Altena, nach der direkt die unterschiedlichsten Shitstorms losbrachen. Eine öffentlich politische Diskussion im Sinne einer aufgeklärten Dialektik scheint nicht mehr möglich zu sein.

Der links-autonome Schwarze Block ist im Film unterwandert von Rechten, hier in Person von Paula (Sophie Pfennigstorf).

In Ihrem „Tatort“ werden verschiedene Möglichkeiten des Mit-Rechten-Redens durchgespielt. Die Kommissarin Grosz möchte keine Angriffsfläche bieten und vermeidet die Auseinandersetzung, der Kommissar Falke nimmt kein Blatt vor den Mund, gestattet sich sogar Unsachlichkeiten. Welche Haltung ist besser?

Erstmal sind beide überfordert, sie sind getrieben, sind Spielball. Zugleich werden sie von den Neuen Patrioten umworben. Die Kommissarin Grosz zieht sich auf den Rechtsstaat zurück. Sie sagt sich, wir haben unsere Mittel, müssen diese aber auch korrekt anwenden. Wenn wir auf dem rechten oder linken Auge blind sind, völlig egal, gerät der Rechtsstaat in Gefahr. Diese Haltung ist mir zunächst einmal sehr viel sympathischer, sie ist aber auch eine große Herausforderung. Der Kommissar Falke hingegen ist das emotionale Gewissen. Er ist auch ein bisschen blauäugig, nach dem Motto: Macht die Grenzen auf und lasst alle rein.

Es gibt einige Szenen, in denen über Ausländerkriminalität gesprochen wird und in denen Sie Falkes Eine-Welt-Pathos etwas ins Leere laufen lassen, es fallen Argumente, auf die er nichts mehr so recht erwidern kann.

Wobei das, was Falke in der Hauptsache sagt, ja stimmt. Er beharrt auf einer Wahrheit, die die Rechte so gerne verschweigt. Dass die überwiegende Mehrzahl der Migranten eben nicht kriminell ist, sondern sich integrieren will, eine Zukunft sucht. Die meisten Bedrohungsszenarien der Rechten sind doch nur behauptet.

Wir leben heute in einem ganz anderen Deutschland als noch in den achtziger Jahren, in denen die ersten sogenannten Gastarbeiterkinder vorsichtig an der Tür des Gymnasiums kratzten. Heute ist es Normalität, dass in vielen städtischen Gymnasien 30, 40 Prozent der Kinder einen Migrationshintergrund haben. Meine Kinder kämen niemals auf die Idee zu sagen, dass ihr Freund Amir kein Deutscher sei. Diese Realität wird von den Rechtspopulisten aber in Frage gestellt. Weigel, Gauland und Höcke stellen das „Deutschsein“ - die Frage: „Was ist ein Deutscher?“ - wieder in den Mittelpunkt der politischen Auseinandersetzung.

Wenn die rechtspopulistische Politikerin Nina Schramm im Film zu Falke sagt: Sie mögen Deutschland ja gerne so idealistisch sehen, aber die  Menschen, die Sie beschützen wollen, sind unzufrieden, ist damit seine Haltung nicht wirklich diskreditiert.

Mit welchen Reaktionen auf Ihren „Tatort“ rechnen Sie?

Natürlich werden die rechtspopulistischen Parteien versuchen, sich zum Opfer zu stilisieren. Es wird heißen: Die Systemmedien bedienen sich jetzt sogar des „Tatorts“, um auf uns einzuprügeln. Aber das ist eben auch das Schwierige an diesem „Tatort“: Zum ersten Mal könnte sich eine Partei wiedererkennen, die im Bundestag sitzt. Ich denke aber, alle im „Tatort“ angesprochenen Fragen sollten offen diskutiert werden. Das würde ich mir wünschen.

Die Fragen stellte Uwe Ebbinghaus

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