https://www.faz.net/-gsb-94rg2

FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie erfindet man eine rechtspopulistische Partei?

Ich habe beim Schreiben des Drehbuchs aber nicht nur an die AfD gedacht, sondern auch an den Front National, an Trump, Wilders und wie sie alle heißen. Und ich will auch nicht sagen, dass sich in der AfD die gerade skizzierte Bewegung endgültig durchsetzen wird. Die AfD ist, wie der Vorsitzende mal sagte, „ein gärender Haufen“. Wohin der gärt, ist noch nicht ausgemacht. Gärt er zu einer antidemokratischen Rechten à la Erdogan oder gärt er in Richtung einer wertkonservativen Partei wie der CSU? Ich fürchte nur, die AfD tendiert zu Ersterem.

Wie und wo haben Sie für diesen „Tatort“ recherchiert?

So, wie es ein Journalist auch machen würde. Ich habe auch mit einem früheren AfD-Politiker gesprochen. Vor allem habe ich Parteiprogramme gelesen und mir die neurechten, ideologischen Hintergrundfiguren angeschaut: Elsässer, Kubitschek.

Der neue „Tatort“ ist ein Karussell der Opferrollen und eingebildeten Bedrohungslagen.
Der neue „Tatort“ ist ein Karussell der Opferrollen und eingebildeten Bedrohungslagen. : Bild: NDR/Christine Schroeder

Spürt man bei dem Thema nicht permanent eine Schere im Kopf? Zu Schimanskis Zeiten war ja immer klar, wer die Nazis sind. Eine echte gesellschaftliche Rolle spielten sie im „Tatort“ aber nicht.

Aber das ist auf der anderen Seite gerade der Grund, warum das Thema behandelt werden muss. Wir haben in Deutschland einen gewissen Nachholbedarf. Ich habe Anfang der Neunziger in Wien gelebt, da war Jörg Haider ein großes Thema. Da haben wir uns als Deutsche immer gesagt, zum Glück hat unsere Rechte keine charismatischen Persönlichkeiten. Das ist heute nicht mehr so. Für einen Autor ist es hochspannend, diese Entwicklung zu beobachten, auch wenn bei mir allmählich Sorgen aufkommen, ob die Einstellung „1933 ist nicht mehr möglich“ noch angemessen ist. Die Geschwindigkeit, mit der Denktabus abgebaut werden und Stammtischthemen auf der großen Bühne landen, das hätte ich mir vor 30, 40 Jahren nicht vorstellen können. Dass jetzt so offen rassistisch und anti-demokratisch argumentiert wird, hat natürlich auch mit der Enthemmung im Internet zu tun.

Die Figur der Nina Schramm erinnert rein äußerlich an Alice Weidel, die des Prof. Gerhard Schneider an Jörg Meuthen. Wie weit wollten und konnten Sie mit den Ähnlichkeiten gehen?

Alice Weidel war, als ich an dem Buch schrieb, noch kein Thema. Ich hatte eher Bedenken, dass man zu sehr an Frauke Petry denken könnte - und war etwas erleichtert, als sie vor der Sendung noch aus der Partei austrat. Klar hat man, wenn man einen solchen Film macht in Deutschland, die AfD im Blick, aber ich wollte sie sicher nicht eins zu eins abbilden oder jemanden Bestimmtes porträtieren. Ich wollte Strömungen zeigen. Die Figur des Schneider hat auch eher etwas von Bernd Lucke, und bei der Binnenstruktur des Paares Nina und Richard Schramm dachte ich komischerweise oft an Petra Kelly und Gert Bastian. Ich kannte die beiden ganz gut.

Was unterscheidet die Neuen Patrioten von der AfD?

Den Komplott, den wir im Film darstellen, traue ich der AfD nun doch nicht zu. Außerdem deuten wir im Film ja an, dass es eine Unterwanderung gibt, die russlandgesteuert ist. Das verweist eher auf Amerika, Flynn und Trump, diese Tendenz sehe ich bei der AfD so nicht. Aber wer weiß: Mit das Erste, was Doris von Sayn-Wittgenstein auf dem AfD-Parteitag in Hannover sagte, war, dass sie sich bessere Beziehungen zu Russland und Putin wünscht. Diese Tendenz ist schon sonderbar.

Ihr „Tatort“ ist sehr stark parabelhaft, das wird dem Zuschauer auch schnell klar. Aber ist es nicht etwas dicke, dass im Film die linke Szene dann auch noch massiv von der rechten unterwandert ist?

Weitere Themen

Topmeldungen

Erklärt im Video : Warum Trump gegen die Briefwahl kämpft

Wurde alles angekreuzt? Stimmt die Unterschrift? Ist die Post schnell genug? Bei Briefwahl kann viel schiefgehen. Kostet das Joe Biden den Wahlsieg in Amerika? Donald Trump hat jedenfalls einen Plan. Unser Video klärt auf.
Ist mit sich immer noch im Reinen: Jeremy Corbyn.

Antisemitismus bei Labour : Corbyn hat nichts gelernt

Der frühere Chef von Labour, Jeremy Corbyn, ist aus seiner Partei geflogen, weil unter ihm Antisemitismus zum Normalzustand wurde. Corbyn Reaktion zeigt, dass er seine eigene Haltung und deren katastrophale Folgen nicht ansatzweise umreißt.
Ein bisschen Heimat: Das koreanische Restaurant „Heidekrug“ am Oberurseler Waldrand.

Koreanische Community : Little Seoul im Taunus

In der Rhein-Main-Region lebt eine der größten koreanischen Communitys Europas. Städte wie Oberursel, Eschborn oder Kronberg bieten fast alles, was ihr Herz begehrt. Inklusive Kieferorthopädie auf Koreanisch.

Newsletter

Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.