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„Tatort“ aus Weimar : Tod im Schrott

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Er gibt sich die Kugel, sie starrt nach vorn: Christian Ulmen und Nora Tschirner im „Tatort“. Bild: MDR/Wiedemann&Berg/Stephanie Kul

Auf der neuen Episode des „Tatorts“ aus Weimar liegt ein Fluch. Wer hat den gewitzten Kommissaren Dorn und Lessing dieses Skript aufgezwungen? So lahm haben wir Nora Tschirner und Christian Ulmen noch nie gesehen.

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          „Nichts halb zu thun, ist edler Geister Art“, schrieb Christoph Martin Wieland im Versepos „Oberon“, dem vielleicht verrücktesten Stück Weimarer Literatur, seinem furchtlosen Ritter Hüon auf die Fahnen. Das Motto gilt wohl insbesondere für Edelgaukler. Es schmerzt jedenfalls, zu sehen, wie der Weimar-„Tatort“, bislang ausgezeichnet durch erzählerisch freihändigen Wahnsinn, wüstes Zitatespiel und das frotzelndste Liebespaar im deutschen Krimisumpf – durch so viel „Oberon“ also, wie im Formatfernsehen möglich –, sich offenbar vorgenommen hat, doch einmal etwas nur halb zu tun. Derart müde wirkt das Kommissar-muss-sich-gegen-interne-Ermittlungen-wehren-Skript der aktuellen Episode, dass sogar die Ulkkollegen aus Münster feixen dürften. Ein Eklat ist das nicht, aber weit entfernt von der Phantasie etwa der irisierenden Doppelgängergroteske „Der Irre Iwan“.

          Lessing (Christian Ulmen) sitzt die meiste Zeit in U-Haft, weil mit seiner Pistole ein Mann erschossen wurde, was irgendwie mit einer wertvollen, aber fluchbeladenen Statue aus dem Palast des Maharadscha von Kambatscha (ja, ein altes Kinderbuch) zu tun haben muss. Interesse wird dafür kaum jemand aufbringen, denn zu lieblos gezeichnet sind die Charaktere, zu vorhersehbar die Verwicklungen, zu schleppend die Ermittlung. Letztere führt – Befangenheit gibt es bekanntlich nicht im „Tatort“ – Lessings Ehefrau Kira Dorn (Nora Tschirner) nahezu alleine. Sie muss sich, das ist der Haupthumorgenerator, auf das schwer verliebte Kommissariats-Faktotum Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) verlassen.

          Verantwortlich für dieses Drehbuch will natürlich niemand sein, daher hat man zwei Pseudonyme eingesetzt: Sebastian Kutscher und Deniz Yildizr. Als „Dialogautoren“ werden die Weimar-„Tatort“-Altmeister Murmel Clausen und Andreas Pflüger genannt, doch auch das spitzzüngige Kalauerfeuerwerk will diesmal nicht zünden, ein paar „Thelma und Louise“-Bemerkungen, ein Pflicht-Goethezitat, ansonsten meist dröge Zusammenfassungen des Sachstands.

          Für die harte interne Ermittlerin Eva Kern (Nina Proll), der klischeegemäß noch eine unglückliche Romanze mit dem Kommissariatsleiter Stich (Thorsten Merten) auferlegt wurde, stellt dieser sich so dar: Lessing hat den Schrotthändler Knopp (Heiko Pinkowski) abgeknallt, weil er diesen zwar des Mordes an einer alten Dame überführt hatte, das Gericht den Täter aber aufgrund der – natürlich erkauften – Aussage des Neffen der Ermordeten (Jan Messutat) freisprechen musste, und zwar sehr zu Lessings protokolliertem Ärger: „Bullshit!“

          Die Regie von Helena Hufnagel dynamisiert die Handlungsödnis tapfer durch schnelle Schnitte und bewegte Szenen, so dass ein zur Schrottplatz-Teleologie passender (und droschkenfreier) Road-Movie-Eindruck entsteht. Tschirner und Ulmen sind zudem solche Spontantalente, dass sie selbst dieser Vorlage sehenswerte Momente abtrotzen. Aber vielleicht ist das sogar das schlimmstmögliche Urteil: kein Desaster, sondern laues Mittelmaß. Wenn sich Buch und Regie quälende Karma-Scherze erlauben, weil die Witwe des Mordopfers (Julika Jenkins), die generell nicht ganz knusper zu sein scheint, einen zugeräucherten Esoterikshop betreibt, hat es sich endgültig ausgegrinst. Da kann die (japanische!) Winkekatze noch so winken.

          Handwerkliche Absonderlichkeiten tun ein Übriges, um das Ergebnis zu schwächen. Lange wird etwa gerätselt, wie jemand an Lessings Waffe im Sicherheitsschrank hätte kommen können. Dann zeigt die Überwachungsaufzeichnung eine flink durchs Treppenhaus sausende Putzfrau, aber schon eine Minute später kann sie gegenüber den gelangweilten Beamten Stich und Kern mit polnischem Akzent jeden Verdacht entkräften: „trainiere ich für Iron Main, und da Treppe ist super, kann ich trainieren bei Arbeit“. Die einzige Legitimation für diesen Einfall – den Kreis der Verdächtigen zu erweitern – wird sofort verschenkt. Was bleibt, ist Redundanz.

          Das mäßige Finale in die Schrottpresse zu verlegen, hat da schon eine selbstironische Komponente. Eingedenk der klugen Worte, die bei Wieland ein Sophist zum wackeren Agathon spricht: „Man kann alles, was man will, sobald man nichts will, als was man kann“, ließe sich hier resümieren: Routine kann man nicht in Weimar. Und das ist eigentlich auch gut so.

          Der Tatort: Die harte Kern läuft heute, Sonntag, 22. September, um 20.15 Uhr im Ersten.

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