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FAZ.NET-Tatortsicherung : So einfach spaziert ein Mörder aus der Psychiatrie?

  • -Aktualisiert am

Gobi (Jürgen Vogel) ist aus der forensischen Psychiatrie getürmt - was erstaunlich einfach war. Bild: MDR/Wiedemann&Berg/Anke Neugebau

Alle Jahre wieder klamauken sich die Kommissare Dorn und Lessing durch den Weimarer „Tatort“. Diesmal jagen sie einen „Trittbrettwürger“. Das ist amüsant, mit der Realität hat es aber nur am Rande zu tun.

          Gotthilf Bigamiluschvatokovtschvili (Jürgen Vogel), aus nachvollziehbaren Gründen nur „Gobi“ genannt, entkommt aus der Weimarer Forensischen Psychiatrie. Der Mann mit dem Hang zu gestrickter Unterwäsche soll vor fünf Jahren drei Frauen ermordet haben.

          Als sein Antrag auf Verlegung in den normalen Strafregelvollzug abgelehnt wird, flieht er. Denn er spürt, dass da irgendwas nicht stimmt in der Psychiatrie. Sein Verdacht: Professor Eisler (Ernst Stötzner) verabreicht ihm Medikamente, die aus seinem Hirn „Pudding“ machen – dann lieber doch „nur“ normaler Knast.

          Das Kommissarspaar Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) stolpern bei der Jagd nach dem Geflohenen über Brandleichen und durch die Weimarer Kanalisation. Kann “Der wüste Gobi“ im Realitätstest bestehen?

          ***

          Frage 1: Der aktuelle „Tatort“ aus Weimar schildert den Fall eines psychisch kranken Straftäters, der drei Frauen erwürgt haben soll. Für fünf Jahre wurde er deshalb in der Weimarer Forensik untergebracht. Nun plädiert er vor Gericht darauf, in den Strafregelvollzug verlegt zu werden. Plausibel?

          Gobi leidet schon lange an Halluzinationen. Seine Verlobte Mimi Kalkbrenner (Jeanette Hain) versucht, ihn zu beruhigen.

          Antwort von Dr. Barbara Werneburg (Chefärztin der Klinik für forensische Psychiatrie am Ökumenischen Hainich Klinikum in Mühlhausen):

          In der Forensik ist der Begriff psychisch kranker Rechtsbrecher richtig. Wer schuldfähig ist, geht als Straftäter in den normalen Strafvollzug. Menschen, die wegen ihrer psychischen Erkrankung ganz oder in Teilen schuldunfähig sind, gehen als Patienten in die forensische Psychiatrie. Diese Schuldunfähigkeit ist durch ein forensisches Gutachten festzustellen, das Gericht oder Staatsanwaltschaft als Beweismittel zur Hauptverhandlung anfordern. Der Zeitrahmen von fünf Jahren entspricht nicht der Realität. Das Gesetz sieht jedes Jahr eine Anhörung vor der Strafvollstreckungskammer vor. Dabei geben die behandelnden Ärzte in einem Kurzgutachten einen Überblick über den Behandlungsverlauf der vergangenen 12 Monate. Es wird also jedes Jahr und nicht erst nach fünf Jahren vom Richter und natürlich vom Anwalt des Patienten gefragt, ob die Person noch eine Gefahr für die Allgemeinheit darstellt und ob eine Entlassung aus der forensischen Psychiatrie auf Bewährung angezeigt ist.

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          Frage 2: Der Patient wird mit Psychopharmaka vollgestopft, sein Hirn werde dabei „zu Pudding“, so seine Verlobte. Es handele sich vor allem um das Beruhigungsmittel „Promoferan“, das auch Halluzinationen hervorruft. Die übliche Methode, um einen Insassen der Forensik zu behandeln?

          Lessing (Christian Ulmen) und Dorn (Nora Tschirner“ finden im Untergrund Prof. Eisler (Ernst Stötzner), der unerwartet selbst mit seinen unorthodoxen Behandlungsmethoden konfrontiert wurde.

          Antwort von Dr. Barbara Werneburg:

          Eine Wortwahl wie „Hirn zu Pudding machen“ entspringt dem Vokabular der Anti-Psychiatriebewegung, die der psychiatrischen Behandlung kritisch bis feindselig gegenübersteht. Für viele Menschen schaffen Psychopharmaka aber überhaupt erst die Chance auf Heilung. Allerdings wird die Gabe solcher Medikamente streng überwacht. Wenn bei einem Patienten im Notfall beispielsweise ein Neuroleptikum zur Beruhigung verabreicht werden muss, muss die Klinik dies sofort beim Gericht anzeigen und nachträglich genehmigen lassen, außerdem muss sie den Interventionsbeauftragten des zuständigen Landesverwaltungsamtes informieren. Diese Juristen kommen dann in die Klinik und überprüfen ganz genau, was geschehen ist. Ein Medikament mit dem genannten Namen existiert übrigens nicht. Filmproduktionen verwenden oft erfundene Namen – wohl, um möglichen rechtlichen Problemen mit der Herstellerfirma eines real existierenden Medikaments zu entgehen. Zudem löst kein in der forensischen Psychiatrie verwendetes Mittel Halluzinationen aus. Die einzigen derartigen Medikamente, die in den 1970er-Jahren kurzzeitig Verwendung fanden und nun verboten sind, waren LSD-haltige Medikamente, die damals bei der so genannten „Psycholyse“ nach Timothy Leary angewandt wurden.

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          Kommissarin Kira Dorn: „Also, Sie wollen uns doch jetzt nicht erzählen, dass ein schizophrener Gewaltverbrecher hier so einfach rausspazieren kann. Wir mussten vorher durch fünf Sicherheitsschleusen. Das ist doch wohl ein Witz.“ (Minute 14)

          Frage 3: Dem Insassen gelingt die Flucht. Er erwürgt eine der beiden diensthabenden Pflegerinnen und entkommt mit ihrem Schlüssel aus seiner Zelle. Im Aufenthaltsraum entwendet er weitere für die Sicherheitsschleusen. Beängstigend.

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