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„Tatort“ aus Kiel : Borowski begegnet seinem jüngeren Ich

Borowski, der Jüngere und der Ältere, gespielt von Sohn und Vater: August Milberg und Axel Milberg. Bild: NDR/Christine Schroeder

In „Borowski und der Schatten des Mondes“ muss der Kieler Kommissar einen fünfzig Jahre alten Mordfall klären, in den er selbst verwickelt ist. Das Trauma hat ihn sein Leben lang begleitet.

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          Als das buntbemalte Schild mit der Aufschrift „Love and Peace“ auf den regennassen Boden fällt, nimmt das Drama seinen Lauf, ist die Sache, so meint man, schon entschieden. Die körnigen Bilder ganz zu Beginn von „Borowski und der Schatten des Mondes“ zeigen einen Jungen und ein Mädchen, die sich streiten, der Junge steht in einer Telefonzelle, das Mädchen neben einem Auto, und als der Junge ihr endlich hinterherrennt, fährt das Auto davon. Eigentlich hatten die beiden, auch davon erzählen die rasch hintereinander geschnittenen Szenen, nach Fehmarn trampen wollen, um in diesem September vor fünfzig Jahren Jimi Hendrix zu hören. Stattdessen wird der Junge und mit ihm die Polizei Schleswig-Holsteins die so plötzlich verschwundene Susanne Hansen suchen, bis der Fall schließlich zum „Cold Case“ erklärt wird. Während Klaus Borowski, der Junge von damals, eine Laufbahn als Ermittler angetreten hat.

          Tilman Spreckelsen
          Redakteur im Feuilleton.

          Zwischen diesen beiden, dem beteiligten, traumatisierten Jugendlichen (August Milberg), und seinem älteren Ich, dem Kommissar (Axel Milberg, im wirklichen Leben Augusts Vater), der an Parolen auf bunten Schildern wohl schon lange nicht mehr glaubt und mittlerweile alle möglichen Formen des Verbrechens kennengelernt hat, spielt sich das Wesentliche dieser beklemmenden, bis in die Nebenrollen hinein glänzend besetzten Kieler „Tatort“-Folge ab. Wie Borowski mit dem Gefühl der Schuld in den langen Jahren gelebt hat, in denen es keine Spur seiner Freundin gab, kann man sich nicht vorstellen, aber jetzt sehen wir ihm dabei zu, wie er auf den Fund eines Skeletts reagiert, das ein im Sturm umgestürzter Baum freigegeben hat – die Gesichtsrekonstruktion deutet auf Susanne Hansen hin, die Analyse der Knochen bestätigt den Verdacht.

          Auf dem Weg zu einem Festival: Susanne (Mina Rueffer) und Klaus (August Milberg).
          Auf dem Weg zu einem Festival: Susanne (Mina Rueffer) und Klaus (August Milberg). : Bild: NDR/Christine Schroeder

          Dass es sich für ihn um keinen kalten Fall handelt, eher ums Gegenteil, soll keiner wissen, denn dann dürfte er an dessen Aufklärung nicht mitwirken. Und so erfindet er alberne Ausreden, um den Vater des Opfers nicht aufsuchen zu müssen, jedenfalls nicht in Gegenwart seiner jungen Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik). Dass sie ihm in kürzester Zeit auf die Schliche kommt, überrascht ihn nicht, und dass sie seine Beteiligung – nachdem sie ihn mehrfach dringend aufgefordert hatte, sich selbst zu melden – schließlich ihrem Vorgesetzten offenbart, ist ebenfalls kein Wunder. „Ich konnte nicht anders“, sagt sie zu ihm, als er von dem Fall abgezogen wird. „Ich konnte auch nicht anders“, antwortet Borowski. Und wenn ein Schauspieler wie Axel Milberg seine Figur so grundsätzlich verhalten spielt, dann sind plötzliche emotionale Einfärbungen in der Stimme wie an dieser Stelle umso wirkungsvoller.

          Borowski ringt mit sich und dem Fall

          Vieles sehen wir hier aus luftiger Distanz (Kamera: Philipp Kirsamer) oder horizontal in einiger Entfernung, und so wie Borowski ständig darum ringt, sich weder dem Fall auszuliefern noch durch den mühsam gewonnenen Abstand zu dem entsetzlichen Ereignis etwas Wesentliches zu übersehen, so wechselt auch für den Zuschauer in jeder Hinsicht das Pan­orama mit dem Detail. Dass beides geht – sich exakt zu erinnern und sich dabei gewaltig zu täuschen –, weiß der Kommissar im Grunde, nur es auf sich selbst anzuwenden, fällt ihm so schwer wie dem Vierzehnjährigen, der er damals war und dessen Treiben er einmal in einer „Wilde Erdbeeren“-Szene beobachtet – der altgewordene Mann im Setting seiner Jugend.

          Trailer : „Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes“

          Es bleibt Mila Sahin vorbehalten, ihn mit fachlicher Skepsis und persönlicher Loyalität in der Gegenwart und ihren Anforderungen für die Ermittlung zu halten. Es ist Borowski anzusehen, dass er weiß, was er an ihr hat, auch wenn er sich oft genug ihrem Urteil widersetzt: „Zeugen täuschen sich, Borowski“, sagt Sahin, „das wissen Sie besser als ich.“ In seiner Antwort umreißt ihr Gegenüber das Dilemma dieses Falles: „Weil ich ein Zeuge bin, trauen Sie mir nicht?“

          Einziger Wermutstropfen ist die Konstruktion des Täters samt den breit gestreuten Hinweisen darauf, wie es zu dem monströsen Verbrechen kommen konnte – Familie und Milieu reichen sich die Hand, und eine waschechte Blaubartkammer gibt es auch. Borowski verliert dann in der finalen Begegnung tatsächlich die Nerven, ein später Nachhall der Aussage des Jungen, der fünfzig Jahre zuvor zu Protokoll gegeben hatte, er sei „wütend“ auf sich selbst, „weil ich nicht gekämpft habe“. Das jedenfalls kann man ihm nun nicht mehr nachsagen.

          Tatort: Borowski und der Schatten des Mondes läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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