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FAZ.NET-Tatortsicherung : Wie gefährlich ist Fracking?

  • -Aktualisiert am

Falke (Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) müssen sich fragen: Wer ist brutaler – die lokale Fracking-Firma oder die Naturschützer? Bild: NDR/Christine Schroeder

Die Hamburger Kommissare treffen im neuen „Tatort“ in der niedersächsischen Provinz auf zombiehafte Dorfbewohner und ein skrupelloses Fracking-Unternehmen. Wie realistisch ist diese Kombination?

          Ein Iraner wird vor einer Erdgas-Förderungsanlage ermordet. Schnell wird den Kommissaren klar, dass hier nicht Ausländerhass das Mordmotiv war. Was wusste Arash Naderi über die radikalen und seltsam abgestumpften Naturschützer im Ort, was wusste er über seinen Arbeitgeber „Norfrac“?

          Julia Grosz (Franziska Weisz) und Thomas Falke (Wotan Wilke Möhring) setzen nach und nach die fehlenden Puzzleteile zusammen und decken nicht nur den Mord, sondern auch einen spektakulären Umweltskandal auf.

          Wie gefährlich ist Fracking wirklich? Und wie leicht kann die Industrie Zwischenfälle tatsächlich verheimlichen? Der aktuelle „Tatort“ im Realitätstest.

          ***

          Frage 1: Im aktuellen Tatort gibt es in Niedersachsen mehrere radikale Naturschutzgruppen, die Probleme mit dem Verfassungsschutz haben (Minute 3/4). Beobachten Sie tatsächlich derlei Gruppen?

          Der radikale Naturschützer Jan Kielsperg (Rainer Furch) schreckt nicht einmal davor zurück, seine eigene Frau (Cristin König) zu bedrohen.

          Antwort von Anke Klein (Pressesprecherin vom Verfassungsschutz Niedersachsen):

          Dem Niedersächsischen Verfassungsschutz liegen derzeit keine Erkenntnisse über Aktivitäten extremistischer Umweltschutzorganisationen vor. Soweit radikale Naturschützer Gewalt anwenden, ohne dieses als übergeordneten Kampf gegen die freiheitlich-demokratische Grundordnung anzusehen, fallen Sie allerdings nicht in unsere Zuständigkeit, sondern in die der der Staatsanwaltschaft beziehungsweise der Polizei.

          ***

          Frage 2: Die Kommissare kommen in „Böser Boden“ einem unerhörten Umweltskandal auf die Spur: Die fiktive Firma „Norfrac“ vertuscht den Defekt einer Leitung, über die giftiges Lagerstättenwasser, ein Nebenprodukt des Frackings, in die Tiefe der Erde zurückgeführt werden soll. Bald ist ein ganzer See verseucht, die nahe Dorfgemeinde schwer erkrankt. Ein realistisches Szenario hierzulande?

          Werden von den Anwohnern bedroht: Shirin Naderi (Sanam Afrashteh, rechts) und ihr Sohn Kian (Yamen Nasoud). Wie viele Anwohner im Dorf, hat sich auch der Junge verändert, seitdem er im See gebadet hat.

          Antwort von Sina Schröder („Bund für Umwelt- und Naturschutz“ in Niedersachsen):

          Leider ist es kein ganz unrealistisches Szenario. Neben den unterirdischen Leitungen können auch Tanks und Zuleitungen leckschlagen oder durch falsche Bedienung auslaufen und in oberflächennahe Gewässer gelangen. So geschehen zum Beispiel 2013 in Wittdorf bei Rotenburg, wo größere Mengen Lagerstättenwasser ausgelaufen sind. Von Seiten der Unternehmen und der Politik liegt der Fokus für Fracking hier in Niedersachsen, wo 95 Prozent der deutschen Erdgasreserven liegen, aber leider nicht auf dem Schutz unserer Umwelt. Zwar hat der Schutz des Grundwassers Vorrang vor Wirtschaftsinteressen, in der Realität sehe ich das aber nicht. Unternehmen müssen seit Beginn des Jahres transparent machen, welche Chemikalien sie beim Fracking in den Boden jagen, viele davon schädigen die Gesundheit. Und sie holen, wie im „Tatort“ zu sehen, auch Stoffe aus dem Boden, die besser nicht an die Oberfläche gelangen sollten.

          Wir werden sehen, wie sich die Situation entwickelt, da nun der ehemalige Wirtschaftsminister Olaf Lies, der das Fracking-Moratorium in Niedersachsen beendet hat, als Umweltminister in der Großen Koalition im Landtag für Umweltbelange verantwortlich ist.
          Es gibt bereits viele neue Anträge für Fracking-Vorhaben. Neu ist, dass auch im niedersächsischen Wattenmeer, UNESCO-Weltnaturerbe, Explorationsbohrungen nach Erdgas und - vorerst - Produktionstests durchgeführt werden sollen. Für Anwohner ist es sehr schwer nachzuweisen, woher giftiges Wasser oder andere Umweltbelastungen tatsächlich stammen. Die Beweislast für einen durch Fracking verursachten Schaden liegt beim Geschädigten, Unternehmen können die Schuld also leicht von sich weisen.

          ***

          Der Dorfbewohner Günther verpachtet sein Feld an „Norfrac“. So rechtfertigt er sich vor seinen Mitbürgern: „Es gibt keinen Beweis, keinen einzigen Beweis für einen Zusammenhang zwischen Gesundheitsschäden und (Fracking)“ (Minute 49/50)

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