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Mainzer „Tatort“ mit Makatsch : Kriminelle Scharfsicht

Wird aus ihnen ein Trio Infernale? Anica Happich (links), Jan Bülow und Henriette Nagel Bild: SWR/Bettina Müller

Die Mainzer haben lange auf die Rückkehr des „Tatorts“ gewartet. Mit „Blind Date“, in dem Heike Makatsch auf ein hervorragendes Ensembles trifft, sind sie gut bedient.

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          Sie sieht nichts, wir sehen alles. Sie sieht nicht, wie ein junges Pärchen eine Tankstelle überfällt und den Mann hinter dem Schalter erschießt. Sie hört den Schuss, dann einen zweiten. Galt er ihr? „Müssen wir die jetzt auch erschießen?“, schreit eine Frauenstimme. „Die ist blind“, antwortet eine Männerstimme.

          Michael Hanfeld
          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Rosa Münch (Henriette Nagel) bleibt am Leben. Sie sitzt im Krankenwagen und bittet die Kommissare um ein Bier. Jeden Abend kommt sie an der Tankstelle vorbei, auf dem Heimweg von der Universität nach Hause und genehmigt sich zwei Flaschen. Das ist die kleine, große Freiheit in ihrem Alltag, in dem sie sich gefangen fühlt. Überbehütet von den Eltern, dem Vater ganz besonders, hat Rosa den Eindruck, dass sie gar kein eigenes Leben hat. Auf einem Auge hat sie eine Sehfähigkeit von einem Prozent. Die Aussicht auf das, was alle anderen haben, liegt für die vierundzwanzigjährige Jurastudentin bei null.

          Sie hat zwar nichts gesehen, aber sie hat alles gehört. Sie weiß sogar, wie die Täter riechen. Doch das hilft den Kommissaren Ellen Berlinger (Heike Makatsch) und Martin Rascher (Sebastian Blomberg) nicht weiter. Beide kommen zwar darauf, dass Sophie Hansen (Anica Happich) und ihr Freund Moritz Boldt (Jan Bülow) den tödlichen Überfall verübt haben könnten, im entscheidenden Moment aber sagt Rosa, sie erkenne Sophies Stimme nicht. Da hat Sophie, die extravagante BWL-Studentin, die sich in der Universitätsbibliothek neben sie setzt, Rosa, die sich von der Polizei nicht beschützen lassen will, längst um den Finger gewickelt.

          Stadtrundfahrt inklusive

          Wir sehen viel in diesem „Tatort“, dem zweiten, in dem Heike Makatsch und Sebastian Blomberg in Mainz ermitteln. Ihr erster Fall lief vor sage und schreibe dreieinhalb Jahren: eine düstere, ernste Geschichte, genau wie jetzt. Eines hingegen hat sich fundamental geändert. Der erste Fall dieses Duos spielt nämlich im Nirgendwo, vom Handlungsort war so gut wie nichts zu sehen, was nicht nur Lokalpatrioten ärgerte, die sich vielleicht sogar daran erinnern, dass hier zwischen 1978 und 1980 Nicole Heesters als erste weibliche Ermittlerin des „Tatorts“ zum Dienst antrat. Ihre Marianne Buchmüller, Leiterin der Mordkommission, kam leider nur auf drei Fälle.

          Und jetzt? Zeigt uns die Kamerafrau Cornelia Janssen Mainz von allen Seiten. Die Altstadt, die Oberstadt, den Campus, die dunkle Unterführung am Bahnhof. Wir sind mit Rosa zu Fuß unterwegs, im Bus, auf dem Motorrad, wir blicken vom Dach der mondänen Behausung, in der die rich kids Sophie und Moritz ein Loft haben (wir tippen auf die Nobelmeile am Zollhafen), auf den Rhein. Ein Panorama folgt dem nächsten. In der Nahsicht haben wir es nicht nur mit den drei Studenten zu tun, sondern mit Ellen Berlingers privater Geschichte. Sie hadert mit ihrer Rolle als alleinerziehende Mutter oder besser gesagt, sie hadert damit, dass ihre erste Tochter weg ist und sie ihrer zweiten, der aufgeweckten Greta (Elin Knipchild), nicht die Zuneigung entgegenbringt, die sie verdient hat.

          Ellen Berlingers existenzielle Melancholie könnte eine schwere Hypothek für diesen „Tatort“ sein, doch lässt sich der Drehbuchautor Wolfgang Stauch, der schon für mehr als ein Dutzend „Tatorte“ und „Polizeirufe“ das Skript geliefert hat, eine Volte einfallen, die alles auf den Kopf stellt. Warum Berlingers Kollege Rascher ein solcher Zyniker vor dem Herrn ist, wird uns nur ansatzweise verraten. Er vergeht fast vor Sorge um die Zeugin Rosa, im Verhör fährt er die größten moralischen Kaliber auf („Ihr seid ein Debakel für die Menschheit“), jeden Versuch der auch nicht gerade zu „meenzerischem“ Frohsinn aufgelegten Ellen Berlinger, etwas persönlicher zu werden, wehrt er indes entschlossen ab.

          Daraus kann noch etwas werden. Wobei die Regisseurin Ute Wieland, die dafür sorgt, dass wir es hier nicht nur mit interessanten Figuren, sondern auch mit einem haltbaren Spannungsbogen zu tun haben, die Latte ziemlich hoch legt. Und großartige Besetzungen wie Henriette Nagel und Anica Happich muss man erst einmal finden. Sie spielen in einer Geschichte, die wie eine Bonnie-und­-Clyde-Reprise beginnt, um diese dann wirkungsvoll zu sprengen. Von „Mainz, wie es singt und lacht“ ist (bis auf den Tonfall von Rosas Eltern) keine Spur. Und das ist ganz gut so.

          Der Tatort: Blind Date läuft an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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