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„Tatort“ aus Wien : Sie sind schon ein tolles Paar

Schau mir in die Augen, Kleiner: Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer). Bild: ARD Degeto/ORF/Hubert Mican

Für die Kommissare im Wiener „Tatort“ ist es nicht leicht herauszufinden, wer dem Mord zum Opfer fiel, den sie aufklären sollen. Vor allem aber haben die Kommissare Fellner und Eisner mit sich selbst zu tun.

          Den niedergestreckten Fuchs auf der Landstraße erwischt es auch noch post mortem. Pico Bello (Christopher Schärf) ist viel zu nervös, um das zu bemerken. Angespannt sitzt er hinterm Steuer und raucht, was der Filter hergibt. Gemeinsam mit Kumpan Edin Gavric (Aleksandar Petrovic) ist er auf „Monopoly-Tour“, will heißen, sie sammeln die Einnahmen des Rotlichtpaten „Dokta“ (Erwin Steinhauer) ein.

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Hat Edin nicht mitgekriegt, dass ihnen ein Wagen folgt? Auf einem Feldweg ist die wilde Fahrt im Siebziger-Jahre-Benz abrupt vorbei. Ein Kapuzenmann hat die beiden im Visier, ein Schuss fällt. „Ich glaube, wir haben ein Problem“, sagt Pico wenig später in sein Handy. Am anderen Ende meint Marko Jukic (Johannes Krisch), der für den „Dokta“ die unangenehmen Jobs erledigt, er werde sich kümmern.

          Womit wir bei der Leiche wären, welche die Kommissare Bibi Fellner (Adele Neuhauser) und Moritz Eisner (Harald Krassnitzer) ein paar Tage später in Augenschein nehmen. Sie ist bis zur Unkenntlichkeit verbrannt, die Zähne ausgeschlagen, die Polizei wird viel Mühe mit der Identifizierung haben. Kommissar Manfred Schimpf (Thomas Stipsits), der dritte im Bunde der Wiener „BK-Sonderkommission“, ist in seiner niedlichen Unbeholfenheit auch keine große Hilfe.

          Er ist der Punchingball im Dauerflirtgefecht zwischen Bibi Fellner und Moritz Eisner, bei denen das Private das Berufliche längst überlagert. Auf der Fahrt zum Fundort der Leiche fragt sie ihn, ob er ein Bonbon möge; er fragt sie, da ihm die Lutschtablette reichlich scharf erscheint, ob sie wieder saufe. „Na klar.“ Später wird er unsicher und will wissen, ob er manchmal unausstehlich sei. Antwort, wie aus der Pistole geschossen: „Na klar.“ Ob sie die Replik nicht wenigstens mit einem gewissen Zögern hätte vorbringen können? Nö, wieso denn?

          Ganoventreffen: Johannes Krisch, Christopher Schärf und Simon Schwarz (von links) spielen drei Figuren im Schlepptau des Rotlichtpaten „Dokta“.

          Nach Feierabend rufen sie sich gegenseitig an und geben sich Tipps für den Einkauf und die Abendgestaltung, von der man sich fragt, wann sie die endlich auch gemeinsam gestalten. Bei der Ermittlung verschweigt Bibi erst Moritz ihre Nachforschungen zu dem fürs Kriminelle viel zu naiven Inkasso Heinzi (Simon Schwarz), der in den Fall verstrickt ist. Dann meint Moritz, der sich beim Einbruch in Heinzis Wohnung von der Polizei überraschen lässt, er habe ihr die Haut gerettet, schließlich hat er die Tatwaffe gefunden. Nach dem Rapport beim Chef wiederum glaubt Bibi, sie habe den Kollegen aus der Bredouille geholt. So umflirten sich die beiden auf rührende Weise.

          Der Fall, den sich die Drehbuchautoren Stefan Hafner und Thomas Weingartner ausgedacht haben, ist überschaubar. Die Regisseurin Barbara Eder setzt gekonnt ein echt altwienerisch-balkanisches Milieu in Szene, der Kameramann Matthias Pötsch gibt dem Ganzen mit seinen Bildern Western- und Roadmovie-Atmosphäre. Hier geht es, das merkt man bald, nicht um große, sondern überschaubar organisierte, regionale Mittelstandskriminalität der alten Schule.

          Das beginnt mit dem „Dokta“, den Erwin Steinhauer als urbiederen Spießer gibt, der sich auf seine alten Tage als Winzer versucht, beim Verhör in aller Gelassenheit seine Brotzeit auspackt und ein hartgekochtes Ei pellt. Und es setzt sich fort mit all den anderen, wunderbar stilechten Typen mit den sprechenden Ganovennamen wie Pico Bello und Inkasso Heinzi. Mit den beiden schließt sich der Kreis, dessen Mitte eine romantische Liebesgeschichte bildet und nicht die titelgebende „Marie“, also das Geld, das sich die Eintreiber des „Dokta“ zu Beginn haben abjagen lassen. Der Rest ist Melancholie.

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