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Der „Tatort“ aus München : Wir sind doch alle nur Personal

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Personal Jesus: Ludwig Schneider (Andreas Döhler), der Anführer der Freiländer, verteilt beim Abendmahl die Suppe. Bild: BR

Angestellt beim Staat? Gelenkt vom einer höheren Macht? Im Münchner „Tatort – Freies Land“ ermitteln die Kommissare Leitmayr und Batic unter „Reichsbürgern“.

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          Die einprägsamte Aufnahme des neuen „Tatorts“ aus Münchens ist eine Abendmahlsszene: ein Prediger im Kreis seiner Jünger. Die Tische befinden sich in einem Hof fernab von München. Der Heiland im Mittelpunkt zählt zur sogenannten „Reichsbürgerbewegung“. Er scheint ganz beseelt von seiner Rolle, geht ganz in ihr auf. Nur sind seine Stunden womöglich gezählt. Das bringen Abendsmahlsbilder seit Da Vinci nun einmal so mit sich.

          Oder soll die Aufnahme bloß bedeuten, dass hier einer an einem messianischen Gesamtkunstwerk baut? Einer, der zu allem fähig wäre, würde sein Kunstwerk bedroht? „König Ludwig“ wird die ideologische Führerfigur von den Polizisten des kleinen Orts in Niederbayern genannt, in dem sich eine Gruppe von Aussteigern mit stacheldrahtbesetzten Metallwänden („Ausweis unaufgefordert vorzeigen“) von der Außenwelt abgrenzt. Hochachtungsvoll meinen die Ordnungshüter das nicht.

          Tatsächlich heißt der Mann Ludwig Schneider, ein zum Beruf-Charismatiker gewordener Koch aus Siegen, den Schauspieler Andreas Döhler mit einem reizvollen Hauch Schwermut spielt: Dieser Mensch könnte auch ganz anders. Nahe der tschechischen Grenze verfügt Schneider über einen zwölf Hektar großen Flecken Land, den er als eigenes Staatsgebiet betrachtet; eine Alternative zur Bundesrepublik, die seine Anhänger – neben schlichteren Gemütern sind darunter auch warmherzige Aussteiger, die sich nach der Sonnenseite des Lebens sehnen – für eine von „Marionetten aus Washington und Tel Aviv“ gelenkte „GmbH“ halten.

          Wenn nichts mehr hilft

          Jedem, der im Wirrwarr der Gegenwart Antennen für solch pseudojuristisch unterfütterten Verschwörungstheorien bekommen hat, wird bei Schneider geholfen. Seine Gemeinschaft betreibt eine Hotline, die GEZ-Kritikern und Querulanten praktische Tipps gibt; sie vermittelt bei Bedarf auch Choleriker, die Richter und Gerichtsvollzieher am Telefon den Marsch blasen können. Zudem drucken sie ihre eigenen Ausweise. Die „Info-Abende“, bei denen Gäste auf die verräterische Bezeichnung des Personalausweises aufmerksam gemacht werden – „Personal, das sind Sie, nichts anderes!“ –, sind gut besucht. Bei einem dieser Info-Abende sind die Hauptkommissare Ivo Batic (Miroslav Nemec) und Franz Leitmayr (Udo Wachtveitl) zugegen. Sie wurden durch einen Toten in einer Badewanne in München, der vom „Freiland“-Gelände in die Großstadt zurückgekehrt war, auf Schneider aufmerksam. An einen Suizid glaubt so recht niemand.

          Aber die Bewohner des Freistaats im Freistaat, zu der auch die gelernte Erzieherin Lene (Anja Schneider) zählt, die den Hausunterricht der Kinder übernimmt, um ihnen das öffentliche Schulsystem zu ersparen, öffnen nicht einmal das Tor. Kommissare aus München werden von Schneider und Konsorten nicht stärker respektiert als die vom Reichsbürger-Querulantentum bereits gelähmten Dorfpolizisten. Kommt es doch zum Gespräch, werfen die Bewohner des „Freilands“ mit Paragraphen um sich und nehmen jedes Wort von Batic und Leitmayr mit der Handykamera auf, um es ins Netz zu stellen.

          Wie kann das Duo, das hier einmal mehr wie ein schrulliges Ehepaar auftritt – „Bist jetzt wieder bockig?“ –, unter diesen Umständen ermitteln? Über das blinde Mädchen vielleicht (Vreni Bock), das beim Gastwirt Alois aushilft (Peter Mitterrutzner). Man würde vermuten, dass in solchen Situationen irgendwann nur noch der Anruf beim Spezialeinsatzkommando hilft.

          Drehbuch-Autor Holger Joos, der sich bei der Figur Schneiders von den Schlagzeilen um Peter Fitzek inspirieren ließ, dem Gründer des „Königreichs Deutschland“ in Sachsen, hat ein Gespür für skurile wie melancholische Szenen. Die Geschichte mäandert hübsch hin und her. Dass er die Reichsbürger vor allem als „Symptom einer sich immer weiter zersplitternden Gesellschaft“ auffasst, „in der sich immer mehr Menschen abgehängt und verloren fühlen“, versteht man auch ohne „Autoren-Statement“ im Begleitmaterial.

          Ein überraschende Sicht auf das Thema gelingt Joos und dem Regisseur Andreas Kleinert jedoch nicht. Das könnte aber auch an einer gewissen Ermüdung des Zuschauers durch diese Art von Thema liegen: Erst im Schwarzwald-„Tatort“ „Sonnenwende“ war von Aussteigern die Rede, die im dortigen Fall einer völkisch-okkulten Ideologie anhingen, und im „Polizeiruf 110: Demokratie stirbt in Finsternis“ ging es um einen „Prepper“ mit Bauernhof, der sich in der Isolation auf die große Katastrophe vorbereitet. Abgewandte Rücken, wohin das Auge blickt. Dem Duo Nemec-Wachtveitl aber schaut man dennoch gern zu. Kameramann Johann Feindt („Goster“) sorgt für liebevoll komponierte Bilder. Und auch den Wurstautomaten im „Tatort – Freies Land“ sollte man gesehen und vor allem gehört haben. Arme Würstchen.

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