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„Tatort“ aus Ludwigshafen : Das Leben, das sie nicht wollte

Aus ihnen wurde kein Paar: Ben Becker als Dorfpolizist, Ulrike Folkerts als Kommissarin Odenthal Bild: SWR

Im neuen „Tatort“ feiert Ulrike Folkerts dreißigjähriges Dienstjubiläum als Kommissarin Lena Odenthal. Es verschlägt sie in die Westpfalz, wo sie einen alten Bekannten trifft. Gut enden kann das nicht.

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          Nach achtundzwanzig Jahren kehrt Lena Odenthal (Ulrike Folkerts) an den Tatort zurück: in die Westpfalz, nach „Zarten“. Dort, am Rand der Republik, spielte seinerzeit ihr dritter Fall – einer, der so ernst genommen wurde, dass er sogar zu einer Debatte im Landtag führte. Im Film ging es um den Mord an einem Spätaussiedler, bei dem jeder im Dorf in Verdacht kam. Der Verschwundene hatte als Einziger sein Land nicht für eine Industrieansiedlung verkaufen wollen, von der sich die Zartener den großen Aufschwung versprachen. Alle schwiegen, alle steckten unter einer Decke. Nur ein junger Polizist stand der Kommissarin bei. Er hatte seinen Dienst gerade erst angetreten und half, den „Tod im Häcksler“ aufzuklären. Diesen Stefan Tries von damals trifft die Kommissarin nun wieder. Erschüttert läuft er übers Feld. Hinter ihm liegen sein zerstörter Streifenwagen und der neue Tatort, an dem sein junger Kollege bei einer Fahrzeugkontrolle erschossen wurde. Tries ist fassungslos – und verdächtig. Gegen ihn und seine Polizeiwache wird wegen des Verdachts der Korruption und des Drogenhandels ermittelt. Nur einer war unverdächtig – der erschossene Benny Hilpert (Max Schimmelpfennig).

          Michael Hanfeld

          verantwortlicher Redakteur für Feuilleton Online und „Medien“.

          Die gegenwärtige Reise ist auch eine in Lena Odenthals Vergangenheit. Nicht irgendetwas ist faul in Zarten; in Zarten ist alles faul. Das bemerkt Odenthal sofort. Die Polizisten wohnen in schicken neuen Häusern, alle an derselben Straße mit dem klingenden Namen „Bullenweide“ – draußen große Autos, drinnen Einbauküchen. Das Revier weist die geringste Kriminalitätsrate im ganzen Bundesland auf. Kein Wunder, dass die interne Ermittlung anreist und in der Kegelbahn der Dorfgaststätte ihr Lager aufschlägt.

          „Wir sind Lichtjahre voneinander entfernt“

          Verwunderlich wiederum, wie wankelmütig Lena Odenthal ermittelt und wie ambivalent sie sich gegenüber dem zum Dorfpaten aufgestiegenen Stefan Tries verhält. Verdächtig macht er sich vom ersten Augenblick an, und doch trauerschwelgen die beiden abends beim Rotwein und einer Runde Koks in alten Zeiten. Genauer: Er trauert. Sie ist in ihrer selbstgewählten Einsamkeit ganz bei sich und erklärt, wieso aus den beiden vor achtundzwanzig Jahren nichts werden konnte: „Wir sind Lichtjahre voneinander entfernt. Zwei Planeten, die sich niemals getroffen hätten. Ein Zufall, ein gewürfelter Moment. Darauf kann man doch kein Leben bauen.“

          Von solch aufgesagt pathetischem Zuschnitt sind die Dialoge, die Stefan Dähnert ins Drehbuch geschrieben hat, leider zuhauf. Dähnert verfasste auch die legendäre Episode „Tod im Häcksler“, bei der seinerzeit der heutige Ufa-Chef Nico Hofmann Regie führte. Viele Fäden von damals nimmt das Drehbuch nun auf: die Geschichte von Odenthal und Tries, die einer verschworenen Dorfgemeinschaft, die der immer noch trostlosen Provinz, in der es kein glückliches Leben gibt. Auch der Häcksler, der 1991 eine Rolle spielte, taucht wieder auf, diesmal droht die Kommissarin damit kleingemacht zu werden.

          Und so sahen die beiden 1991 aus: Ben Becker und Ulrike Folkerts im „Tatort: Der Tod im Häcksler“.

          Es gehe um die „Ambivalenz zwischen Lokalpatriotismus und dem Griffnach der Heimat als rechtsfreier Raum“, sagt der Drehbuchautor Dähnert. Diese Ambivalenz freilich bekommt das Publikum vom „Tatort“ seit Jahr und Tag in der einen oder anderen Form angeboten. Das Framing lautet: Vom Land kann man nur flüchten, tut man es nicht, wird man es bitter bereuen. In den Bildern, die der Kameramann Jürgen Carle beisteuert, sieht das alles schön grau und verregnet aus, nur passt sonst unter der Regie von Brigitte Maria Bertele wenig zusammen. Um die Handlung voranzutreiben, braucht es an den richtigen Stellen Zufälle. Auch die Figuren in diesem Film, der gern ein so wuchtiger Western aus der Westpfalz wäre wie anno 1991, überzeugen nicht. Ulrike Folkerts hat ihre Kommissarin selbstverständlich im Griff. Von dem Außergewöhnlichen, den Funken, die da sprühen – im Zusammenspiel mit Ben Becker als Stefan Tries –, und der starken, neuen Konstellation mit Lisa Bitter als Kommissarin Johanna Stern, von der Ulrike Folkerts im Begleitheft der ARD spricht, ist aber keine Spur. Die einstige Aufstellung mit Andreas Hoppe als Kommissar Mario Kopper gab mehr her. Ben Becker wirft sich routiniert in die Rolle des Dorfsheriffs, die noch die dankbarste ist, weil es hier um jemanden geht, der an seiner eigenen Unzulänglichkeit verzweifelt und nicht mehr weiterweiß, was aber bis zum Ende hin niemand versteht.

          Was war das noch für ein Aufhebens, 1991, als der „Tod im Häcksler“ lief. Der Film wurde gerügt, weil die Region als „Pfälzisch Sibirien“ erschien. Der damalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle lud Ulrike Folkerts zu einer Wanderung durch die schöne Westpfalz ein, die die Schauspielerin auch antrat. Hätte der „Tatort“ heute noch die Bedeutung von damals, wäre die nächste Runde im Mainzer Landtag fällig.

          Doch vielleicht haben im Umgang mit Fernsehfiktion alle dazugelernt und lassen den Film, den der Südwestrundfunk zum dreißigjährigen Dienstjubiläum von Ulrike Folkerts als Kommissarin Lena Odenthal produzierte, die hier ihren siebzigsten Fall löst, in seiner gediegenen Rührseligkeit einfach so stehen. Und sehen zu, wie Ben Becker eine Vinyl-Single auflegt. Und hören zu, wie Bob Dylan singt: „Lay, Lady, lay“.

          Der Tatort: Die Pfalz von oben läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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