https://www.faz.net/-gsb-9zgrw

„Tatort“ aus Köln : Ist Unrecht nur verrücktes Recht?

  • -Aktualisiert am

Max Ballauf (Klaus J. Behrendt, vorn) ist im Dienst, aber nicht richtig da. Er wendet sich ab, während Rechtsmediziner Dr. Joseph Roth (Joe Bausch) und Freddy Schenk (Dietmar Bär) die Leiche von Prof. Krüger (Thomas Fehlen) untersuchen. Bild: WDR

Im sehenswerten Kölner „Tatort“ ermittelt Kommissar Ballauf in der geschlossenen Psychiatrie. Regisseurin Isa Prahl setzt das schnörkellos und präzise in Szene.

          2 Min.

          „Wir sitzen beide in einem Gefängnis, Herr Ballauf. Ich in dieser Klinik und Sie in Ihrem Kopf.“ Julia Frey (stark: Frida-Lovisa Hartmann) trifft den Nagel auf den Kopf. Wegen Eigengefährdung per Gerichtsurteil in die Psychiatrie zwangseingewiesen, sieht sie sich verfolgt und bedroht. Der Gutachter erkennt darin den Beweis für ihre schizophrene Psychose. Klassischer Fall von Wahnvorstellungen. Oder vielleicht das perfekte Komplott, das sich ihre psychische Instabilität zunutze macht? Sie malt den Kommissar mit offenen Brustkorb. Max Ballauf (ebenfalls stark: Klaus J. Behrendt) sieht ebenfalls Gespenster, vielmehr das der Kollegin Melanie Sommer (Anna Brüggemann), die er in der Folge „Kaputt“ erschoss.

          In den Sitzungen mit der Polizeipsychologin Lydia Rosenberg (Juliane Köhler) verliert er kein Wort, Freddy Schenk (Dietmar Bär) schweigt er an, beim Schwimmen erscheint ihm Sommers Gestalt selbst unter Wasser. Die Ermittlung in der Geschlossenen wird zu seiner Angelegenheit. In Freys Patientenakte gibt es auffällige Fehldiagnosen. Obwohl der Leiter der Klinik eine anerkannte Koryphäe ist, wie seine Stellvertreterin Dr. Koch (Adina Vetter) nicht müde wird zu betonen. Eine tote Koryphäe allerdings. Die Sache mit Julia wachse ihm über den Kopf, so lautet seine letzte SMS an den Anwalt Florian Weiss (Andreas Döhler), der mit ihrer Schwester Tine (Franziska Junge) verheiratet ist und ein Baby hat – das Kind von Julia, wie sich herausstellt. Die Abtreibung hatte man ihr verwehrt.

          Während Ballauf sich für Julias Entlassung starkmacht, tut sich eine heiße Spur auf. Der Tote war wegen Vergewaltigung angezeigt worden. Man hatte die Sache mit Geld geregelt. Dem Opfer hat das nicht geholfen: Beim Putzen im Tennisverein ergießt sich das Wasser im schmutzigen Schwall über den Boden. Und weder im nächtlich beleuchteten Schwimmbad noch im Zwielicht der Sportumkleide oder, zuletzt, in einem Luxusbadezimmer lassen sich Schuld und Gewissensfragen wegspülen. Moritz Antons Bildgestaltung übersetzt (Ausnahme-)Zustände in eine klare visuelle Sprache. Das Drehbuch von Christoph Wortberg bedient zwar manches Psychiatrie-Klischee (pro Krankheit ein exemplarischer Patientenfall), lässt Fragen auffällig offen, bespielt aber auf starke Weise die Seelenverwandtschaft zwischen Julia Frey und Max Ballauf. Er möchte sie freibekommen wie sich selbst.

          „Gefangen“ gehört zu den überzeugendsten „Tatorten“ des WDR aus Köln, wo man ja Sozialkritik gern mit Sozialklischee in eins nimmt, aber immer der polizeilichen Ermittlungsarbeit verpflichtet bleibt. Nach Roeland Wiesnekkers furioser Vorstellung als Ballaufs und Schenks Kollege in „Weiter immer weiter“ ist er der sehenswerteste der letzten Zeit. Regisseurin Isa Prahl setzt die Story mit genauem Blick auf ihre Schauspieler schnörkellos und präzise in Szene. Nicht mal Polizist Jütte (Roland Riebeling) muss mehr Mätzchen machen.

          Tatort: Gefangen, Sonntag, 20.15 Uhr, ARD.

          Weitere Themen

          Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet Video-Seite öffnen

          Unesco-Welterbe : Drei deutsche Kurstädte ausgezeichnet

          Die deutschen Kurstädte Baden-Baden, Bad Ems und Bad Kissingen sind in die Liste des Unesco-Welterbes aufgenommen worden – neben Kurstädten in weiteren Ländern Europas. Auch die Künstlerkolonie Mathildenhöhe in Darmstadt schaffte es neu auf die Liste.

          Wenn der Hass sich Bahn bricht

          „Tatort“ aus Köln : Wenn der Hass sich Bahn bricht

          Im Kölner „Tatort: Kaputt“ geht es um Hass auf die Polizei, auf Schwule und Frauen. Zu Pfingsten vor zwei Jahren lief er zum ersten Mal. Lohnt sich die Wiederholung? Unser Kritiker fällt ein eindeutiges Urteil.

          Topmeldungen

          Impfgegner demonstrieren in Athen

          Impfdruck in Griechenland : Mit Zuckerbrot und Spritze

          Auch Griechenland führt wie Frankreich und Italien eine partielle Impfpflicht ein. Fast ein Drittel der Griechen will sich nicht impfen lassen, Anreize haben nicht gewirkt.
          Im Fokus: Die Machenschaften der chinesischen Hacker.

          Mysteriöse Website : Wer jagt Chinas Hacker?

          Auf einer Website werden chinesische Hacker enttarnt. Das Material wird sogar vor Gericht verwendet - in den Vereinigten Staaten.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.