https://www.faz.net/-gsb-9z8r9

„Borowski“-Tatort : Vom Fallen und vom Fliegen

Im Nahkampf: Die Kommissare Mila Sahin (Almila Bagriacik, links) und Klaus Borowski (Axel Milberg) mit der Polizeischülerin Nasrin (Soma Pysall). Bild: NDR/Christine Schroeder

Vor den Augen der Kommissare Borowski und Sahin geschieht an der Polizeiakademie ein Mord. Was ist mit der Täterin los? Und was mit den anderen? In diesem „Tatort“ spielen junge Talente groß auf.

          2 Min.

          Stimmen im Kopf, das hatten wir doch gerade erst im „Tatort“: In Göttingen wurden vor ein paar Wochen die sonst so kühl kalkulierenden Kommissarinnen von Techno-Verbrechern mit futuristischem Gedankenfunk fast in den Wahnsinn getrieben. In Kiel bleiben nun der Kommissar Klaus Borowski (Axel Milberg) und seine Kollegin Mila Sahin (Almila Bagriacik) trotz professioneller Erschütterung zwar beide geistig gesund, sehen sich aber als Ausbilder, Tatzeugen und Aufklärer in Personalunion einer Polizeischülerin gegenüber, die offensichtlich an einer Psychose leidet.

          Ursula Scheer

          Redakteurin im Feuilleton.

          Sobald die Ermittler von Nasrin (Soma Pysall) wissen wollen, was in der Nacht vor dem Tag geschah, an dem es in der Polizeiakademie zu einem Massaker auf offener Bühne kam, windet sich die junge Frau wie unter starken Schmerzen. Auf der Tonspur hören wir verzerrte Stimmen, und die klangliche Qual steigert sich durch überfallartige Rückblenden. In Spiegelung scheint lückenhaft auf, was Nasrins Geist durchzuckt und sie als real erlebt: aufblitzende Bilder (Kamera Lukas Gnaiger) von Männern, einem blonden Mädchen, ihr selbst mit einem Messer an der Kehle. Ein reaktiviertes Trauma, soviel ist schnell klar. Doch worin genau besteht es? Geht es um sexuelle Gewalt? Und was hat das alles damit zu tun, dass Nasrin eine Freundin aus Kindertagen in den Tod hat springen sehen und wenig später einer ihrer Kollegen in Borowskis Armen verblutete?

          Der Kommissar will das tödliche Rätsel lösen, indem er jedem, der mit dem Fall zu tun hat, ein paar aufgeschnappte sexistische Reizworte entgegenwirft. Wenn er dabei nicht sein abgründiges Borowski-Gesicht machte, wirkte das ziemlich kindisch. Die Kommissarin boxt sich mit stoischer Miene am Sandsack den Druck von der Seele, setzt ihr Gegenüber bei Befragungen aggressiv unter Druck und muss sich von Borowski das als Fehler der Jugend vorhalten lassen. Woraufhin die Heißspornin und der mit der Ruhe des Alters Begnadete sich gehörig in die Wolle bekommen.

          Der Jugend nämlich gehört diese Episode „Borowski und der Fluch der weißen Möwe“ (Buch Eva und Volker A. Zahn), die wie so viele Folgen der Krimireihe die Psyche von Polizisten ausleuchtet; dieses Mal allerdings nicht so sehr den Seelenhaushalt des Duos Borowski und Sahin, sondern das Innenleben potentieller Kommissare von morgen. Für sie räumt der Regisseur Hüseyin Tabak bei seinem Fernseh- und „Tatort“-Debüt die Bühne frei.

          Platz da für die Newcomer, heißt es von der ersten Szene an: Da rasen, auf zwei Einsatzwagen verteilt, die Polizeischüler übungshalber mit Blaulicht durch die Stadt. Zum Überschwang rappt Sero alias Stefan Hergli, der hier in der Rolle des Nachwuchspolizisten Leroy zum ersten Mal als Schauspieler auftritt, mit seiner Schulfreundin Almila Bagriacik einen Song übers Fallen und Fliegen. Damit ist das Thema gesetzt: Vor dem Absturz stehen nicht nur ein drogensüchtiges Mädchen, ein Familienvater und der Polizeischüler Tobias (Enno Trebs). Auffangen können die Kommissare keinen, aber vielleicht jemanden daran hindern, den Nächsten in die Tiefe zu stoßen – oder selbst zu springen.

          Seine besten Momente hat dieser „Tatort“, wenn noch nicht in Souveränität erstarrte Spielfreude sich beim Spiel im Spiel entlädt, in der Darstellung innerer Zusammenbrüche und schwindelerregender Hilflosigkeit auf dem vom Wind umtosten und den titelgebenden Möwen umschwirrten Dach eines Hochhauses. Die Herkunft der Figuren spielt keine Rolle. Dass die beiden Frauen mit türkischen Wurzeln boxen, dass sie Kämpferinnen sind, ist eine Randnotiz, und Kida Khodr Ramadan spielt einen Kioskbesitzer mit blonder Tochter, dessen Vorname nach Italien und Nachname nach Osteuropa weist. Schnelle Urteile oder Vorurteile sind ausgeschlossen. Das Ensemble überzeugt, und Schockmomente halten die Spannung hoch. Und doch entsteht insgesamt ein wirrer Fall, eher ein aufgescheuchtes Flattern der Möwe als ein souveräner Flug.

          Tatort: Borowski und der Fluch der weißen Möwe, Sonntag 20.15 Uhr im Ersten

          Weitere Themen

          Topmeldungen

          Coronavirus-Pandemie : Trump trägt jetzt Maske

          Amerikas Präsident lehnte es lange ab, wegen der Corona-Pandemie eine Gesichtsmaske zu tragen. Nun zeigt sich Donald Trump doch mit Mund-Nasen-Schutz. Die Zahl der Neuinfektionen in seinem Land steigt unterdessen auf ein neues Rekordhoch.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.