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Der „Tatort“ aus Frankfurt : Schießbudenfiguren mit falschen Bärten

  • -Aktualisiert am

Verloren in verlassenen Orten: Emily Fisher (Emilia Bernsdorf) sucht in einer alten Fabrikhalle nach Spuren ihres toten Freundes Sebastian. Bild: HR

Willkommen im lauwarmen Krieg: Der Frankfurter „Tatort“ wirbt den klassischen Agenten-Thriller an, echte Spannung aber kommt nicht auf.

          3 Min.

          „Sind wir jetzt wieder im Kalten Krieg?“ Was Hauptkommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) so dahinsagt angesichts eines steinzeitlichen Kurzwellensenders, mit dem offenbar Geheimnachrichten aus einer Frankfurter Villa gefunkt wurden: „Da kann nichts gehackt werden, und du kannst über Riesenentfernungen Nachrichten verschicken“, begeistert sich Technik-Lakai Jonas (Isaak Dentler); „da kann für jedes Land spioniert werden, China, Iran, Russland“, kapiert Paul Brix (Wolfram Koch). Das bringt in amüsanter Inversion eine doppelte Sehnsucht auf den Punkt. So dürften nicht nur Agenten voller Falsche-Bärte-Nostalgie an die ideologiegläubigen Jahrzehnte zurückdenken, in denen Spionage noch Handarbeit war und kein tumbes Big-Data-Hacking. Auch das Kino erinnert sich noch gern an die Zeiten der edellangweiligen John-le-Carré-Verfilmungen, in denen hinter jeder Identität eine zweite, dritte, vierte lauerte, während systemtechnisch alles überschaubar dualistisch blieb.

          Die grandiose Spionageserie „The Americans“ hat diese gesamte Ära vor einigen Jahren noch einmal auferstehen lassen; jetzt versucht es auch der „Tatort“, allerdings in einer Art Zombieerwachen des angejahrten Agententhrillers inmitten der monotonen Gegenwart, die hier etwa durch alberne E-Scooter symbolisiert wird.

          Glaubwürdig oder auch nur stimmig ist an der Geschichte wenig, aber das hat in diesem Genre ja noch nie groß gestört. Dafür überhäuft uns der Film von Stanislaw Mucha nach einem Drehbuch von Stephan Brüggenthies und Andrea Heller mit Pokerface-Szenen und provokativ falschem Grinsen, allen voran von Gretchen Fisher, der Bewohnerin besagter Villa, die offiziell für das US-Konsulat arbeitet. Gespielt wird sie von Tessa Mittelstaedt, noch erinnerlich als Assistentin Franziska aus dem nicht eben für feinsinnige Mimik bekannten Kölner „Tatort“. Hier aber ist das falsche Grinsen gewollt. Es sagt: Ich kenne eure „Tatort“- Methoden; sie reichen einfach nicht.

          Die eigene Vergangenheit löst sich in Fiktion auf

          Mucha und Johannes Monteux (Kamera) tauchen die Handlung in eine kühl bläuliche Optik. Sie setzen uns gleich zu Beginn – mehrere Erzählstränge werden verwirrend montiert – in die Position eines Beobachters zweiter Ordnung. Und doch wissen die Zuschauer nicht, ob sie alles sehen, wenn sie den Mann am Nachtsichtgerät sehen. Sicher ist nur, dass der neunzehnjährigen Sebastian, der Nachbar der Fishers, in einer alten Fabrikhalle tot aufgefunden wird und sein alleinerziehender Vater (Henning Peker) angesichts dieser Nachricht mit peinvoller Verzögerung zusammenbricht. Der Ermordete – das findet ein wieder einmal schräger Pathologe schnell heraus – hatte sich am Abend mit der Tochter der Fishers treffen wollen, um einen der von ihm für das Netz dokumentierten „Lost Places“ aufzusuchen. Ein Date also. Deshalb hatte sich Emily (Emilia Bernsdorf) in den ersten Szenen hübsch gemacht und dann vergeblich – und beobachtet – an einer dunklen Ecke gewartet.

          Auch Emily zeigt mehrere Gesichter, mal unschuldig kindlich, mal aufbrausend pubertär, mal erwachsen verführerisch. Dennoch ist sie die einzig greifbare, integre Figur. Und ebendeshalb stehen ihr Desillusionierungen bevor: Vor ihren Augen löst sich die eigene Vergangenheit in eine Fiktion auf, wird das Familienheim zum feindlichen Gelände. Dass Mütter ihren Töchtern nachspionieren, mag ja normal sein, aber so unerbittlich wie hier wohl nicht. Emilys Vater (Kai Scheve) wiederum scheint ein ausgewachsenes Aggressionsproblem zu haben. Ob das aber mit dem Tod des Nachbarjungen und seinen Internetvideos in Verbindung steht, bleibt lange offen.

          Dass der Film trotzdem nicht so recht zündet, liegt vielleicht daran, dass er es mit den halbernsten Agentenfilm-Zitaten übertreibt: Die konspirativen Treffen auf öffentlichen Plätzen gehen noch an, die Kurzwellen-Funkerei ist amüsant, aber bei der „Operation Gekrakel“ der CIA wird es zu bunt. Die Folge ist, dass die ohnehin wenig überzeugenden Charaktere seltsam verloren wirken zwischen Persiflage und Dramatik. Dass Gretchen und ihr Mann, weil sie ja Amerikaner sein sollen, ihren akzentfreien deutschen Sätzen häufig noch die englische Version hinterherknödeln müssen – „Familienangelegenheiten ... Family Business“ –, wirkt nachgerade lächerlich. Auch die einander kabbelnden Kommissare sind diesmal eher Schießbudenfiguren, die lieber Würste am Mainufer grillen, statt es mit der opaken Weltmacht der Schlapphüte („Ihr seid die Bösen“) aufzunehmen.

          Die Ebene der Familienstreitigkeiten, das „FridaysforFuture“-Engagement Emilys oder Sebastians Aktivitäten rund um die „Lost Places“, an denen noch ein Freund (Leon Seidel) beteiligt war, all das wird so uninspiriert angerissen, dass es lediglich behauptet wirkt. Und vielleicht auch so wirken soll, denn es gilt ja: „Es ist alles Lüge.“ Das schmälert den Reiz dieses Krimis nicht unerheblich. Gemütlich anschaubar ist er dennoch, schon allein, weil es bei der Ausschaltung einer zur Gefahr werdenden Person schließlich eine erstaunliche Parallele zu realen Geheimdienstaktivitäten aus der jüngsten Zeit gibt, die einen wirklich glauben lassen könnten, wir seien wieder im Kalten Krieg.

          Der Tatort: Funkstille läuft am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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