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Der „Tatort“ aus Frankfurt : Kein Halali für Hasen

  • -Aktualisiert am

„Taxi Driver“ lässt grüßen: Biggi Lohmann (Katharina Marie Schubert) nimmt ihr Spiegelbild ins Visier. Bild: HR

Zwischen Komik und Kopfschuss: Im „Tatort“ aus Frankfurt türmen sich nach einem Versicherungsbetrug die Leichen. Und Rezepte werden auch noch ausgetauscht.

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          Biggi Lohmann schnappt sich ihren Revolver, schaut in den Spiegel und zielt. Sie wendet sich ab, stiert ins Nichts, vollführt eine schnelle Drehung und nimmt sich abermals ins Visier. Dann das gleiche Spiel nochmal: wegschauen, hinschauen, anlegen. Mit dieser Figur, das weiß der Zuschauer sofort, wird es übel enden. Biggis kleine Choreographie ist nämlich keine bedeutungslose Duellprobe, sondern ein Zitat. Seit Robert De Niro alias Travis Bickle in der ikonischen Szene aus Martin Scorseses „Taxi Driver“ immer wieder eine Pistole gegen sein Spiegelbild gerichtet hat, kann aus diesem Verhalten nur eines folgen – exzessive Gewalt.

          Nun spricht nichts dagegen, sich vor einem Klassiker der Kinogeschichte zu verbeugen. Die Reverenz hebt allerdings die unterschiedlichen Fallhöhen beider Filme hervor. Biggi (Katharina Marie Schubert) ist eben keine hintergründige New-Hollywood-Gestalt, sondern die etwas hölzerne Protagonistin eines von Emily Atef inszenierten Frankfurter „Tatorts“ namens „Falscher Hase“. Der Titel mag nach feinem Anspielungsgeflecht klingen, meint jedoch in der Tat Hackbraten. Und der will richtig zubereitet sein. Biggis Trick: „Buttermilch und Gelatine, dann wird der so ganz zart und saftig.“ Stimmt die Konsistenz, geht es an den Geschmack, und da helfen vor allem, man möchte es sich kaum vorstellen, Anchovis und Sojasoße. Kommissarin Anna Janneke (Margarita Broich) lässt sich auf die lukullische Unterweisung ein und vergisst im Angesicht des falschen Hasen prompt die falschen Fährten, denen sie in der Ermittlung nachgeht. Lieber erinnert sie sich an den Braten ihrer Mutter: „Der war auch immer hervorragend.“

          Schießwut und Hackfleischgenuss

          Man könnte dieser zahmen Küchenschlacht stundenlang folgen, wäre da nicht noch ein Fall, der gelöst werden muss. Biggi und ihr Mann Hajo (Peter Trabner) führen ein Unternehmen für Solarmodule, das kurz vor der Pleite steht. Weil alles andere weniger naheliegend ist, versuchen sie sich an einem Versicherungsbetrug und fingieren einen Raubüberfall. Sie fesselt ihn an einen Stuhl und zielt auf sein Bein. Er zappelt, ist nervös. „Bist du dir denn sicher, dass das die richtige Stelle ist?“, fragt er mit weinerlicher Stimme. „Wir haben das doch tausendmal gegoogelt“, entgegnet sie. So geht es – dank Peter Trabner durchaus witzig – hin und her, bis Biggi schließlich abdrückt. Dann spaziert Jürgen (Thorsten Merten), ein Sicherheitsmitarbeiter, überraschend zur Tür herein. Weil Biggi sich gerade warmgeschossen hat, bringt sie ihn mit einem Treffer zwischen die Augen kurzerhand zur Strecke. Keine Absicht, mehr ein Reflex.

          Ernst muss man das alles nicht nehmen, denn der Erzählton ist mal finster und ambitioniert, dann wieder flapsig und scherzhaft. Doch Kopfschusstragik und Hackfleischgenuss liegen hier enger beieinander, als der Handlung guttut. Emily Atef sagt: „Für mich als Autorin und Regisseurin ist es eine schwarze Komödie, aber für die Figuren selbst ist es ein krasses Drama.“ So krass tatsächlich, dass ein Toter nicht reicht. Nachdem Biggi und Hajo ihren guten Plan miserabel umgesetzt haben, melden sich zwei Kleinganoven bei ihnen, die auf das Versicherungsgeld scharf sind. Als dann noch Großganoven auftauchen, feiert die Schießwut fröhliche Urständ, und die Ermittlung wird für Anna Janneke und Paul Brix (Wolfram Koch) so nebulös wie das Novemberwetter in fast jeder Einstellung.

          Zu Beginn unterhalten sich die Kommissare über die japanische Autorin Marie Kondo und deren Werk „Magic Cleaning“. Brix erläutert ihre wichtigste Empfehlung: „Man nimmt jeden Gegenstand, den man besitzt, in die Hand und fragt sich: Bringt mir das Freude? Wenn es einem keine Freude mehr bringt, weg damit.“ Zum einen wäre ein solches Entschlackungsprogramm für die Figuren ein wichtiger Schritt, um dem Traum vom schönen Wohnen näher zu kommen (LEDs unterm Schreibtisch, Stoffdromedar auf dem Sofa, Teddy-Zusammenrottung in der Zimmerecke). Zum anderen wäre es eine gute Gebrauchsanweisung zur Entrümpelung dieses „Tatorts“. Am Ende würden zwar nur vierzig Minuten übrigbleiben. Aber die wären nicht übel.

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