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Tatort-Sicherung : Immer diese Reichsbürger

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Schimanskis Nachfolger: Das Ermittlerteam aus Dortmund – Anna Schudt, Rick Okon, Aylin Tezel) und Jörg Hartmann Bild: WDR/Thomas Kost

Schon wieder ein „Tatort“ mit Reichsbürgern. Diesmal treiben sie in Dortmund ihr Unwesen. Ist das Ruhrgebiet mit seinen stillgelegten Zechen ein Nährboden für diese Bewegung?

          In der Nähe von Dortmund wird der ehemalige Bergmann Andreas Sobitsch erschossen am Flussufer aufgefunden. Sein Zuhause war eine alte Zechensiedlung in Recklinghausen. Die Kommissare Peter Faber (Jörg Hartmann), Martina Bönisch (Anna Schudt), Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) begeben sich im sozialen Umfeld des Opfers auf Spurensuche.

          Die ehemals eingeschworene Gemeinschaft der Kumpel teilt sich zunehmend in zwei Lager. Auf dem Gelände der Zeche Sophie Charlotte, die vor wenigen Jahren geschlossen wurde, wird eine „Erlebniswelt Kohle und Stahl“ eröffnet – neue, adäquate Jobs in der Region zu finden, ist schwierig. Viele fühlen sich als Verlierer des Strukturwandels und von der Bergbaugesellschaft im Stich gelassen. Während Sobitsch sich bis zuletzt für die Interessen der Bergleute eingesetzt hatte, ist Klaus Radowski (Peter Kremer) der Ansicht, dass die Kollegen das Angebot der Zeche – eine Abfindung von 20.000 Euro pauschal für jeden – annehmen sollten. Er sieht sich selbst als Vermittler, doch einige der Bergleute halten ihn für einen Verräter. Im Zuge der Ermittlungen ergeben sich Hinweise auf Verbindungen einiger Zechenmitglieder zu extremistischen Kreisen. Der Sonntagabendkrimi im Realitätstest.

          ***

          Frage 1: Die Zeche Sophie Charlotte in Recklinghausen ist natürlich fiktiv. Wann wurde die letzte Steinkohle-Zeche im Ruhrgebiet geschlossen?

          Klaus Radowski (Peter Kremer) versucht seine früheren Kollegen vom Entschädigungsangebot des Bergwerk-Betreibers zu überzeugen.

          Antwort von Ulrich Aghte (Sprecher der RAG Aktiengesellschaft):

          Das letzte aktive Steinkohlenbergwerk im Ruhrgebiet war die Zeche Prosper-Haniel in Bottrop, die vor wenigen Wochen, im Dezember 2018, geschlossen wurde. Ebenfalls im Dezember geschlossen wurde das Bergwerk Ibbenbüren. Das liegt zwar nicht mehr im Ruhrgebiet, aber noch in Nordrhein-Westfalen.

          ***

          Frage 2: Im Dortmunder „Tatort“ werden die ehemaligen Bergleute als Verlierer des Strukturwandels dargestellt: seit Jahren arbeitslos, mit einer Abfindung abgespeist. Was wird für die früheren Kumpel getan?

          Der frühere Bergmann Ralf Tremmel (Thomas Lawinky) lebt im Wohnwagen, wo er von Nora Dalay (Aylin Tezel) und Jan Pawlak (Rick Okon) befragt wird.

          Antwort von Ulrich Aghte:

          Die Bergleute sind gut ausgebildete Facharbeiter, zum Beispiel Elektroniker/Elektriker und Mechatroniker, und dementsprechend gut vermittelbar. Sie haben langjährige Erfahrung und haben im Schichtbetrieb gearbeitet. Gerade in der Industrie, aber auch zum Beispiel bei der Berufsfeuerwehr, werden solche Leute gesucht. Daneben gab es auch eine betriebsinterne Arbeitsvermittlung. In den letzten Jahren haben wir Zehntausende in neue Jobs vermittelt.

          Abgesehen davon gibt es im Bergbau auch eine relativ großzügige Frühverrentungsregelung, speziell für diejenigen, die unter Tage gearbeitet haben. Relativ deshalb, weil man natürlich auch in Betracht ziehen muss, dass die Leute jahrzehntelang einen Knochenjob gemacht haben.

          Die früheren Bergmänner und ihre Familien wohnen auch in der Regel nicht mehr in den Zechensiedlungen in unmittelbarer Nähe des Bergwerks. Natürlich werden die Wohnungen weiter genutzt, sie sind ja häufig noch sehr schön erhalten. Das sind dann aber ganz normale Mietwohnungen. Von einem Freizeitpark auf dem Zechengelände, wie er im Film beschrieben wird, ist mir auch nichts bekannt – wobei das ja nicht einmal eine verwerfliche Idee wäre.

          ***

          Frage 3: Hauptkommissar Jan Pawlak (Rick Okon) befragt den sturzbetrunkenen Stefan Kropp (Andreas Döhler) in der Zechenkneipe, obwohl Oberkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel) lieber warten würde, bis er nüchtern ist. In der Absicht, ein Geständnis zu provozieren, reibt Pawlak dem bis dahin ahnungslosen Kropp unter die Nase, dass sein Freund Sobitsch eine Affäre mit seiner Frau hatte. Wenig später begeht Kropp Selbstmord. Könnte ein Ermittler, der so vorgeht, Probleme bekommen?

          Kein verlässlicher Gewährsmann: Stefan Kropp (Andreas Döhler) in der Kneipe

          Antwort von Kim Freigang (Pressesprecher des Polizeipräsidiums Dortmund):

          Also, es ist ja dann immer noch ein Suizid und damit rechtlich nicht zwangsläufig dem Ermittler anzulasten. Man kann auch nicht automatisch davon ausgehen, dass es solche Folgen hat, wenn jemand erfährt, dass seine Frau eine Affäre hat. Wenn bei einem Befragten allerdings bekannt ist, dass er in einer instabilen psychischen Verfassung ist, würde man da natürlich vorsichtiger vorgehen, gerade wenn derjenige auch noch alkoholisiert ist.

          Jemanden ohne Belehrung und auch noch im betrunkenen Zustand in einer Kneipe zu vernehmen, ist außerdem auf keinen Fall eine zulässige Vorgehensweise. Ein Geständnis wäre dann auch gar nicht verwertbar. Vor einer Vernehmung muss der Zeuge oder der Verdächtige belehrt werden, außerdem muss sichergestellt werden, dass er die Belehrung auch verstanden hat.

          Wenn es nur darum geht, im Rahmen der Ermittlung Informationen vor Ort einzuholen, ist schon denkbar, dass auch Betrunkene gefragt werden. Zum Beispiel, wenn vermisste Personen gesucht werden oder eine Schlägerei stattgefunden hat. Dann ist es aber auch keine Vernehmung, deren Ergebnis gegen den Betreffenden verwendet werden kann, sondern einfach Ermittlungsarbeit.

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          Frage 4: Der „Reichsbürger“ Friedemann Keller bezeichnet sein Grundstück, das er mit einem hohen Zaun gesichert hat und nach eigener Aussage notfalls mit Waffengewalt verteidigt, als das „Freie Reich Frieden“, dessen Reichskanzler er ist. Gibt es in Dortmund eine „Reichsbürger“-Szene?

          Friedemann Keller (Götz Schubert) ist Reichsbürger

          Antwort von Kim Freigang:

          Es gibt natürlich sogenannte Reichsbürger in Dortmund. Wir hatten auch einen Fall in den eigenen Reihen, den wir intensiv aufgearbeitet haben. Über die Größe der Szene kann ich allerdings keine Angaben machen. Eine entsprechende Gesinnung zu haben, fällt unter die Meinungsfreiheit, wir sind ja keine Gesinnungspolizei. Eine demokratiefeindliche oder staatsfeindliche Haltung ist an sich noch keine Straftat. Auf Reichsbürger werden wir erst aufmerksam, wenn sie sich delinquent verhalten. Waffenhandel wäre so ein Fall, oder auch Widerstand gegen Polizeibeamte, weil sie etwa die Polizei nicht als Vertreter der Staatsgewalt, sondern nur als Angestellte einer sogenannten „BRD GmbH“ anerkennen.

          Was die „Staatsgründung“ auf eigenem Grund und Boden betrifft: Ich kenne Berichte von solchen Fällen, allerdings ist mir in Dortmund keiner bekannt. Wenn jemand mit Schusswaffengebrauch droht, nimmt die Polizei das auch nicht so einfach hin. Sobald jemand eine Waffe auf einen anderen richtet, insbesondere wenn Beamte bedroht werden, können Sie sicher sein, dass das einen größeren Einsatz auslösen würde. Nur einen Zaun um sein Grundstück zu ziehen und niemanden reinzulassen, ist allerdings nicht strafbar. Auch nicht, dieses Grundstück als „Reich“ zu bezeichnen.

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