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Schwarzwald-„Tatort“ : Auf der dunklen Seite des Karnevals

  • -Aktualisiert am

Im Rausch: Die Kommissare (Eva Löbau und Hans-Jochen Wagner) kommen sich näher, als sie je dachten. Bild: SWR/Benoît Linder

Im „Tatort: Ich hab im Traum geweinet“ endet die Fastnacht mit einem brutalen Kater. Die Kommissare landen miteinander im Bett. Einen Mord gibt es auch. Das nennt man filmischen Ausnahmezustand.

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          Verkehrte Zeit, verkehrte Welt, verkehrte Tat. In seinem Bericht zum zweiten römischen Aufenthalt beschreibt Goethe „Das Römische Karneval“. Eigentlich, so der entschiedene Gegner der Revolution, sei Karneval unbeschreibbar. Man müsse dabei sein, mittendrin, erfasst vom Taumel der Narrenfreiheit. Wie in den römischen Saturnalien gewähre keine Obrigkeit die Macht auf Zeit, „das Volk nimmt sie sich“, ein Willkürakt, und mit der Herrschaftsumkehr nimmt es sich auch „Frechheit und Freiheit“. Der Rollentausch von Männern und Frauen nicht nur in den Kostümierungen, sondern im Habitus, die Verspottung von Religion und Kirche, die Aufkündigung des Keuschheitsgebots und der sexuelle Rausch seien nicht nur erlaubt, sondern geradezu geboten. Nichts von harmlosen „Bützchen“ hier und da. Vor allzu roher Gewalt schütze vor allem Symbolik. Jeder Bürger ist angehalten, eine brennende Kerze mit sich zu tragen. Ein Lebenslicht, dass die anderen auszupusten suchen. Weniger lustige Kalamitäten sind in Kauf zu nehmen. So der Ritus.

          In der schwäbisch-alemannischen Fasnet mit ihren furchterregenden, heidnisch anmutenden Masken tragen in der Stadt Elzach die durch die Straßen marodierenden Narrenfiguren einen Stock mit einer Tierblase, mit dem vor allem junge Frauen gejagt und an intimen Stellen „gefoppt“ werden. Fastnachtstradition – oder Brauchtumsvorwand für sexuelle Belästigung?

          Brutaler Ernst

          Romy (Darja Mahotkin) schreit jedenfalls, als Masken sie gegen eine Hauswand drücken und befingern, schlägt die Verkleideten mit ihrer Tasche in die Flucht. Ihr kleiner Sohn Jonas (Lukas Konstantin Rose) fand das Treiben schon vorher beängstigend; Freund David (Andrej Viorel Tacu), der Romy eben Schnaps aufgedrängt hat, scheint froh, aus dem Gewimmel herauszukommen. Aus Spaß wird im Szenenschnitt (Saskia Metten) von jetzt auf gleich brutaler Ernst. Im Hotelflur kämpft Romy gegen einen Mann, der sie blutig schlägt. Er hat sie geliebt und will ihr Kind. Es regnet Geld und Entschuldigungen. Vor Jahren war Romy für ihre Kunden die dunkle Seite des Karnevals, Verprügeln und Vergewaltigungsphantasien war ihre Spezialität. Masken und Gewaltspiele sind für die ehemalige Prostituierte und ihren Freund David Alltag. Beide arbeiten in einer Schönheitsklinik. Der Chefärztin Herzog (Franziska Hartmann) gefällt Romys mangelnde Kundenzugewandtheit nicht. Sie fordert ein falsches Gesicht, auch wenn der Patient beim Waschen nach Sonderbehandlung seiner privaten Zonen verlangt.

          Bilderstrecke

          Elena Kiehl (Bibiana Beglau) lässt sich hier das Gesicht erneuern, ihr Mann Philipp (Andreas Döhler) demonstriert Arzt und Schwester, das Liften seiner Frau könne sich gern auch auf den Busen erstrecken. Während die Schwarzwälder Saturnalien so ihren Fortgang nehmen, stürzen die Kommissare Tobler (Eva Löbau) und Berg (Hans-Jochen Wagner) mit viel Schnaps auf Kneipentour miteinander ab, was Jan Bonny (Regie und Buch), Jan Eichberg (Buch) und Stefan Sommer (Kamera) körpernah in Szene setzen. Sex sieht in diesem Film aus wie Ringen, oder die ultimative Demaskierung, manches Mal auch wie eine Martial-Arts-Variante. Oberhandgewinnen wechselt mit Unterwerfung, Lust mit Erniedrigung, Spaß mit Ernst, ohne scharf getrennte Übergänge. Ein Spiel mit Entblößung und Entäußerung, das an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig lässt. Kampf der Geschlechter. Sie (Tobler) verbucht den Akt unter alkoholischer Enthemmung, er (Berg) ist verunsichert und will alles ausdiskutieren. Die Präsidiums-Vorgesetzte (Silke Bodenbender) gehört zu den harmlos Lustigen und gibt sich schambefreit.

          Für Tätersuche-Liebhaber ist der „Tatort: Ich hab’im Traum geweinet“ eine Enttäuschung. Das Fastnachtsspiel treibt Jan Bonny ins Geschlechtergroteske, zwischen den Taumel der Lust und der Gewalt passt keine Drehbuchseite, die animalisch-bedrohliche Umkehrherrschaft wird konsequent auf den Eros bezogen. Obwohl es auch einen Toten und eine Ermittlung gibt, ist „Ich hab’ im Tod geweinet“ eher ein gewagtes, grandioses Figurenensemblespiel – mit einer „Playlist“, die vom Erhabenen bis zum Lächerlichen keinen musikalischen Kontrapunkt ausspart und von klassischen Karnevalssaufliedern bis zum lyrischen Intermezzo, von Britney Spears bis zur Schumannschen Vertonung des Heineschen Gedichts „Ich hab’ im Traum geweinet“ (aus dem „Buch der Lieder“) reicht (Musik und Gesang Jens Thomas). Ein „Tatort“ als filmischer Ausnahmezustand. Aschermittwoch kommt schnell genug.

          Der Tatort: Ich hab’ im Traum geweinet läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.

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