https://www.faz.net/-gsb-92r0c

„Tatort“ aus Stuttgart : Wer kämpft, hat schon verloren

  • -Aktualisiert am

Im Schatten: Hannes Jaenicke und Heike Trinker spielen ein Paar mit RAF-Vergangenheit. Bild: SWR/Julia von Vietinghoff

Ein RAF-Film ohne Baader-Meinhof-Komplexe: Dominik Graf fragt im „Tatort“ auf ungewöhnliche Weise nach den Grenzen staatlichen Tuns. Es geht um einen V-Mann und eine Frau mit terroristischer Vergangenheit.

          Wir erblicken Stuttgart bei Nacht, Stammheim ist nicht weit. Da erklingt ein bekannter Text, läuft hinaus auf diesen sich festhakenden Satz im Futur II, dem die Vergangenheit eingebaut ist: „Aber ich will etwas getan haben dagegen.“ Gudrun Ensslins Erklärung aus dem Kaufhausbrand-Prozess von 1968 eröffnet eine verwirrend komplexe, ästhetisch ambitionierte „Tatort“-Episode, in der sich Dominik Graf aus Anlass des vierzigsten Jahrestags des „Deutschen Herbsts“ noch einmal auf die Dämonen der Achtundsechziger einlässt, auf das Abgleiten einer jugendlichen Empörungsbewegung in Orgien der Gewalt. Mit „It’s not over yet“ bringen Grafs Lieblings-Filmmusikkomponisten Sven Rossenbach und Florian Van Volxem zum Ausdruck, dass die Linien bis in die Gegenwart ausgezogen werden. Prompt ereignet sich auch ein Geldtransporter-Überfall, wie ihn ehemalige RAF-Mitglieder zuletzt mehrfach verübt haben sollen.

          Mit dieser etwas kläglichen Aktualität hält sich der Film aber nicht allzu lange auf, sondern stößt archivbildbewaffnet in die von Geheimnissen und Verschwörungstheorien umstellte Materie vor. Als Anker dient ein frei ausgedachter V-Mann des Verfassungsschutzes, an dessen Biographie entlang sich die Erzählung rückwärts hangelt bis in die berüchtigte Todesnacht von Stammheim, in der die RAF-Terroristen Andreas Baader, Gudrun Ensslin und Jan-Carl Raspe in ihren JVA-Zellen Suizid begingen. Die schwerverletzte Irmgard Möller stützte später den in linken Kreisen kursierende Legende des Staatsmords. Graf zeigt uns die eine wie die andere Variante, ein elegantes Spiel mit alternativen Wahrheiten, die keine wahren Alternativen sind. In der diese Vorkommnisse spiegelnden Filmhandlung entscheidet er sich allerdings (weitgehend) für eine der Versionen.

          Das Drehbuch zu „Der rote Schatten“ stammt zumindest in der Urfassung von Rolf Basedow. Die Filmcredits freilich weisen einen wohl fiktiven Raul Grothe sowie Dominik Graf als Autoren aus. Hat Letzterer in das Buch seines langjährigen Kompagnons („Im Angesicht des Verbrechens“) zu stark eingegriffen? Der Weg in den Fall hinein ist umständlich, führt aber geschickt das Generalthema des Films ein: das alles unterminierende Misstrauen, wenn sich staatliche Akteure auf Kosten der Transparenz allzu weit auf das Spiel ihrer Gegner einlassen. Da sich im Kofferraum eines Unfallwagens eine Tote findet, werden die Kommissare Thorsten Lannert (Richy Müller) und Sebastian Bootz (Felix Klare) informiert. Es stellt sich heraus, dass der Fahrer (Oliver Reinhard) die Leiche seiner immer noch geliebten Exfrau aus der Friedhofskapelle entführt hat, weil er die von der Staatsanwaltschaft aufgestellte Theorie eines Badewannenunfalls nicht glauben kann.

          Am „Tatort“: Die Kommissare Lannert (Richy Müller, Mitte) und Bootz (Felix Klare) verschaffen sich einen Überblick.

          Der verzweifelte Mann glaubt an Mord, aber der Täter, der neue Lebensgefährte seiner Frau namens Wilhelm Jordan (schön zwielichtig: Hannes Jaenicke), werde von höchster Stelle gedeckt. Und tatsächlich: Lannert und Bootz kommen einer Geheimdienstoperation von kaum überschaubarem Ausmaß auf die Spur und in die Quere. Man weiß bald nicht mehr, wer hier doppeltes oder dreifaches Spiel spielt. Auf wessen Seite steht etwa Oberstaatsanwalt Lutz (Friedrich Mücke)? Wer hat wen verraten? Wie viel darf der Staat decken? Und warum sehen zwei RAF-Kronzeugen einander so ähnlich? Führt die Spur zur besagten Stammheimer Todesnacht?

          Dabei gelingt es Graf famos, die hysterisch verunsicherte Atmosphäre der siebziger Jahre, in der alle Seiten einander belauerten und sich jede Untat zutrauten, ins zigarettenrauchfreie Hier und Heute zu übertragen. Gespräche müssen wieder konspirativ in Parkhäusern geführt werden. Oft blickt die Kamera von außen durchs Fenster, wird selbst zum Auge des Beschatters, kriecht mehr geduckt durch die Handlung, als Ordnung zu schaffen. Etwas übertrieben scheint es freilich, Lannert gleich zum bekennenden Altlinken („Wir haben den Hunger in Afrika gesehen“) mit Kontakten zu Gudrun Ensslin zu machen. Auch die langen Erklärtexte diverser Beteiligter sind wohl Zugeständnisse ans „Tatort“-Genre, das gern Verständnishilfen mitbringt.

          Vermummt: Die Bankräuberin wird den Zuschauern in Laufe des Films bekannt vorkommen.

          Wer ikonische Bilder einbaut – Rudi Dutschkes „Holger, der Kampf geht weiter“; die „Landshut“ in Mogadischu; Hanns Martin Schleyer als RAF-Geisel –, muss gegen diese erst einmal ankommen. Der Montage-Ästhet Dominik Graf besteht auch hier, überzeugt auf der Gegenwartsebene mit einer konzentrierten Bildsprache (Kamera Hendrik A. Kley und Jakob Beurle), die von gespielten Doku-Rückblenden im Super-8-Stil und Originalausschnitten regelrecht durchlöchert wird. Raffungen und dynamische Sprünge (schnittiger Schnitt: Tobias Streck) bringen Tempo in den Film. Während etwa die Tonspur weiterläuft, eilt das Bild voraus. Viele Szenen werden vom starken Ensemble mehr angedeutet als lang ausgespielt. Das alles führt zu einer außergewöhnlichen Verdichtung.

          Das Drehbuch mag einige allzu abrupte Wendungen und Zufälle enthalten, aber es ist sicherlich ein Verdienst, entgegen einer bis heute verbreiteten Verklärung des bewaffneten Kampfs der Linken ein ungeschöntes Porträt seiner hässlichen Fratze abzuliefern: Nichts, aber auch gar nichts ist hier glorios am roten Terror, sondern alles schmutzig, korrupt und ausweglos. Die Staatsmacht, das ist die Hauptthese des Films, hat sich in diesen Schmutz zumindest hineinziehen lassen und so einen Teil ihrer demokratischen Legitimierung aufs Spiel gesetzt. Es lohnt, darüber nachzudenken, schließlich befindet sich der Staat im nächsten Anti-Terror-Kampf.

          Weitere Themen

          Die verschleppte Schande

          FAZ Plus Artikel: Sexueller Missbrauch : Die verschleppte Schande

          Jahrelang vermittelte ein Berliner Jugendamt Kinder an einen pädokriminellen Pflegevater. Nun wollen zwei Betroffene das Land Berlin auf Schmerzensgeld verklagen. Doch Bezirk und Senatsverwaltung stellen sich quer.

          Topmeldungen

          Gefährliche Hitzewelle : Amerikas Sommer der Extreme

          In vielen Gegenden Amerikas herrschen derzeit gefährlich hohe Temperaturen. Städte wie New York müssen sich in Zukunft auf noch extremere Sommer einstellen, warnen Klimaforscher.

          Attacke von Tony Blair : „Johnson ist kein Dummkopf“

          Der frühere britische Premierminister Tony Blair sieht einer möglichen Regierung von Boris Johnson kritisch entgegen. Die CDU wiederum könnte sich vorstellen, dass Johnson positiv überrascht.
          Weiß, was uns fehlt: ARD-Hauptstadtkorrespondentin Kristin Joachim.

          Klimahysterie im Ersten : Wir müssen gezwungen werden!

          Von der ARD lernen heißt, gehorchen lernen. Den Eindruck bekommt man, wenn man abends die „Tagesthemen“ einschaltet oder morgens das Radio. Da werden Vorschriften gemacht, dass es nur so kracht.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.