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„Tatort“ aus Dortmund : Der Steiger geht

  • -Aktualisiert am

Am Ort des Verbrechens: Kommissar Peter Faber (Jörg Hartmann) und Rechtsmedizinerin Greta Leitner (Sybille J. Schedwill) Bild: WDR

Verdächtige Grabung im falschen Revier: Der Dortmund-„Tatort - Zorn“ baut lieber auf eine übersteigerte Parallelerzählung, als seinem Zentralmotiv zu vertrauen.

          Da erfüllt wieder einmal ein „Tatort“ seinen heimlichen Auftrag mit Bravour, die sozialgeschichtliche Relevanz. Kurz nach Schließung der letzten subventionierten Zeche im Ruhrgebiet erscheint in der ARD der sonntägliche Abmurkser zum Thema. Der Film führt uns schnurstracks in eine vollendet abgehalfterte Region aus Trotz und Herzlichkeit. In Straßenzüge voller Bergschäden, in denen man „Strukturwandel“ für Chinesisch halten muss. In Kneipen, in denen das „lecker Pils“, die letzte, flüssige Heimat der Pottler, noch aus den Hähnen strömt wie zu Schimanskis Zeiten. Regisseur Andreas Herzog, ein Bayer, inszeniert das Ruhrgebiet so, wie es laut all den Sonntagsreden nordrhein-westfälischer Politiker längst nicht mehr sein soll, aber an vielen Stellen doch noch ist.

          „Zorn“ heißt der Film folgerichtig, was ohne viel Doppelsinn auf die Stimmung der Bergleute in ihren baufälligen Hütten verweist, um die sich hier – noch ein wenig härter als in der Realität – niemand mehr kümmert. Nur die Geisterbahn in der „Erlebniswelt Kohle & Stahl“ sucht noch Arbeitskräfte. Die im Rückbau begriffene Zeche wiederum schickt einen Ex-Kumpel (Peter Kremer) als Vermittler vor, der den Arbeitslosen 20.000 Euro für ihre stark beschädigten Häuser bietet. Drei Kumpel, Aufwiegler Andreas (Daniel Fritz), der just von seiner Frau verlassene Kaputtnik Stefan (Andreas Döhler) und der wütende Würstchen-Ralle (Thomas Lawinky), wollen sich mit dem lausigen Angebot nicht abfinden. Andreas treffen wir schon nicht mehr lebend an. Er liegt, von hinten erschossen, auf einer Abraumhalde. Auch die Freunde hatten jedoch voreinander Geheimnisse, wie sich bald zeigt.

          Geschlafen wird, wenn überhaupt, auf der Dienststelle

          Der Drehbuch-Routinier Jürgen Werner, Erfinder des Dortmund-Teams rund um den lebensmüden Choleriker Faber, war offenbar der Meinung, dass sich Grubengold, wie schön auch immer von Kameramann Wolfgang Aichholzer in graubraune Tristesse getaucht, heute nicht mehr umstandslos in Fernsehgold übersetzt. Naheliegend war zunächst das Tuning der Erzählung durch eine Spiegelung des Unmuts der Kumpel auf der Ebene der vier Kommissare. Peter Faber (Jörg Hartmann) wurde zudem eine Art Reset auf die Werkseinstellungen verpasst: Die Suche nach den Mördern seiner Familie steht wieder im Vordergrund; geschlafen wird, wenn überhaupt, auf der Dienststelle; für die Körperpflege reicht Mundwasser, das ein Berserker wie er freilich schluckt: „riecht besser beim Pupsen“. Wenn Faber frustrierte Malocher, Selbstjustiz-Käuze und andere Verdächtige im Wortsinne ankumpelt, wirkt das jedoch trotz Hartmanns robuster Spielweise leicht aufgesetzt.

          Es ist aber gar nicht dieser wilde Stier, der für den Streit im Team sorgt, sondern die ebenfalls rückfällig werdende, wieder von Panikattacken geplagte und darum mehrfach ihren wortkargen neuen Kollegen Jan Pawlak (Rick Okon) anfahrende Jungkommissarin Nora Dalay (Aylin Tezel). Subtil ausgedacht oder sensibel umgesetzt ist diese Entwicklung nicht und wird nur noch unterboten durch den verwunderlich platten Einfall, Kommissarin Martina Bönisch, die von der sonst so spielfreudigen Anna Schudt verkörpert wird, eine komplett belanglose, nicht einmal auf Münster-„Tatort„-Niveau mit dem Hauptgeschehen verschleifte Nebenhandlung anzudichten: Sie hat Rücken und lässt sich von einem clownesken Chakren-Guru mit Schlafzimmerblick (Richard van Weyden) behandeln. Da sagt man aus Verzweiflung leise „Om“. Vielleicht ist das Dortmund-Team einfach auserzählt.

          Das größte Problem dieses „Tatorts“ besteht freilich darin, dem eigenen Zentralmotiv so wenig zu vertrauen, dass man es durch eine übersteigerte Parallelerzählung aufmotzen zu müssen glaubte. Dabei gäbe es viel zu sagen zum Kohleausstieg, ein ganzer Flöz an Geschichten ruht in den Berg- und Tagebauen. Das Drehbuch aber verliert sich in albernen Phantasien über einen verblasenen Reichsbürger (Götz Schubert) und den ins V-Mann-Gestrüpp verhedderten Verfassungsschutz. Obwohl die phantastische Bibiana Beglau als schräge Vertreterin der undurchsichtigen Kölner Behörde brilliert, wird aus dem schlichten Schicht-im-Schacht-Krimi kein komplexer Thriller mehr. Entsprechend vergeigt wirkt das Finale, das emotionale Hochspannung mit furios inkompetenten Alleingängen verbindet und uns mit der allseits geliebten Figur des Interpretator-Schurken erfreut, der noch während des Zugriffs zu belehrenden psychologischen Gesellschaftsanalysen ausholt: „In Amerika werden weit mehr Anschläge von weißen Amerikanern verübt als von Islamisten. Weil der Zorn einfach raus muss.“ Für Rekordfreunde hat diese Episode noch den vielleicht am schlechtesten versteckten Hinweisbrief der „Tatort“-Historie zu bieten. Ist ja auch was.

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