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„Tatort“ aus der Schweiz : Luzern hören und sterben

NS-Profiteur, Schmock und Verbitterte: Familie Loving (Hans Hollmann, Andri Schenardi, Sibylle Canonica, von links) lässt zum Konzert bitten. Bild: ARD Degeto/SRF/Hugofilm

Sollten „Experimente“ im „Tatort“ nicht verboten werden? Zum Glück sind sie es nicht. Regisseur Dani Levy hat die Schweizer Folge in einer einzigen Sequenz gedreht. Das ist großes Kino.

          Schweiz-Hasser werden diesen Film lieben. Denn Dani Levy schenkt ihnen mit seinem „Tatort: Die Musik stirbt zuletzt“ in unwiderstehlich unterhaltsamer Gehässigkeit die Genugtuung, das alte Vorurteil von der Schweiz als einem Land, das seinen Reichtum staatlich gedeckter Wirtschaftskriminalität verdanke, also der Räuberei an Emigranten und am Steuervermögen anderer Länder, sei in Wahrheit gar keins. Mit dem durchaus gewaltsamen Charme eines moschussatten Männerparfums reißt uns Andri Schenardi als Unternehmersohn Franky Loving, gut betucht und braungelockt, hinein in eine äußerlich glänzende, innerlich verrottete Welt: „Willkommen in Luzern“, lauten die ersten Worte des Drehbuchs, „hier riecht die Schweiz noch nach Schweiz: echt und teuer.“

          Jan Brachmann

          Redakteur im Feuilleton.

          Wir stehen vor dem KKL, dem 1998 eingeweihten Konzert- und Kongresszentrum Luzern, jenem von Jean Nouvel entworfenen Saal am Vierwaldstätter See, bei dem man sowieso schon immer den Verdacht hegte, dass sich hier zu den Festspielen allsommerlich die Führungskräfte der internationalen Rüstungsindustrie träfen, um beim Anhören von Mahler-Symphonien ihren als Weltschmerz getarnten Ichschmerz zu sublimieren. Die Konfrontationen Franky Lovings mit dem Sicherheitspersonal sind sarkastische Innenansichten einer modernen Sklavenhalterdemokratie. Sibylle Canonica als Milliardärs-Exfrau Alice Loving-Orelli und Heidi Maria Glössner als Eventmanagerin Silvia Bosshardt tragen Bugspoilerfrisuren, die dem moralischen Gegenwind des Machterwerbs unerschrocken die Stirn bieten. Die Lachfalten um ihre Augen sind vom Make-up wetterfest eingegipst.

          „Das ist mein Abend, das sind meine Kontakte, das ist mein Baby“, faucht Silvia Bosshardt einen Bedenkenträger an, nachdem der Klarinettist des Jewish Chamber Orchestra mit Insektengift um die Ecke gebracht, aber glücklicherweise noch nicht ins Jenseits befördert wurde. Das Konzert für die Stiftung „Children of Music“ für die Kinder in Israel muss weitergehen, vor allem weil die Musik hier wesentlich als Geschäftsanbahner fungiert.

          Kommissar Reto Flückiger (Stefan Gubser) war eigentlich beim Fußball. Seine Kollegin Liz Ritschard (Delia Mayer) braucht ihn aber beim Konzert.

          Ziemlich originell verknüpft Levy als Autor und Regisseur Genre- und Autorenkino zu einem spannenden Krimi als Gesellschaftssatire. Die Morddrohung gegen die jüdische Pianistin Miriam Goldstein (Teresa Harder) während eines Konzerts greift die Idee von Eugenio Miras kitzlig-kaltem Triller-Thriller „Grand Piano – Symphonie der Angst“ von 2013 wieder auf: Dort war es unser lieber Hobbit Frodo, also Elijah Wood, der als Pianist Tom Selznick während eines Konzerts Morddrohungen über Einträge in die Partitur und per SMS erhielt. Zum anderen ist dieser Fernsehkrimi an einem Drehort – dem KKL – und in einer einzigen ungeschnittenen Sequenz (Kamera Filip Zumbrunn) gedreht, genau wie Alexander Sokurows epochaler Kunstfilm „Russian Ark“ von 2003 in der Eremitage von Sankt Petersburg. Und so, wie bei Sokurow der russophobe Franzose Astolphe de Custine durch den Film leitet, führt hier Franky Loving als wenig sympathischer Verschwörer des Zuschauers durch die Handlung. Der „immersive Sog“, wie es im Kuratorensprech gerade heißt, wird in diesem „Tatort“ gebrochen durch die ständige Markierung einer fiktionalen Illusion im direkten Gespräch mit dem Betrachter.

          Die Zeit im Film diktiert die Musik: die Dauer eines normalen Konzerts mit Werken von Komponisten, die aufgrund ihrer jüdischen Herkunft von den Nationalsozialisten ermordet wurden. Erwin Schulhoff und Marcel Tyberg gehören dazu. Diese Zeit wird aber psychologisch beschleunigt durch Drohungen, Vergiftungen und einen Todesfall, deren Urheber zu finden Reto Flückiger (Stefan Gubser) und Liz Ritschard (Delia Mayer) von der Kripo Luzern ganz in zivil und ohne Dienstausweis gelingen muss.

          Wieder einmal ist es hier, allen Bedenken gegen Experimente zum Trotz, gelungen, ambitionierte Erzähltechniken mit einem klassischen Ermittlerkrimi zu kombinieren. „Die Musik stirbt zuletzt“ ist ein ziemlich boshafter Kommentar zur Sprachhülse „Musik verbindet“. In dieser Geschichte um persönliche und politische Leichen im Keller des greisen NS-Profiteurs Walter Loving erleben wir dessen narzisstischen Sohn Franky als Teufel und traurigen Pierrot zugleich, wie er seinen ödipalen Konflikt zu lösen versucht und sich dabei verstrickt in der gegenwärtigen Gedenkkulturindustrie, die den Holocaust zur cash cow sozialer Kapitalbildung gemacht hat, um am Ende doppelt abzusahnen.

          Der Tatort: Die Musik stirbt zuletzt läuft am Sonntag, 5. August, um 20.15 Uhr im Ersten.

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