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„Polizeiruf“ aus Rostock : Vom Opfer zur Täterin in einer Sekunde

  • -Aktualisiert am

Kein Weg zurück: Sabine Brenner (Luise Heyer) handelt mit tödlicher Konsequenz. Bild: NDR/Christine Schroeder

Der Rostocker „Polizeiruf“ handelt von Liebe und Leid und übt sich in Hyperrealismus. Eine Frau sieht in ihrem Leben keinen Sinn mehr. Erst denkt sie an Suizid, dann an Rache. Die Kommissare indes werden zum Liebespaar. Wie das wohl ausgeht.

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          In Rostock stehen die Zeichen auf Arbeitskampf. Die älteste Werft soll geschlossen werden, achthundert Menschen verlieren ihren Arbeitsplatz. Dabei, so die Betriebsräte Evin Yilmaz (Sara Fazilat) und Hannes Hegeloh (Alexander Hörbe) in der Krisenbesprechung mit der Chefetage, habe der Großkonzern, der die Werft übernommen hat, „84 Millionen Staatshilfe kassiert und im selben Jahr zwei Milliarden Gewinn gemacht“, davon zwölf Millionen mit der Werft Arunia. Die Auftragsbücher seien zwar voll, sagt die Finanzchefin Anja Ritter (Lea Wilkowsky), aber man liege bei nur drei Prozent Rendite. Um auf dem Weltmarkt zu bestehen, müssten es fünf Prozent sein. „Am Ende des Tages sitzen wir alle im selben Boot“, beschwichtigt Geschäftsführer Paul Lettcke (Lucas Prisor), der sich den Aufstieg aufs Sonnendeck im Mutterkonzern schon gesichert hat.

          Er wendet sich seinen Prioritäten zu und an die stille Serviererin, die Wasser und Zitrone bringt. Er bitte darum, die Zitronen zu vierteln. Halbiert passten sie kaum ins Glas. Die angesprochene Sabine (Luise Heyer) entschuldigt sich leise. Niemand am Konferenztisch hat sie zuvor wahrgenommen, auch Lettcke sieht durch sie hindurch, während die Kamera von Tim Kuhn sie in extremen Close ups in den Blick nimmt. Ihren todmüden Blick. Die kraftlose Unterwürfigkeit und die Tränen, die ihr immer wieder aus den Augen steigen. Eine Unsichtbare im Untergang, die Luise Heyer mit unglaublicher Präsenz verkörpert.

          Fast dreißig Minuten lang lernt das Publikum im Rostocker „Polizeiruf 110“ die Hauptfigur Sabine kennen und begleitet sie bei ihren Terminen auf die Bank („Deine Dispolinie ist jenseits von allem, was wir Menschen wie dir sonst anbieten“), bei der Arbeitsagentur („Wir haben Ihnen doch schon zwei Umschulungen finanziert, was wollen Sie?“) und zur Lehrerin, die mit übergriffiger Scheinfürsorglichkeit Sabines Sohn Jonas (Ilja Bultmann) trotz guter Noten die Gymnasialempfehlung verweigert. Die Figuren, die sich um Sabine gruppieren und die sich ihr in den Weg stellen, lernt man nur aus ihrer Perspektive kennen – Autor Florian Oeller entwirft sie als Machthungrige, Frauenschläger, Zyniker, Unterdrücker. Die Personen in Sabines Weg sind Kotzbrocken, es geht nicht um differenzierende Persönlichkeitsstudien. Man nennt so etwas auch gesteigerten Realismus.

          Was ist das denn? Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) kommen sich näher.
          Was ist das denn? Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) kommen sich näher. : Bild: NDR/Christine Schroeder

          Die Ohnmacht der Belegschaft der Arunia zeichnet auf persönlicher Ebene auch Sabine. Während die Arbeiter zu streiken beginnen, hat Sabine ihren Suizid akribisch geplant. Als ihr, die Waffe aufgesetzt, lautes Misshandlungsgeschrei dazwischenkommt, legt sich ein Schalter um, wird aus der Erniedrigten eine Rächerin. Regisseur Stefan Schaller inszeniert das Adrenalin, das nach dem ersten Mord ihren Körper strafft, vor allem als äußerliche Veränderung, die ihr Inneres freilegt. Lange Zeit baut „Sabine“ darauf, dass man Sabine versteht, ohne ihre Taten gutzuheißen. Der letzte Schuss, den sie in Tötungsabsicht abgibt, richtet jede Sympathie für ihre Motivation. Moralische Grautöne gibt es nicht.

          Trailer : „Polizeiruf 110: Sabine“

          Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Sascha Bukow (Charly Hübner) probieren währenddessen so etwas wie eine Liebesbeziehung, nach vielen Jahren des Anlaufs und der Zusammenarbeit, mit allen Lasten, die jeder weiter für sich trägt. Alles ist frisch und unklar, die Gefühle roh und schmerzhaft. Bukow hat seinen Vater verloren und feiert eine überbordende Trauerfreier mit Halbweltgrößen und Polizei, auf der seine Halbschwester Melly (Lina Beckmann) in Erscheinung tritt. Der Anfang von so etwas wie Familie? König probt den geordneten Rückzug. In einer von Sarnau und Hübner emotional verschwenderisch gespielten Szene grölen beide das „Ton Steine Scherben“-Lied „Halt dich an deiner Liebe fest“ im Duett. Es kann sein, dass aus beiden als Paar nichts wird, aber allein diese Szene sprüht so vor erwachsener Liebe, wie man es im Fernsehen sonst nicht sieht.

          Bei der Aufklärung der Morde geht es dagegen bestens Kolleginnenhand in Kollegenhand. Allein das Täterprofil will sich nicht ergeben, die Ermittlung stockt. Sabine passt nicht zur Norm, die Logik ihrer Opferwahl ist rein subjektiv, man stoppt sie nicht, als sie wie eine tickende Zeitbombe rächend durch Rostock zieht. Pöschel (Andreas Guenther) befragt und übergeht sie, Thiesler (Josef Heynert) leitet in Abwesenheit von Röder (Uwe Preuss) die Ermittlung, Sabine plant inzwischen einen Abgang mit großem Knall, und, wie als überlebenswichtiger Bildkontrast, finden sich versehrte Figuren am Strand, schauen aufs Meer wie Caspar David Friedrichs Mönch und hören die Stille. Auch das ist realistisch gefilmt. Romantik, egal ob Sozialromantik oder Süßlichkeit der Gesellschaftskritik, oder die Suche nach der Liebe, sind keine Option für diesen herausragenden Rostocker „Polizeiruf“.

          Der Polizeiruf 110: Sabine läuft am Sonntag um 20.15 Uhr in der ARD.

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