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„Polizeiruf“ aus Rostock : Winterreise ins Nichts

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Das Schlimmste wollen sie verhindern, aber ist das nicht schon geschehen? Anneke Kim Sarnau und Charlie Hübner spielen die Kommissare Katrin König und Alexander Bukow. Bild: NDR/Christine Schroeder

Im Rostocker „Polizeiruf“ flüchtet ein junger Mann aus dem Erziehungsheim. Dass er einen Betreuer erschossen hat, wissen wir von Beginn an. Doch es wird noch mehr Tote geben im düsteren Krimi „Kindeswohl“.

          Das Leben ist kein Ponyhof, in der privaten Wohneinrichtung „Heimathafen“ im Wald nahe Rostock schon gar nicht. Der Heimleiter nennt sein Konzept Konsequenz. Seine Klientel ist erkennbar schwierig, Selbstschutz ist Pflicht. Intensivstraftäter sind dabei, in den Akten des Jugendamts werden sie als „Unbeschulbare“ und „Systemsprenger“ bezeichnet. Wütende, gewalttätige Heranwachsende mit kurzer Lunte, bei denen jedes pädagogische Mitgefühl verschenkt ist.

          Wie bei Keno (Junis Marlon), dessen Mutter in der geschlossenen Psychiatrie lebt. Inzwischen ist Keno einer, vor dem man sein eigenes Kind warnt. Dass er seinem Leben noch einen gelungenen Spätstart geben könne, meint allein die gutmeinende „Heimathafen“-Mitarbeiterin Valli (Christina Große). Sie schließt die Tür auf, hinter welcher der junge Mann bei einer „Auszeit“ seinen Brandanschlag auf einen Nachtclub bedenken soll und setzt damit fahrlässig eine Kettenreaktion in Gang, die mit Kenos Tötung des Heimleiters beginnt und mit seiner Flucht nicht zu Ende ist. Vom Tatort flieht er mit dem einzigen Zeugen, ausgerechnet Kommissar Bukows Sohn Samuel (Jack Owen Berglund). Es wird mehr Tote geben auf der hoffnungslos düsteren, sozialpathosfreien und melancholiegefärbten Winterreise der beiden jungen Männer, sowie einen erschütternden Einblick in das staatliche Inobhutnahme- und Weitervermittlungssystem der Jugendhilfe, das die krassesten „Problemfälle“ regelmäßig unter anderem ins Ausland „outsourced“. Vom Fall Lügde ganz zu schweigen.

          „Kindeswohl“, der neue Fall von Katrin König (Anneke Kim Sarnau) und Alexander Bukow (Charly Hübner) ist gewohnt deprimierend, ästhetisch aus dem Krimieinerlei heraus ragend gefilmt (Kamera Kristian Leschner) und stark gespielt. Dass der „Polizeiruf 110“ zum besseren „Tatort“ geworden ist, zeigt sich bei dem von Christina Sothmann, Lars Jessen und Elke Schuch geschriebenen und von Lars Jessen in trostlose Schwedenkrimi-Szenerie gesetzten Film einmal mehr.

          Ein paar überflüssige Details beiseite gelassen – wen interessiert es, dass Katrin König, die in der vergangenen Folge noch ihren Beamteneid über Bord geworfen hat, nun Ablenkung bei spontanem Tinder-Sex sucht und immer wieder Männerfotos hin und herwischt? – nimmt „Kindeswohl“ gerade durch den Verzicht auf Entlastungs- und Wohlfühlmomente auch emotional mit. „Kindeswohl“ zeigt den jugendlichen Täter von Beginn an offen, der Zuschauer weiß Bescheid über seine Kaltblütigkeit. Der Film aber schlägt sich auf keine Seite. Er entschuldigt nicht, er zeigt. Höchstens Bukows Haltung ist eindeutig parteiisch. Zwar hat er den eigenen Sohn als Mittäter nach dem Brand am Club selbst angezeigt, er hält auch mehr von Härte als von Zuhören, aber er wirft sich, obwohl suspendiert, wie eine Löwenmutter ins Geschehen, um sein Kind zu retten.

          Gefährliche Tour: Keno (Junis Marlon, rechts) zwingt Samuel Bukow (Jack Owen Berglund) zur gemeinsamen Flucht.

          Was ihn von König, aber vor allem von der Jugendamtsvorsteherin Ingeliese Poll (Ilona Schulz) unterscheidet. Sie leitet eine notorisch unterbesetzte Behörde, die immer häufiger spontane „Inobhutnahmen“ zu organisieren hat. Ihr Fokus: Jederzeit für Rückendeckung sorgen. So etwas wie Lügde soll bei ihr nicht publik werden. Jeder Minderjährige ist für Poll ein gesetzeskonform abzuwickelnder Vorgang. Ohne die Zusammenarbeit mit privaten Trägergesellschaften wie dem „Heimathafen“ würde für diese Figur, die „Kindeswohl“ als gänzlich abgestumpft darstellt, das System kollabieren. Wie in der Wirklichkeit kümmern sich spezielle, auch kommerzielle Träger wie „Vita Nova“ um die lukrative Vermittlung der Problemkinder nach Polen oder Ungarn. Auf abgelegene Bauernhöfe, wo statt Internetschule nicht selten harte körperliche Arbeit ohne pädagogische Begleitung und Perspektive wartet. Otto Badi (Niklas Post), Kenos einzige Bezugsperson, ist hier gelandet. Einen Brief mit Adresse hat er geschrieben, seitdem versucht er, sich das Leben zu nehmen.

          Parallel entwickelt der Film schließlich Flucht und Endstation auf dem Hof, der wirkt wie aus der Zivilisation gefallen. Kindeswohlgefährdung hat viele Ausprägungen. Der aufrüttelnde „Polizeiruf 110“ zeigt die systembedingte Variante. Über Polizeifilme wie diesen mag man sich nicht zu schnell beruhigen.

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