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„Polizeiruf“ aus Brandenburg : Jungfrau mit Kind?

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Weiche: Pater Anselm (Maciej Robakiewicz) will Jonas (Tom Gronau, rechts) das Böse austreiben. Bild: dpa

Im „Polizeiruf: Heilig sollt ihr sein!“ wird im Namen Gottes operiert: Eine junge Polin soll ihr Kind verlieren, ein Mann will es retten. Glaubensfragen berührt das jedoch nur oberflächlich.

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          Der „Kaiserschnitt“ ist keine Erfindung der Moderne. Aber reicht ein Internetvideo aus, um ihn ohne medizinische Fachkenntnisse durchführen zu können? Im „Polizeiruf“, einem ebenso eigentümlichen wie harten Krimi von der deutsch-polnischen Grenze, macht ein Mann zum Entsetzen zartbesaiteter Zuschauer die Probe. Er schleicht sich in den Operationssaal, in dem die sechzehnjährige Larissa (Paraschiva Dragus) hochschwanger liegt.

          Und siehe da: Ein Kind wird geboren. Der christliche Fanatiker Jonas Fleischauer (Tom Gronau) hat es vorder geplanten Abtreibung bewahrt. Wundersamerweise zeigt es nicht die schweren Behinderungen, die von den Ärzten vorhergesagt worden waren. Jonas entflieht triumphierend. Ihm auf den Fersen: die Kommissare Olga Lenski (Maria Simon) und Adam Raczek (Lucas Gregorowicz) vom deutsch-polnischen Kommissariat. Sie sollen den Mann finden, damit er wegen schwerer Körperverletzung vor einem weltlichen Gericht belangt werden kann. Bald müssen sie aber wegen Mordes ermitteln, denn die Mutter erliegt den zugefügten Verletzungen.

          Einem Teil der Öffentlichkeit, die das Geschehen um ein polnisches Mädchen in einem deutschen Krankenhaus verfolgt, ist der Tod Larissas egal: „Gott hat sie bestraft, sie hat es nicht anders verdient“, raunt Raczeks Mutter (Malgorzata Zajaczkowska). Drehbuchautor Hendrik Hölzemann lässt sie stellvertretend für das katholische Polen auftreten. In der Wohnung von Jonas wiederum sehen wir den Bericht einer polnischen Zeitung aus der Zeit vor dem Verbrechen. Er skandalisiert Larissas Abtreibungswunsch, den in Polen keine Klinik erfüllen will, und beschimpft die deutschen Ärzte als „Handlanger des Todes“.

          Was aus Liebe getan wird

          Darüber eine Pinnwand voller biblischer Texte und Motive, an der auch ausgerechnet ein Nietzsche-Zitat angebracht ist: „Was aus Liebe getan wird, geschieht immer jenseits von Gut und Böse.“ Die Ausschnitte spiegeln den Geisteszustand von Jonas wider: Er hält sich für den Propheten Elias, dessen Wirken der bibelfeste Kommissar Raczek seiner atheistischen Kollegin Lenski – „2000 Jahre altes Buch“, „Märchen“, „Propaganda“ – erst einmal erklären muss.

          Die Frage nach dem Täter ist in diesem „Polizeiruf“, in dem wir auch einer jener Teufelsaustreibungen beiwohnen werden, von der jüngst die MDR-Doku „Weiche, Satan“ erzählte, damit schnell geklärt. Aber wer ist der Vater des Kindes? Larissas Eltern zufolge, die von den Ereignissen derart erregt sind, dass Vater Simon (Shenja Lacher) sich den Kopf blutig schlägt, hatte die Tochter niemals Geschlechtsverkehr. Selbst die Gerichtsmediziner bestätigen Jungfräulichkeit.

          „Heilig sollt ihr sein!“ – in besonders entrückenden Momenten mit zarten Streicherpassagen unterlegt, die sich Komponist Richard Ruzicka bei Arvo Pärt abgehört hat – hätte zu einem provokanten Thriller zum Thema religiöser Wahn werden können. Die Idee zum Film stammt von Matthias Glasner, der erfahrene Rainer Kaufmann führte Regie. Aber der Plan geht nicht auf, obwohl sich Tom Gronau als Jüngling Jonas um einen bleibenden Eindruck bemüht und Klaus Eichhammer, der Kameramann, mit streng komponierten Drohnenbildern aus der Vogelperspektive aufwartet.

          Zum Problem wird der Plot, der nur oberflächlich in die Welt von Jonas eintaucht und sich um Logik nicht sonderlich schert. Hölzemann installiert außerdem zwei drastische Nebenhandlungen zu viel: die Krebserkrankung von Raczeks Mutter, die weitere Dialoge zum Thema Glauben, Schicksal und menschlichen Eingriff ermöglichen soll, sowie ein verwirrend kurzes Drama um eine Opiat-Höhle, in der eine Junkie-Schwester vor lauter Rausch, Schmerz und Liebe handgreiflich wird. Letzteres mag als Parallele zum spirituell benebelten Jonas gedacht sein, es funktioniert in der Gesamtschau allerdings nicht.

          Polizeiruf: Heilig sollt ihr sein!, an diesem Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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