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„Polizeiruf“ aus Brandenburg : Trostlos an der Grenze

  • -Aktualisiert am

Miese Aussichten: Grzegorz Stosz und Anna König im „Polizeiruf“ Bild: rbb

Hier wird nicht nur das Thema verspielt: Der „Polizeiruf 110: Heimatliebe“ präsentiert dem Publikum Verlierer und Verlorene, nur auf das große Schauspiel wartet man vergebens.

          Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg, Bayern oder gar Polen – die sogenannten „Reichsbürger“ halten die ARD-Kommissare von „Tatort“ und „Polizeiruf 110“ auf Trab, nicht nur im Osten der Bundesrepublik. Seit 2018 ist „Braunes Bullerbü“ (Hauptkommissar Bukow alias Charly Hübner) geradezu ein Monothema in den Formaten. Ob im Rostocker „Polizeiruf. In Flammen“ der Mord an einer rechtspopulistischen Politikerin zu einem neovölkischen Biohof mit flachsblondbezopften Kindern führt, im Südwesten der „Tatort: Sonnenwende“ die skrupellose Szene erklärt oder die Münchner Kommissare in „Freies Land“ sich mit Verächtern unserer freiheitlich demokratischen Grundordnung herumschlagen müssen: Nimmt man die Häufigkeit des „Reichsbürger“-Erscheinens hier ernst, dann steht es um die Bundesrepublik schlecht.

          Der „Rechtsruck“ in diesen Formaten führt aber nicht zur Aufklärung, sondern zu einer Verharmlosung des Themas. Obwohl das Gegenteil beabsichtigt ist und der kritische Impetus ehrenwert. Charly Hübner etwa hat sich im Dokumentarfilmbereich mit der Verteidigung des Heimatbegriffs gegen rechtspopulistisch instrumentalisierte Landliebe auseinandergesetzt. Aber hier, in „Tatort“ und „Polizeiruf“, funktioniert es nicht wirklich. Auch nicht durch Wiederholung. Jedenfalls muss das Drehbuch erst noch geschrieben werden, das von der Darstellungsroutine rechter Milieus in den deutschen Krimiformaten erhellend abweicht – so, wie es Thomas Wendrich und Christian Schwochow im ersten Teil der Trilogie „Mitten in Deutschland: NSU“ gezeigt haben.

          Diskussion über die Gefahren radikaler Landnahmen

          „Reichsbürgergebiete“ beziehungsweise „befreite Dörfer“ werden in diesen Krimis als zwar von verblendeten Mordbuben bewohnt dargestellt, aber auch als nostalgische, scheingemütliche Blut-und-Boden-Gemeinschaften, in denen die Ähre noch etwas gilt und zu kräftigem Biobrot vermahlen wird. Über die Gefahren radikaler Landnahmen diskutieren Kommissare vorzugsweise beim Autofahren – wie Bukow und König in „In Flammen“ oder Lenski und Raczek im neuen RBB-„Polizeiruf: Heimatliebe“. So lässt sich auch der informierende Wissensblock unterbringen, der jeden Versuch einer stringent erzählten Geschichte durch in Nachrichtenform dargebrachte Dialoge vernichtet.

          Erster Schultag auf der Wache: Kommissarin Olga Lenski (Maria Simon) bringt ihrer Tochter mit.

          Nie hat man Maria Simon beim Aufsagen ihrer Sätze, bei der drehbuchgemäß brüsken Zurückweisung des „polnischen Traumas“ durch ihre Figur Olga Lenski so lustlos gesehen. Lucas Gregorowicz hat dagegen einen Schnellkurs im polnisch rechtsnationalistischen Gesinnungsspektrum anzubieten („denen ist die P.I.S. zu links“) und verweist pauschal auf deutsche „Vertriebenenverbände“, die immer noch nach der Wiederherstellung des Deutschen Reiches in den Grenzen von 1938 riefen. Wirklich?

          Zur Erinnerung: Die Deutsche Lenski (eine Halbrussin) und der Pole Raczek sind Mitglieder einer deutsch-polnischen Polizeieinheit und für grenzüberschreitende Fälle zuständig. Zur RBB-Mentalitätsfrage gehört, dass Lenski als alleinerziehende Mutter oft mit Betreuungsproblemen kämpft, während bei Raczek traditionell-katholische Familie und Ehering zur Grundausstattung gehören. Dieses Mal ermitteln sie im Fall eines ermordeten polnischen Bauern, der mit Sohn Tomasz (Joshio Marlon) und deutscher Frau Jenny (Anna König), die als habgierige Friseuse mit Landnahmephantasien aus Frankfurt/Oder porträtiert wird, auf einem heruntergekommenen Hof lebte. Bei einem Brandanschlag durch Deutsche war zuvor schon das Vieh verendet. Der rechtsnationale Bruder des Toten, Andrzej Sekula (Marcin Pietowski), pfeift auf die deutsche Polizistin und ermittelt auf eigene Faust. Lenski bekommt es mit dem Waffennarr Jaschke (Waldemar Kobus) zu tun, der die „Provinz Preußen“ ausgerufen hat. Sie trifft auf einen alten Bekannten, Roland von Seedow-Winterfeld (Hanns Zischler) und seine aristokratische Mutter (Gudrun Ritter), die es in die alte Heimat zurückzog.

          In „Heimatliebe“ wird nicht nur das Thema verspielt, die Zusammenhänge wirken banal (Buch und Regie Christian Bach, Kamera Wolfgang Aichholzer). Lenski und Raczek plagen sich mit Nichtverstehen, während man selbst auf den Gudrun-Ritter-Moment, oder vielleicht den Zischler-Ritter-Moment großer Schauspielkunst wartet und Däumchen dreht.

          Polizeiruf 110: Heimatliebe, am Sonntag um 20.15 Uhr im Ersten.

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